Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz:"Männer werden kaum als Opfer wahrgenommen"

Lesezeit: 5 min

Dreckige Witze, eindeutige Anspielungen oder dumme Homo-Sprüche: Auch Männer machen im Job Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Sozialpsychologin Franciska Krings über Frauen als Täterinnen, die Rolle von Chefs und Flirten im Job.

Von Johanna Bruckner

Wer belästigt wen, wie und warum? Ein Team aus Schweizer Wissenschaftlern hat in einer aufwändigen Studie das Phänomen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz untersucht. Die Ergebnisse der Forscher räumen mit einem Klischee auf: Nicht nur Frauen sind im Job mit anzüglichen Sprüchen und plumpen Anmachen konfrontiert. Im Interview erklärt Studienleiterin Franciska Krings, Professorin für Sozialpsychologie an der Uni Lausanne, was Unternehmen zur Prävention tun können.

SZ.de: Frau Krings, ein Ergebnis Ihres Forschungsprojekts ist, dass genauso viele Frauen wie Männer in ihrem Berufsleben schon mal Ziel von potenziell belästigendem Verhalten waren. Hat Sie das überrascht?

Franciska Krings: Dass grundsätzlich auch Männer betroffen sind, war aus vorangegangen Studien bekannt. Dass aber fast jeder zweite befragte Mann angab, in seinem Arbeitsleben schon mal Ziel einer unerwünschten, potenziell belästigenden Verhaltensweise geworden zu sein, war ein Ergebnis, mit dem wir so nicht gerechnet hätten. Solche Verhaltensweisen reichen von unangenehmen, sexuell konnotierten Sprüchen und Gesten bis hin zu ungewollten Küssen oder Berührungen. Interessant ist dabei: Wenn Frauen entsprechende Erfahrungen machen, steht dahinter meist ein Mann oder mehrere Männer. Wenn dagegen Männer das Ziel sind, ist häufiger eine gemischtgeschlechtliche Gruppe verantwortlich.

Frauen sind also eher Mitläufer?

Fest steht, dass Frauen eher in Gruppen zu handeln scheinen. In unserer Studie gingen etwa 50 Prozent der potenziell belästigenden Verhaltensweisen von Männern aus, in etwa einem Viertel der Fälle waren sowohl Männer als auch Frauen beteiligt und in einem Sechstel war tatsächlich eine einzelne Frau Täterin. Grundsätzlich muss man aber sagen: Frauen sind genauso anfällig für sogenannte "Unternehmenskultureffekte" wie Männer. Sprich: Wenn es in einer Firma oder Abteilung beispielsweise üblich ist, dass anzügliche Bemerkungen gemacht werden, dann wird dieses Verhalten von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen adaptiert. Vermutlich spielt hier der Wunsch nach Zugehörigkeit, beziehungsweise die Angst, als prüde und verklemmt abgestempelt und ausgegrenzt zu werden, eine entscheidende Rolle.

Einen Unterschied gibt es zwischen Männern und Frauen: Frauen fühlen sich häufiger betroffen von sexueller Belästigung als Männer.

Wichtig ist in diesem Kontext zunächst der Unterschied zwischen Erleben und Betroffensein. Nehmen wir an, im Büro macht ein Werbevideo die Runde, in dem eine leicht bekleidete Pamela Anderson die aufreizende Chefin gibt. Darüber werden einige lachen und dann zum Tagesgeschäft übergehen. Andere werden das schon als Belästigung empfinden. Möglicherweise weil es nicht die erste sexuell konnotierte Aktion des Kollegen ist, der den Clip in Umlauf gebracht hat. Es kommt also immer auf die persönliche Perspektive an. Wir sprechen deshalb vom Erleben einer potenziell belästigenden Verhaltensweisen einerseits und sexueller Belästigung - also dem tatsächlichen Empfinden, belästigt zu werden - andererseits. Und da ist es tatsächlich so, dass Frauen und Männer zwar etwa gleich oft entsprechende Erfahrungen machen, Frauen diese aber häufiger als sexuelle Belästigung wahrnehmen.

Wie erklären Sie sich das?

Ich denke, das hat viel mit Machtempfinden beziehungsweise auch faktischen Machtunterschieden zu tun. Frauen stehen in der Unternehmenshierarchie immer noch häufig unter Männern. Dazu kommt die körperliche Unterlegenheit. Sie sind in der schwächeren Position und bewerten solche Situationen deshalb eher als bedrohlich. Daneben hat sicherlich auch die unterschiedliche Sensibilisierung der Geschlechter Einfluss. Wenn wir über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sprechen, haben die meisten das Bild vom Chef im Kopf, der gegenüber seiner Sekretärin übergriffig wird. Männer werden kaum als Opfer wahrgenommen. Dementsprechend kommen die wenigsten auf die Idee, sich selbst so zu sehen.

