Rücktritt von Infineon-Chef Bauer Manager müssen eine neue Offenheit lernen

Ein Zeichen für mehr Menschlichkeit in Unternehmen: Infineon-Chef Bauer geht schonungslos mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit und zeigt, dass die Zeit der einsamen Entscheider zu Ende geht. Chefs brauchen mehr Ehrlichkeit, sonst werden sie scheitern.

Ein Kommentar von Karl-Heinz Büschemann

Peter Bauer, der Vorstandschef von Infineon, verlässt seinen Posten bei dem Münchner Chiphersteller aus gesundheitlichen Gründen. Die Mitteilung könnte Anlass sein, zur Tagesordnung überzugehen. Zu viele unfähige Chefs wurden bereits mit dieser inzwischen inhaltsleeren Begründung nach Hause geschickt.

Doch der Fall bei Infineon liegt anders: Bauer geht so offen und schonungslos mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit, dass kein Zweifel bleibt: Der Mann ist wirklich krank. Er kann seine Aufgabe nicht mehr ausfüllen. Wann hat man je eine Begründung für den vorzeitigen Abschied eines Top-Managers gelesen, die so glaubwürdig war? Bauers Abschiedserklärung verdient daher Respekt. Der 51-Jährige räumt Schwäche ein in einer Macher-Kaste, in der Schwächen nicht vorgesehen sind.

Menschen lieben Helden. So kommt es, dass auch die Chefs von großen Konzernen in den Medien gerne zu Idolen gemacht werden. Top-Manager werden von ihren PR-Strategen heutzutage "positioniert"; neue, noch unbekannter Vorstandsvorsitzender kriegen erst einmal ein Image verpasst. Sie werden zu Heroen einer Welt gemacht, in der viele Gelder bewegt, Jobs geschaffen oder wegrationalisiert werden, in der Milliarden-Gewinne entstehen und gewaltige Fusionen geschmiedet werden. Manager wie der frühere Telekom-Chef Ron Sommer oder Ex-Bertelsmann-Lenker Thomas Middelhoff hatten zeitweilig Popstar-Status. Über ihnen kam gleich die Sonne.

Ein großes Image-Problem

Erstaunlich ist aber, dass Manager trotz intensiver Betreuung durch eine ganze Industrie von PR-Beratern neben den Politikern das größte Image-Problem aller Berufsgruppen haben. Seit Ausbruch der Finanzkrise gelten Wirtschaftsführer als gierig, kurzsichtig, gewissenlos. Das schöne Bild von den Helden in den Top-Etagen ist verschwunden. Es passierten zu viele Fehler.

Die Konzernstrategen haben sich in der Rolle des Unbesiegbaren reihenweise selbst zugrunde gerichtet. Einer der wenigen, die etwas Ehrlichkeit wagten, war der frühere Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke, der mit 45 Jahren seinen Job rasch verlor. Man sehe den Managern die Last der Aufgabe an, "im Wesentlichen an den Augen". Da ist nicht nur der Druck der Verantwortung für die Arbeitsplätze - es ist auch die Angst, Fehler zu machen. Das aber ist bereits ein Kardinalfehler. Nur, wer auch Pannen eingestehen kann, wird an Akzeptanz gewinnen.

Der Kult um die Alleskönner in Nadelstreifen schlägt sich in zweifelhaften Hitlisten der Manager des Jahres nieder. Darauf standen schon Männer wie Jürgen Schrempp, der bei Daimler-Chrysler Milliarden versenkte, oder der von vielen überschätzte Tui-Chef Michael Frenzel. Dass ein Mann wie der frühere Post-Chef Klaus Zumwinkel, der als Steuerhinterzieher verurteilt wurde, diesen Ruhm genießen durfte, sagt viel über den ausgearteten Personenkult in den Konzernen.

Niemand ist unfehlbar

Nur Naive erwarten von Führungskräften, dass sie unfehlbar sind. Doch die Manager pflegen selbst oft den Eindruck, Riesenkonzerne ganz allein führen. Sie vermitteln das Gefühl, keinen Rat zu brauchen und erzeugen damit eine die Erwartung, die sie nicht erfüllen können. Die Menschen spüren diesen Widerspruch von Schein und Sein. Der Unterschied zwischen den Ehrlichen und den Maulhelden bleibt Mitarbeitern und Öffentlichkeit nicht lange verborgen.

Das Bild des Spitzenmannes, der die Geschicke eines Konzerns als Solo-Show führt, bekommt zunehmend Risse. Die durchschnittliche Verweildauer von Vorstandschefs geht zurück - und ist inzwischen bei weniger als fünf Jahren angekommen. Das spricht nicht dafür, dass die Chefs stets richtig machen. Diese Entwicklung legt nahe, dass die Vorstände eine neue Offenheit lernen müssen. Nur wer in der Führungsetage zeigt, dass er keineswegs alles selbst und besser weiß, kann seinen Mitarbeitern ein Vorbild sein. Die Zeit der einsamen Entscheider geht zu Ende, dieses Manager-Bild ist nicht mehr realistisch. Es ist am Ende, weil die Menschen den Helden zunehmend misstrauen. Das gilt für die Politik wie für die Wirtschaft.

Peter Bauer hat mit der Ankündigung seines Rücktritts ein Zeichen für mehr Menschlichkeit in den Unternehmen gesetzt. Das ist gelebte Verantwortung für Aktionäre und Mitarbeiter. Er wird Nachahmer finden. Das ist aber das einzig Positive, das sich der Krankheit Peter Bauers abgewinnen lässt.