Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz:"Kampf um Machtvorteile"

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Stimmt das Klischee denn, dass sexuelle Belästigung meistens von Vorgesetzten ausgeht?

Nein. Die meisten Fälle finden unter Kollegen statt. Was aber nicht heißt, dass Macht keine Rolle spielt - im Gegenteil. Oft nimmt der Täter oder die Täterin eine Schlüsselfunktion ein, verfügt beispielsweise über Informationen, ohne die andere ihre Arbeit nicht machen können. Oder er/sie ist ein Protegé des Chefs. Sexuelle Belästigung muss nicht nur einen sexuellen Hintergrund haben, dahinter steckt häufig auch ein Kampf um Machtvorteile. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass Männer, die das Gefühl haben, Frauen laufen ihnen im Job den Rang ab, und die gleichzeitig eine stark maskuline Identität besitzen, verstärkt potenziell belästigendes Verhalten zeigen.

Der bedrohte Macho als typischer Täter?

Den typischen Täter gibt es genauso wenig wie die typische Täterin. Hier geht es weniger um stabile Persönlichkeitszüge, als vielmehr um eine durchaus situative Einstellung zum anderen Geschlecht. Verändern sich die Rahmenbedingungen, beispielsweise durch einen Jobwechsel, kann derselbe Mitarbeiter plötzlich durchaus einen respektvollen Umgang mit seinen Kolleginnen pflegen. Genauso verhält es sich mit dem Aspekt "sex drive". Sowohl Männer als auch Frauen, die Sexualität im Alltag einen hohen Stellenwert beimessen, also einen starken "sex drive" haben, neigen eher zu potenziell belästigenden Verhaltensweisen am Arbeitsplatz. Auch narzisstische Persönlichkeiten sind anfälliger. Aber all diese Persönlichkeitsfaktoren spielen eine untergeordnete Rolle - entscheidend ist das Arbeitsumfeld.

Wie sieht eine Unternehmenskultur aus, die sexueller Belästigung vorbeugt?

Wichtiger als ein Reglement gegen sexuelle Belästigung ist die Gestaltung des Miteinanders. Gerade Männer machen oft zu, wenn sie mit dem Thema konfrontiert werden - sie fühlen sich schnell pauschal als Täter abgestempelt. Natürlich muss es trotzdem eine entsprechende Unternehmensrichtlinie geben, damit im Zweifelsfall klar ist, welche Rechte das Opfer hat und welche Sanktionen dem Täter drohen. Aber wenn der Arbeitsalltag von gegenseitigem Respekt geprägt ist, wenn Arbeitnehmern Wertschätzung entgegengebracht wird, wenn sie das Gefühl haben, dass sie bei wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht haben, dass es gerecht zugeht, dann entsteht gar nicht erst der Nährboden für sexuelle Belästigung. Wichtig ist, dass das Management die entsprechenden Werte und ethischen Grundsätze vorlebt.

Der Chef hat also Vorbildfunktion?

Vorgesetzte sind Rollenmodelle. Manchmal gibt es nur in einer einzigen Abteilung Probleme mit sexueller Belästigung - vermutlich auch, weil es der Abteilungsleiter zumindest versäumt, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Andersrum kann es eine enorme Wirkung haben, wenn der Chef beispielsweise bei einem abwertenden Spruch gegenüber einem schwulen Mitarbeiter öffentlich einschreitet und klar macht: So etwas kann verletzend und respektlos sein, also wird hier größte Zurückhaltung erwartet. Nicht selten herrscht in Unternehmen eine falsche Vorstellung darüber, was akzeptiert ist. Da wird bei sexuell anzüglichen Sprüchen gegenüber einer Kollegin oder einem Kollegen geschwiegen, weil man befürchtet, als Feministin oder Weichei abgestempelt zu werden, wenn man etwas sagt. Dabei haben eigentlich alle das Gefühl, dass das nicht in Ordnung war.

Flirten gehört für viele am Arbeitsplatz dazu. Fördern Neckereien sexuelle Belästigung?

Nein. Einem Flirt liegt gegenseitiger Respekt zugrunde, der fehlt bei sexueller Belästigung. Die meisten haben ein natürliches Gespür dafür, was in welcher Beziehung geht - und was zu weit geht. Mit dem einen Kollegen kann man beispielsweise ganz wunderbar dreckige Witze reißen und gemeinsam darüber lachen, während man mit dem anderen Kollegen ganz selbstverständlich nur unverfänglichen Smalltalk macht. Spätestens wenn die Kollegin offensichtlich beschämt ist von einem Spruch oder der Kollege überhaupt nicht auf die Neckerei eingeht, ist das ein unübersehbares Stopp-Zeichen.

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