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Spanien will die duale Ausbildung:Lehre auf die Merkel'sche Tour

Im Kampf gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit wollen Madrid und Berlin gemeinsam das deutsche Berufsbildungssystem in Spanien verbreiten. Spaniens Bildungsminister und seine deutsche Amtskollegin haben schon genaue Pläne - doch sie müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten.

Roland Preuss

Auf die Frage, wie viele ihrer Schüler denn später einen Job bekommen, gibt sich Susanne Gierth ganz selbstbewusst: "Alle", sagt die stellvertretende Leiterin von Aset Madrid, einer der wenigen deutschen Berufsschulen im Ausland. Das klingt eindrucksvoll für ein Land, das gerade alle Negativrekorde in der Jugendarbeitslosigkeit bricht.

Arbeitslose Jugendliche protestieren in Spanien

In Spanien geht die Jugend auf die Straße und protestiert gegen die aus ihrer Sicht ausweglose Situation.

(Foto: dpa)

Gut 52 Prozent der jungen Leute unter 25 haben in Spanien keine Stelle, eine ganze Generation steckt in der Perspektivlosigkeit. Zum Vergleich: In Deutschland sind es nur 7,9 Prozent. Kein Wunder also, dass man in Spanien nach dem Erfolgsrezept der Deutschen forscht und glaubt, es im dualen System gefunden zu haben, also der parallelen Ausbildung in Unternehmen und Berufsschule. Spanische Medien bestürmen bereits seit Monaten die Aset in Madrid und berichten über die "Educación a lo Merkel".

Nun wollen die beiden Regierungen diese Begeisterung nutzen: An diesem Donnerstag fliegt Spaniens Bildungsminister José Wert Ortega eigens nach Stuttgart, um mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan auf einer Deutsch-Spanischen Ausbildungskonferenz zu besprechen, wie man das Muster deutscher Azubi-Laufbahnen auf der Iberischen Halbinsel verbreiten kann. Gemeinsames Ziel sei, "möglichst schnell an möglichst vielen Orten in Spanien eine solche Berufsausbildung anzubieten", sagt Schavan. Das Projekt solle "zum Modell auch für andere Länder werden". Helfen sollen dabei vor allem spanische Unternehmen mit Niederlassungen in Deutschland sowie deutsche Konzerne, die in Spanien vertreten sind; sie sind zu dem Stuttgarter Treffen eingeladen. Denn ohne einen Ausbildungsplatz in einem Unternehmen hilft die schönste Berufsschule nichts.

Und schon hier hapert es in Spanien gewaltig. Die meisten Firmen fühlen sich nicht für die Ausbildung verantwortlich, Azubis in deutschem Sinne gibt es nicht, und die Qualifizierung, die es gibt, genießt minimales Ansehen. Der spanische Lehrling gilt als Restposten des Bildungssystems, der es allenfalls zum Handlanger bringt. Mit beruflicher Praxis wird er wenig behelligt, 80 Prozent der Zeit verbringt er in Schulen oder Lehrwerkstätten, erst am Ende darf er als Praktikant eine Firma betreten.

Nötig sei deshalb ein "Werte- und Kulturwandel in Familien und Unternehmen", sagt der Vorsitzende des Aset-Trägervereins, Bernhard Iber. Denn Spanier gehen lieber studieren, gut zwei Drittel eines Jahrgangs besuchen eine Hochschule - und werden danach häufig Regaleinräumer oder Barmixer, wenn es überhaupt einen Job für sie gibt.

Uneigennützig ist Schavans Bildungshilfe nicht: Die spanischen Azubis sollen Deutsch lernen und damit leichter eine Arbeit in der Bundesrepublik finden. Bislang scheitert ihre Jobsuche oft an den mangelnden Sprachkenntnissen. Künftig könnten sie fehlende Fachkräfte ersetzen.

An den Aset-Schulen in Madrid und Barcelona hat der Wandel bereits begonnen, sagt Susanne Gierth: Früher sind 80 Prozent der Schüler eigens aus Deutschland gekommen, machten ihre Ausbildung in Madrid und besuchten den deutschsprachigen Unterricht in den Räumen eines alten Klosters. Für diesen Sommer plant die Schule erstmals Unterricht auf Spanisch. Vom neuen Jahrgang sind 90 Prozent Spanier.

© SZ vom 12.07.2012/wolf

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