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Vorwürfe an "Stiftung Lesen":Lesen lernen - mit Schleichwerbung

Umstrittene Unterrichtsmaterialien der "Stiftung Lesen": In Texten für Schüler werden die Vorzüge der Bahn erklärt und Kinderkonten empfohlen. Lehrer werfen der Lese-Stiftung Schleichwerbung vor.

Welche Grenzen müssen nicht-staatliche Akteure einhalten, wenn sie mit Schulen kooperieren? Mit dieser Frage hat die gemeinnützige "Stiftung Lesen" zu kämpfen, sie steht seit vergangener Woche wegen Schleichwerbungsvorwürfen in der Kritik.

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Betreibt die "Stiftung Lesen" Schleichwerbung in Schulen? Lehrer erheben Vorwürfe gegen die gemeinnützige Stiftung.

(Foto: dpa)

Der Chef des Deutschen Philologenverbands (DPhV), Heinz-Peter Meidinger, hatte im ARD-Magazin Report Mainz zur Arbeit der Stiftung erklärt: "Es wird hier zu stark auf Kooperationen mit einzelnen Firmen und Industrieunternehmen gesetzt, die sich selber auch stark in den Vordergrund schieben." Meidinger dringt auf "Korrekturen" bei den Arbeitsmaterialien: Mit diesen werde das Vertrauen ausgenutzt, das die Lehrer in die Stiftung Lesen haben.

Nach den Recherchen des ARD-Magazins ermöglicht es die Stiftung Unternehmen, durch Unterrichtsmaterialien gezielt Markenwerbung zu platzieren. Vor allem über den "Lehrerclub" würden firmenfinanzierte Materialien zur Leseförderung vertrieben. Demnach wird etwa in einer von der Mainzer Volksbank gesponserten Grundschüler-Mappe zum Thema Geld zugleich ein Kinder-Konto beworben. Und eine Broschüre für Schüler der Klassen acht bis zehn mit dem Titel "Unterwegs in der Welt der Bahn" betreibt offenkundig mehr die Imagepflege der Bahn als didaktische Zwecke.

Die Stiftung, 1988 zur Förderung der Lesekultur vor allem bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien gegründet, genießt eigentlich vortreffliches Ansehen: Projekte mit Kindergärten, Schulen, Bibliotheken und Medien finden regen Anklang, Kultusministerien preisen die Stiftung gern als Partner. Erst jüngst hat das hessische Ministerium in einer Pressemitteilung die Kooperation beworben, zum Beispiel die Aktion "Vorlesekoffer für Kinderheime".

Der DPhV ist auch Mitglied des Stiftungsrates. Ein Sprecher der Stiftung sagte, man nehme die Vorwürfe sehr ernst. Und: "Mit einem Unternehmen, das die Stiftung Lesen für reine PR-Arbeit nutzen möchte, arbeiten wir nicht zusammen." Aber man sei überrascht, von den Vorwürfen des Lehrerverbandes über die Presse erfahren zu haben, nicht in den Gremiensitzungen.

"Wir sind keine Auftragsagentur der Wirtschaft. Wir haben bei den betroffenen Fällen offenbar nicht genau genug hingeschaut", stellte Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung, im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung klar.

Alle Materialien, die im Einsatz sind, würden nun "umgehend auf den Prüfstand gestellt". Er hofft, dass "das gesamte Ziel nicht in Abrede gestellt wird". Lesen sei einer der wichtigsten Schlüssel für Bildung, die Pisa-Studie habe zuletzt für Deutschland keine Verbesserungen bei diesen Kompetenzen gebracht. Auch Klagen der Wirtschaft über mangelnde Ausbildungsreife von Bewerbern bezögen sich oft aufs Lesen.

Die Debatte dürfte aber Kritiker beflügeln, die grundsätzlich vor dem Einfluss von Stiftungen und Firmen im Schulbereich warnen und sich nun wohl in ihrer Haltung bestätigt fühlen.