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Ungebildete Azubis:Sogar Grundschüler lesen besser

Unpünktlich, disziplinlos, dumm: 74 Prozent der Betriebe in Deutschland beklagen die mangelnde Ausbildungsreife ihrer Azubis. Schuld sind die Schulen - und das Elternhaus.

Die Unternehmen in Deutschland haben immer größere Schwierigkeiten, geeignete Lehrlinge zu finden. Gründe seien die sinkende Zahl an Bewerbern, aber auch die mangelhafte Ausbildungsreife vieler Jugendlicher, erklärte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin. "Nicht Lehrstellen, sondern Bewerber sind knapp", sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben bei der Vorstellung einer Umfrage unter 15.000 Unternehmen.

Keine Wunschkandidaten

"Die demografische Trendwende schlägt voll auf den Ausbildungsmarkt durch." Da viele Unternehmen die Folgen der Rezession noch nicht verdaut hätten, dürfte die Wirtschaft in diesem Jahr nur knapp 300.000 Lehrstellen anbieten und damit etwa 15.000 weniger als im Vorjahr. Bei deutlich anziehender Konjunktur könnten die Firmen aber etwas mehr Stellen schaffen, sagte Wansleben. Im Krisenjahr 2009 gingen rund 30.000 Ausbildungsplätze verloren.

Für die Firmen werde es mit der erwarteten Entwicklung schwieriger, sich ihre Wunschkandidaten herauszufischen. Selbst im Rezessionsjahr 2009 hätte jeder fünfte Betrieb nicht alle Ausbildungsplätze besetzt, sagte Wansleben. Dies waren bei Industrie, Handel und Dienstleistern rund 50.000 Stellen. Laut DIHK hat dies auch demografische Ursachen: In Westdeutschland seien die Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz von 2005 bis 2009 um 110.000 oder 20 Prozent gesunken, weil sich mehr Jugendliche für das Abitur entschieden hätten.

Nachhilfe für Azubis

Schulabgängern fehlten immer öfter die Grundvoraussetzungen für eine Ausbildung, klagen die Betriebe. Mehr als jedes zweite Unternehmen organisiere Nachhilfe und müsse zunehmend ausbügeln, was Elternhaus und Schule versäumt hätten, betonte Wansleben.

Dabei gehe es nicht nur um Rechnen, Schreiben und Lesen. Immer häufiger mangele es auch an Disziplin, Teamfähigkeit und Pünktlichkeit. Hier seien vor allem die Eltern gefragt, die ihren Kindern eine bessere "Alltagskompetenz" vermitteln müssten, forderte Wansleben. Nach Einschätzung des DIHK sind rund 20 Prozent eines Jahrgangs nicht ausbildungsreif. Etwa die Hälfte davon habe keinen Schulabschluss, der Rest trotz Abschlusses beim Lesen und Schreiben nur das Niveau eines Viertklässlers.

Falsches Pauschalurteil

Die Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) kritisierte den Vorwurf fehlender Ausbildungsreife als zu pauschal. Zudem gebe es nach wie vor zu wenig Lehrstellen, erklärte DGB-Bundesjugendsekretär Rene Rudolf. Die Firmen müssten sich darüber im Klaren seien, dass Jugendliche bei Ausbildungsbeginn noch keine fertigen Fachkräfte seien.

Hauptgrund für die Bereitschaft zur Ausbildung ist für die meisten Betriebe laut Umfrage, sich künftige Fachkräfte zu sichern. Rund 15 Prozent der Firmen planen in diesem Jahr mehr Lehrstellen anzubieten. Jeder vierte Betrieb hingegen will seine Ausbildungsplätze abbauen, 60 Prozent wollen ihr Angebot auf dem Vorjahresniveau halten. Branchenweit am zuversichtlichsten sei das Gastgewerbe, gefolgt von Banken und Versicherungen. Auch Bau und Handel zeigten sich weniger skeptisch als noch vor einem Jahr.

Die Uni wird zur Konkurrentin

Medienunternehmen und IT-Firmen jedoch dürften ihr Ausbildungsangebot kürzen. Konkurrent für eine duale betriebliche Ausbildung wird zunehmend das Studium. Denn immer mehr Schulabgänger eines Jahrgangs zieht es an die Universität oder andere Hochschulen.

Die Linksfraktion im Bundestag forderte als Konsequenz auf die fehlende Ausbildungsreife eine Reform des deutschen Schulsystems. Das gegliederte Schulsystem müsse aufgebrochen werden, sagte die Bildungsexpertin Rosemarie Hein. Offensichtlich würden im gegliederten Schulsystem nicht alle Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer individuellen Leistungsfähigkeit gefördert, "sondern es wird aussortiert". Darum fordere die Linke nachdrücklich den Umstieg zu einem Schulsystem mit einer Gemeinschaftsschule für alle Kinder.

© sueddeutsche.de/DAPD/Reuters/holz

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