bedeckt München 16°

Tipps vom Zeitberater:"Jeder Mensch hat eine individuelle Zeitnatur"

Viele Leute beklagen auch, sie seien um acht Uhr morgens noch nicht einsatzfähig.

Jeder Mensch hat eine individuelle Zeitnatur, die er für sich selbst finden muss. Wer jahrelang gegen seine innere Uhr lebt und arbeitet, bekommt irgendwann einen Burn-out. Generell kann man sagen, dass es zwei Phasen am Tag gibt, zu denen die meisten Menschen besonders leistungsfähig sind. Einmal morgens zwischen neun und zwölf und dann wieder zwischen 15 und 18 Uhr. Es empfiehlt sich also, besonders stressige Aufgaben eher morgens zu erledigen.

Gilt das auch für Kinder? Der frühe Unterrichtsbeginn in Deutschland steht immer wieder zur Diskussion ...

In der Pubertät verschieben sich die Phasen nach hinten. Bis etwa 15 Jahre sind Heranwachsende schon ab acht Uhr aufnahmebereit, während 15- bis 17-Jährige erst eine Stunde später in die Gänge kommen. Lehrer schimpfen dann gerne auf die Jugendlichen, sie seien zu spät ins Bett gegangen - doch die Schüler können oft nichts dafür. Man sollte vielmehr überlegen, weiterführende Schulen etwas später beginnen zu lassen.

Das könnte wiederum mit den Zeitvorgaben der Eltern kollidieren, die pünktlich um acht Uhr im Büro sein müssen.

Die Elternbedürfnisse müssten davon nicht berührt werden. Man kann die Schule ja um halb acht öffnen. Die Frage ist, wann man mit dem Unterricht anfängt - und welche Lernansprüche zu welcher Zeit zu erfüllen sind. Morgens ist in der Regel das Kurzzeitgedächtnis aufnahmefähiger, nachmittags das Langzeitgedächtnis. Wenn Sie mich fragen: Es ist geradezu lächerlich, dass die Schule aufs Leben vorbereiten soll, aber keine Gleitzeit hat.

Gutes Stichwort: Ist Gleitzeit die Lösung vieler Zeitprobleme?

Das Problem ist: Wir lernen nur sehr schwer, uns nach unserer inneren Uhr zu richten. Es gibt Untersuchungen, dass sich Menschen in dem Moment einen Wecker kaufen, wo sie Gleitzeit arbeiten können. Sie kommen mit der Freiheit, die sie nun haben, nicht zurecht und standardisieren sich selbst. Man muss ihnen erst beibringen, ihre eigene Zeitrhythmik zu erkunden und zu fragen: Wann kann ich meine Fähigkeiten am besten zum Einsatz bringen? Zu welchen Zeiten sind Aufwand und Ertrag am optimalsten? Wenn man diese Fragen für sich beantwortet hat und entsprechend handelt, ist Gleitzeit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine gute Sache.

Der Gegenentwurf ist die Schichtarbeit, in der Arbeitnehmer überhaupt keine zeitlichen Spielräume haben.

Schichtarbeit ist problematisch, am katastrophalsten sind permanent wechselnde Schichten. Unternehmen, in denen rund um die Uhr gearbeitet werden muss, empfehlen wir: Teilt eure Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum für dieselbe Schicht ein. So können auch Nachtarbeiter entlastende Alltagsroutinen entwickeln. Dennoch: Wer 15 Jahre oder länger in Schichtarbeit tätig ist, bekommt in der Regel gesundheitliche Probleme.

Wir leben in einer Zeit, in der nicht nur das Arbeitsleben durchgetaktet ist. Gibt es Leute, die sich von Ihnen in Sachen Freizeit beraten lassen?

Meistens gehen Arbeitszeit- und Freizeitkonflikte Hand in Hand. Leute, die nicht wissen, wie sie ihre Freizeit gestalten sollen, kommen selten. Das ist ja auch mit einer gewissen Scham behaftet: Wer bekennt sich schon gerne zu einem solchen Luxusproblem?

Wofür verschwenden Sie gerne Zeit?

Ich sitze gerne am Fenster und schaue der Zeit zu, wie sie vergeht.

© Süddeutsche.de/dd/rus

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite