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Selbständig in Deutschland:Reich durch virtuelles Geld

Eine Idee, ein Konzept, ein eigenes Unternehmen: In Krisenzeiten machen sich mehr Menschen selbständig - die einen aus Not, die anderen aus Berufung.

Scrat, das verfressene Säbelzahneichhörnchen aus dem Film "Ice Age" lümmelt sich am Fenster. Es streckt seine lange Nase in den neuen Ein-RaumFirmensitz von Snipclip in Unterföhring bei München. Eine Freundin der drei Firmengründer fand, dass Scrat da gut hinpasse, weil das Logo des Unternehmens ein Eichhörnchen ist. Die Firma des 30 Jahre alten Bioinformatikers Martin Szugat und seiner Kollegen produziert für Unternehmen virtuelle Sammelalben mit Videoclips und Fotos von deren Produkten. Deswegen auch das Eichhörnchen-Logo. Weil Tiere sympathisch wirken und Eichhörnchen gerne sammeln.

Knauserige Banken

Szugat und die beiden anderen Snipclip-Gründer sind mit dem Start ihrer GmbH in eine Zeit geraten, in der es besonders schwer ist, eine Firma aufzubauen. "Die Finanzierung ist eines der wichtigsten Hemmnisse einer Gründung", sagt Rolf Sternberg, Professor für Wirtschaftsgeografie an der Universität Hannover und Mitautor des jährlichen Global Entrepreneurship Monitor (GEM) Deutschland. Nun sind deutsche Banken ohnehin als knauserig bekannt, wenn es um Kredite für Firmengründer geht. In der Krise, sagt Sternberg, würden die Banken noch zurückhaltender, ebenso wie Investoren.

Szugat finanziert seine Firma derzeit mit diversen Preisgeldern sowie Geld von Familie und Freunden. Noch wirft Snipclip nicht genug ab, bisher laufen nur eine Handvoll Testalben. Für ein Album bekommt die Firma etwa 5000 Euro. "Bis Mitte des Jahres steht die Finanzierung. Dann müssen Umsätze her." Und Geld von Investoren. Die Verhandlungen laufen, sagt Szugat.

Verheerende Rettungsaktion

Zu den finanziellen Problemen potentieller Firmengründer kommen nach Sternbergs Erfahrung in Krisen auch psychologische. Er geht davon aus, dass viele eine Gründung im vergangenen Jahr gar erst nicht versucht haben, weil sie die Erfolgschancen als zu gering einstuften. Außerdem habe der Staat nur große Unternehmen unterstützt und die kleinen nicht berücksichtigt, obwohl sie die Krise nicht verursacht hätten. "Der psychologische Effekt solcher Rettungsaktionen für potentielle oder tatsächliche Gründer ist verheerend", sagt er.

Wie sich die Krise genau auf die Gründungsaktivitäten in Deutschland ausgewirkt hat, kann man derzeit nur vermuten. Eine amtliche Statistik gibt es nicht, einen Überblick geben mehrere Forschungsinstitute, die aber mit unterschiedlichen Definitionen und Datenquellen arbeiten und ihre Auswertungen für das vergangene Jahr teilweise noch nicht beendet haben.

Gründungen aus Not

Verfügbar ist derzeit nur die Statistik des Instituts für Mittelstandsforschung (IFM) in Bonn, die keine Gründungen von Inhabern freier Berufe wie Architekten oder Ingenieure berücksichtigt. Laut IFM sind im Jahr 2009 etwa 410.000 neue Unternehmen entstanden. Das ist ein Anstieg um drei Prozent im Vergleich zu 2008, nach vier Jahren stark rückläufiger Gründungszahlen.

Das muss aber nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein. In Krisenzeiten machen sich mehr Menschen selbständig, weil sie sonst arbeitslos wären - "Gründungen aus Not" heißen sie in den Statistiken. In Deutschland liegt ihr Anteil traditionell sehr hoch, laut GEM im Jahr 2008 bei 27 Prozent. Im Jahr 2009 soll er auf 30 Prozent oder mehr gestiegen sein.