bedeckt München
vgwortpixel

Zukunft der Arbeit:Die Arbeit steht vor dem Kapital

Die Industrialisierung zerstörte das Bild von der geordneten Arbeit in einer geordneten Welt. Schon immer war dies ein Idealbild gewesen; es blendete die Mühsal der vorindustriellen Wirtschaft aus, die auf die Hungerkrisen der frühen Neuzeit keine Antwort hatte - und manchmal war es auch ein furchtbares Zerrbild, das auch dazu führte, dass den Juden die angeblich ehrbaren Handwerksberufe verboten wurden. Doch was im 19. Jahrhundert geschah, war tatsächlich neu: die Verdichtung der Arbeit in Fabriken, ihre Zerteilung in kleine Produktionsschritte, die Spaltung in wenige Kapitalbesitzer und viele, die nichts hatten als ihre Arbeitskraft. Marxisten und christliche Sozialethiker fanden denselben Begriff für diesen Prozess - Entfremdung. Für die Marxisten bedeutete das: Der Arbeiter schuftet für das Kapital der anderen. Für Christen hieß es, dass sich die Arbeit ihres Sinns beraubte, ihrer anthropologischen, ethischen und moralischen Dimension.

Gegen die Entfremdung und für den Sinn der Arbeit - das ist seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert der Kern der katholischen Soziallehre und der evangelischen Sozialethik. Zunächst traten die Kirchen und ihre Arbeitervereine für bessere Arbeitsbedingungen ein, für den Schutz der Sonn- und Feiertage und für einen gerechten Lohn: Auch die Arbeiter sollten Privateigentum bilden können. Bis heute gehört der sogenannte Investivlohn zu den Forderungen katholischer Sozial-Erklärungen: Mit einem Teil des Lohns erwerben die Arbeitnehmer Anteile an dem Unternehmen, für das sie arbeiten. Die Massenarbeitslosigkeit in Europa und den USA als Folge der Weltwirtschaftskrise von 1929 rückte die Frage nach einem Recht auf Arbeit ins Zentrum. Erwerbsarbeit gehört zum Menschsein, schrieb Papst Pius XI. 1931 in seiner Sozialenzyklika "Quadragesimo Anno", 40 Jahre nach "Rerum Novarum", deshalb dürfen Kapitalinteressen nicht darauf abzielen, dass Menschen massenhaft von der Erwerbsarbeit ausgeschlossen werden.

Die Arbeit steht vor dem Kapital - keiner hat den Gedanken so klar formuliert wie Papst Johannes Paul II. in seinem Rundschreiben "Laborem exercens" von 1981. Die Enzyklika spiritualisiert in höchstem Maß den Wert der Arbeit: "Die Arbeit ist ein Gut für den Menschen - für sein Menschsein -, weil er durch die Arbeit nicht nur die Natur umwandelt und seinen Bedürfnissen anpasst, sondern auch sich selbst als Mensch verwirklicht, ja gewissermaßen 'mehr Mensch wird'". Der Gedanke prägt die Haltung der Kirchen zur Arbeit, zum Beispiel im gemeinsamen Sozialwort der Kirchen in Deutschland von 1997: "Aus christlicher Sicht ist das Menschenrecht auf Arbeit unmittelbarer Ausdruck der Menschenwürde. Der Mensch ist für ein tätiges Leben geschaffen."

Doch: Die Arbeit hat sich gewandelt. Den Arbeiter am Fließband gibt es immer seltener. Die Arbeitswelt hat sich vielmehr gespalten. Es gibt die hochqualifizierten, flexibel arbeitenden Menschen, die immer mehr leisten müssen. Und es gibt die hoffnungslos schlecht qualifizierten Menschen und solche in prekären Arbeitsverhältnissen, die sich in der Grauzone zwischen Arbeitslosigkeit und Beschäftigung ein Leben lang von Job zu Job hangeln; auch Studierte sind unter ihnen. Es gibt Frauen, die allzu gern eine qualifizierte Arbeit hätten, fänden sie nur eine Kinderbetreuung - und Menschen, die bewusst ihre Arbeitszeit reduzieren; Rentner, die fit genug sind, um sich sozial zu engagieren. Es verschwinden die lebenslangen, gesicherten Arbeitsverhältnisse, auf die sich die christliche Lehre bezieht. Der Arbeitsmarkt ist global geworden - was zählt da noch die Rede von der Würde der Arbeit?

Wieder einmal gibt es Res Nova, neue Dinge. Wie vor 120 Jahren, als Papst Leo zur Feder griff, droht die Arbeitswelt aus den Fugen zu geraten. Wer arbeitet, muss sich der weltweiten Konkurrenz stellen und einer entgrenzten Flexibilisierung unterwerfen, sich weiterbilden, um mithalten zu können. Strukturen der Solidarität werden schwach und verschwinden, weil die Arbeit sich individualisiert, und Gewerkschaften auch nur mäßig befriedigende Antworten haben. Papst Benedikt XVI. hat in seiner ersten Sozialenzyklika "Caritas in veritate" (Die Liebe in der Wahrheit) dies angesprochen, ohne tatsächlich die erste Globalisierungs-Enzyklika der katholischen Kirche zu schreiben; auch die evangelischen Erklärungen haben das noch nicht geschafft.

Dabei hat die christliche Sozialethik eine unvergleichliche Stärke: Das weltweite Christentum kann der globalisierten Wirtschaft eine globale Ethik zur Seite stellen. Sie kann die Würde des Einzelnen einfordern, wenn es um den gerechten Lohn, um gute Arbeitsbedingungen, um den Rhythmus von Arbeit und Ruhe geht. Sie kann die Solidarität dort fördern, wo der flexibel-individuelle Arbeitnehmer glaubt, er stünde alleine da - und die weltweite Solidarität der Arbeitenden in den armen und den reichen Ländern. Und sie kann, wo auch immer, erklären: Arbeit ist mehr als Broterwerb, sie ist Teil des Menschseins, des Lebenssinns. Deshalb kann nicht egal sein, was und wie der Mensch arbeitet. Die alten, konservativen Gedanken des dreizehnten Leo-Papstes: Sie klingen heute sehr modern, geradezu postmodern.