"Kampf um Machtvorteile"

Stimmt das Klischee denn, dass sexuelle Belästigung meistens von Vorgesetzten ausgeht?

Nein. Die meisten Fälle finden unter Kollegen statt. Was aber nicht heißt, dass Macht keine Rolle spielt - im Gegenteil. Oft nimmt der Täter oder die Täterin eine Schlüsselfunktion ein, verfügt beispielsweise über Informationen, ohne die andere ihre Arbeit nicht machen können. Oder er/sie ist ein Protegé des Chefs. Sexuelle Belästigung muss nicht nur einen sexuellen Hintergrund haben, dahinter steckt häufig auch ein Kampf um Machtvorteile. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass Männer, die das Gefühl haben, Frauen laufen ihnen im Job den Rang ab, und die gleichzeitig eine stark maskuline Identität besitzen, verstärkt potenziell belästigendes Verhalten zeigen.

Der bedrohte Macho als typischer Täter?

Den typischen Täter gibt es genauso wenig wie die typische Täterin. Hier geht es weniger um stabile Persönlichkeitszüge, als vielmehr um eine durchaus situative Einstellung zum anderen Geschlecht. Verändern sich die Rahmenbedingungen, beispielsweise durch einen Jobwechsel, kann derselbe Mitarbeiter plötzlich durchaus einen respektvollen Umgang mit seinen Kolleginnen pflegen. Genauso verhält es sich mit dem Aspekt "sex drive". Sowohl Männer als auch Frauen, die Sexualität im Alltag einen hohen Stellenwert beimessen, also einen starken "sex drive" haben, neigen eher zu potenziell belästigenden Verhaltensweisen am Arbeitsplatz. Auch narzisstische Persönlichkeiten sind anfälliger. Aber all diese Persönlichkeitsfaktoren spielen eine untergeordnete Rolle - entscheidend ist das Arbeitsumfeld.

Wie sieht eine Unternehmenskultur aus, die sexueller Belästigung vorbeugt?

Wichtiger als ein Reglement gegen sexuelle Belästigung ist die Gestaltung des Miteinanders. Gerade Männer machen oft zu, wenn sie mit dem Thema konfrontiert werden - sie fühlen sich schnell pauschal als Täter abgestempelt. Natürlich muss es trotzdem eine entsprechende Unternehmensrichtlinie geben, damit im Zweifelsfall klar ist, welche Rechte das Opfer hat und welche Sanktionen dem Täter drohen. Aber wenn der Arbeitsalltag von gegenseitigem Respekt geprägt ist, wenn Arbeitnehmern Wertschätzung entgegengebracht wird, wenn sie das Gefühl haben, dass sie bei wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht haben, dass es gerecht zugeht, dann entsteht gar nicht erst der Nährboden für sexuelle Belästigung. Wichtig ist, dass das Management die entsprechenden Werte und ethischen Grundsätze vorlebt.

Der Chef hat also Vorbildfunktion?

Vorgesetzte sind Rollenmodelle. Manchmal gibt es nur in einer einzigen Abteilung Probleme mit sexueller Belästigung - vermutlich auch, weil es der Abteilungsleiter zumindest versäumt, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Andersrum kann es eine enorme Wirkung haben, wenn der Chef beispielsweise bei einem abwertenden Spruch gegenüber einem schwulen Mitarbeiter öffentlich einschreitet und klar macht: So etwas kann verletzend und respektlos sein, also wird hier größte Zurückhaltung erwartet. Nicht selten herrscht in Unternehmen eine falsche Vorstellung darüber, was akzeptiert ist. Da wird bei sexuell anzüglichen Sprüchen gegenüber einer Kollegin oder einem Kollegen geschwiegen, weil man befürchtet, als Feministin oder Weichei abgestempelt zu werden, wenn man etwas sagt. Dabei haben eigentlich alle das Gefühl, dass das nicht in Ordnung war.

Flirten gehört für viele am Arbeitsplatz dazu. Fördern Neckereien sexuelle Belästigung?

Nein. Einem Flirt liegt gegenseitiger Respekt zugrunde, der fehlt bei sexueller Belästigung. Die meisten haben ein natürliches Gespür dafür, was in welcher Beziehung geht - und was zu weit geht. Mit dem einen Kollegen kann man beispielsweise ganz wunderbar dreckige Witze reißen und gemeinsam darüber lachen, während man mit dem anderen Kollegen ganz selbstverständlich nur unverfänglichen Smalltalk macht. Spätestens wenn die Kollegin offensichtlich beschämt ist von einem Spruch oder der Kollege überhaupt nicht auf die Neckerei eingeht, ist das ein unübersehbares Stopp-Zeichen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema