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Zukunft der Arbeit:"Dieses Modell kann nicht funktionieren"

SZ: Was genau meinen Sie?

Wagner: Ein Vergleich macht das deutlich: Während die Arbeitslosenquote der Uni- und FH-Absolventen seit 1975 von zwei auf vier Prozent gestiegen ist, hat sich die der Erwerbspersonen ohne Abschluss im gleichen Zeitraum vervielfacht. Sie stieg von sechs Prozent 1975 auf mehr als 25 Prozent dreißig Jahre später. Es ist diese Zweiteilung, die zum Problem wurde. Weil sich die nicht oder schlecht ausgebildeten Menschen kaum noch selbst helfen können.

SZ: Was muss der Staat tun?

Wagner: Er muss für bessere Bildungs- und Ausbildungschancen im bildungsfernen Milieu sorgen. Auch mit höheren Bildungsausgaben, die - so meine ich - mit höheren Steuern und Studiengebühren finanziert werden sollten. Das wird sich im Übrigen letztlich für alle rechnen, denn es kann verhindern, dass jahrelang Sozialtransfers gezahlt werden müssen, wenn Menschen ohne Abschluss in die Langzeitarbeitslosigkeit abrutschen. Und es hilft, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden.

SZ: Marx und Engels hatten die Vision, eine neue, gerechtere soziale Ordnung zu schaffen. Warum hat sich auch dieser Gegenentwurf - die Produktionsmittel in die Hände der Arbeiter zu legen - nicht durchgesetzt?

Wagner: Das lag vor allem daran, dass marxistische Politiker dieses Ziel mit einer Zentralverwaltungs-Wirtschaft erreichen wollten. Dieses Modell kann aber einfach nicht funktionieren. Es überfordert die Planungsmöglichkeiten des Staates und schafft keine produktiven Anreize. Andere Formen der Mitarbeiterbeteiligung am Firmenkapital sind ja heute sehr modern und erfolgreich. Nehmen sie das Beispiel Großkanzleien, wo es um hochqualifizierte Beschäftigte geht: Dort wird Partner, wer lange und erfolgreich mitgearbeitet hat. Mitarbeiter werden also für Treue belohnt. Dadurch arbeiten sie im Sinne des Unternehmens, obwohl es auf dieser Ebene schwer ist, die individuelle Leistung zu messen und fair zu bezahlen.

SZ: Getrieben von der Globalisierung, entwickelte sich die Wirtschaft mancherorts wieder stark in Richtung Manchester-Kapitalismus. Die Arbeitsbedingungen in der IT-Branche in Asien zum Beispiel ähneln den Zuständen in Englands Fabriken des 19. Jahrhunderts. Erleben wir eine Rückkehr des Phänomens?

Wagner: Leider ja. In vielen Ländern gibt es weder wirksame Vorschriften des Staates noch Gewerkschaften, die den Schutz der Arbeitnehmer sicherstellen. Man kann nur hoffen, dass sie rasch aus den Erfahrungen der alten Industrienationen lernen und das ändern. Es gibt da ja kaum Möglichkeiten, von außen einzugreifen.

SZ: In Deutschland kommen die Gewerkschaften derweil aus der Mode. Viele verlieren Mitglieder. Warum?

Wagner: Viele Beschäftigte hatten das Gefühl, dass sie die Gewerkschaften nicht mehr brauchen und sich individuell besser selbst vertreten können. Aber das ist eine Illusion. Die Lohnentwicklung der vergangenen Jahre zeigt das sehr deutlich: Die vermeintliche individuelle Freiheit hat dazu geführt, dass für viele Beschäftigte in Deutschland die Reallöhne gesunken sind.