Profilerin für Bewerber:Verdeckte Ermittlung

Sie analysiert Schrift, Stimme, Gang, Körperform, Frisur und sogar Brillentyp der Kandidaten: Suzanne Grieger-Langer sucht als Profilerin passende Mitarbeiter. Ihre Methodik ist umstritten.

V. Schenz

Man kennt sie aus "CSI" oder "Akte X": Sie tauchen am Tatort auf, setzen die Sonnenbrille ab, sichten das Durcheinander, finden verdächtige Fussel auf der Leiche, reden schlau daher und kennen nach drei Minuten das Motiv des Täters. Profiler sind Detektive, Chemiker und Psychologen in einem - zumindest in den Phantasiewelten der Krimi-Produzenten. Profiler garantieren eine spannende Mixtur aus Wissenschaft und Geheimlehre. Nur mit Oberinspektoren fängt man im Fernsehen heute keine Mörder mehr.

Profilerin für Bewerber: Prüfung auf Herz und Hirn: Jobprofilerin Suzanne Grieger-Langer sucht die besten Bewerber.

Prüfung auf Herz und Hirn: Jobprofilerin Suzanne Grieger-Langer sucht die besten Bewerber.

(Foto: Foto: ddp)

Auch Suzanne Grieger-Langer ist Profilerin. Auch sie taucht manchmal mit Sonnenbrille am Tatort auf, sondiert die Lage und spricht Kluges. Ihr Einsatzgebiet: das Büro. Ihre Auftraggeber: mittelständische Unternehmen, die eine Managementposition besetzen wollen und bei der Auswahl der Kandidaten überfragt sind. Grieger-Langer sucht keine Mörder, sondern Mitarbeiter. Und sie geht den umgekehrten Weg: Sie schließt nicht vom Tatort auf den Täter, sie hat einen Bewerber vor sich und versucht herauszufinden, ob dieser Bewerber zum Arbeitsplatz passt.

Ihr Vorteil: Diskretion

Die Auftragslage für die 37-Jährige ist theoretisch traumhaft. Grieger-Langer - zierlich, eleganter Kurzhaarschnitt - profitiert vom strengen Kündigungsschutz in Deutschland, der Arbeitgeber bei der Jobvergabe übervorsichtig macht und Bewerber auf Herz und Hirn prüfen lässt. "Nach einem halben Jahr zu merken, dass man den falschen Geschäftsführer gewählt hat, kann fatale Folgen haben", sagt sie. "Für Headhunter-Honorar, Gehalt, Abfindung, Dienstwagen sind schnell 100.000 Euro weg. So einen Fehler machen Sie besser nicht zu oft."

Grieger-Langers Büro in Bielefeld ist eine Schnittstelle aus Headhunting, Consulting und Potentialanalyse. Die Krise erweist sich für sie und ihr kleines Team aus Psychologen, Pädagogen, Graphologen und weiteren -ogen als Segen. Die unsichere Wirtschaftslage macht Personalchefs noch zögerlicher und ihren Rat noch begehrter. Ihr Vorteil: Diskretion. Grieger-Langer arbeitet, so sagt sie, europaweit als einzige Profilerin verdeckt, die Bewerber kriegen von ihr nichts mit.

Charisma, Emotionalität, Kommunikation

Wenn sie auf sie trifft, dann inkognito. Sie nennt keine Auftraggeber, lässt sich nur bedingt in die Karten schauen. Ihr Fahndungsmaterial sind Bewerbungsmappen, Schriftproben, Selbstdarstellungen auf Internetforen wie Xing, aber auch Stimme, Gang, Körperform, Frisur, Brillentyp des Kandidaten. "Manche Personen kann man in drei Minuten lesen", meint sie. Das sei wie bei einer DNA-Analyse, bei der eine Hautschuppe reiche. "Bei meiner Arbeit ist auch mal ein 20 Jahre altes Foto ausschlaggebend."

Basis ihrer Verfahrens ist eine komplizierte Methodik. Den menschlichen Charakter gliedert Grieger-Langer in acht Bausteine: Charisma, Emotionalität, Kommunikation, Tatkraft, Kreativität, Struktur, Expansion, Urteilskraft. Eine dieser Eigenschaften fehle allerdings jedem - weswegen wir alle irgendwelche Macken oder Spleens haben, sagt die Diplom-Pädagogin. Sie muss die Charakter-Schwerpunkte herausfinden, die Schwächen, die Stärken - vor allem das Talent, das, "was man beherrscht, wenn man morgens um drei aus dem Schlaf gerissen wird und 40 Grad Fieber hat".

Was uns unterscheidet, ist die Ausprägung und die Wechselwirkung dieser Eigenschaften. Ein Charakterprofil verändere sich ein ganzes Leben lang nicht, nur die Art, wie man es nutzt. Ihre Arbeit kommt einem menschlichen Ur-Bedürfnis entgegen. Die Frage "Wer bin ich?", dicht gefolgt von "Wie wirke ich auf andere?" und "Bin ich beliebt?", treibt jeden um. Deswegen kriegt sie auch Anfragen von Privatpersonen, die sich von ihr durchleuchten lassen wollen.

Auf der nächsten Seite: Sind die Erkenntnisse der Profilerin arg konstruiert - oder funktioniert ihre Methode wirklich?

Theorie und Praxis der Profilerin

La Mamma und der glaubwürdige König

Jeder Auftrag wird den verfügbaren "Indizien" entsprechend gehandhabt, aber jeder durchlaufe mindestens vier Mitarbeiter und damit vier unterschiedliche Screenings, die am Ende ein einheitliches Bild ergeben sollten. "Einmal kamen wir überhaupt nicht weiter", erzählt Grieger-Langer, "die Ergebnisse passten einfach nicht. Dann stellte sich heraus, dass der Kandidat nicht nur sein Alter, sondern auch die Unterschrift, also seine Handschrift gefälscht hatte." Billig zu haben ist das alles nicht. Ein extensiver Auftrag erreiche schnell "eine Summe im vierstelligen Bereich".

Manche Erkenntnis klingt nach Binse. "Tatkraft" drücke sich in kantigen Körperformen aus, fürsorgliche Typen ("Emotionalität") neigten zu runderen Formen ("La Mamma"). Kommunikative Typen schrieben ungern Mails, sondern schauten lieber persönlich beim Kollegen vorbei. Kommunikation ("Lass uns erst mal ein Käffchen trinken!") vertrage sich nicht mit Tatkraft ("Bis 18 Uhr will ich die Welt verändern, und das jeden Tag!''). Dafür paare sich Autorität ("der glaubwürdige König") bestens mit Urteilskraft ("der Minister mit Sachverstand").

Unvereinbare Persönlichkeiten

Manche Erkenntnis wirkt arg konstruiert: Wer Kreativität ausstrahle (bunte Kleidung, aufwendiges Make-up), zugleich aber Pflichtbewusstsein (loyales, präzises Arbeiten) in sich trage, "sollte einen möglichst luxuriös ausgestatteten Schreibtisch kriegen mit großem Computerbildschirm und Designer-Schnickschnack", meint Grieger-Langer - schon habe man eine zufriedene und ebenso fleißige Mitarbeiterin gewonnen. Überhaupt, der Arbeitsplatz: Um sich ein Gesamtbild machen zu können, besucht Grieger-Langer, wenn möglich, das potentielle Büro. "Den Pflichtbewussten können Sie im Extremfall auch in ein graues Kellerbüro setzen, dem macht das nichts aus. Der Kreative kündigt Ihnen da nach einer Woche."

Ihre Liste möglicher Konfliktkonstellationen und unvereinbarer Persönlichkeiten ist endlos. Eigentlich müsste in Deutschlands Büros nichts mehr klappen, wo sich doch Chefs und Untergebene, Sachbearbeiter und Sekretärinnen, Kollegen und Kolleginnen Grieger-Langers These zufolge so gar nicht grün sind. Vielleicht siegt am Ende doch die Vernunft über unsere Spleens. Denn was die Theorie so abwirft, kann in der Praxis ganz anders aussehen: Einem Kandidaten, der mit Erfahrung und Fachwissen überzeugt, wird ein Personalchef eine Charaktermacke verzeihen. Nicht jedes Firmenbudget sieht Designer-Schnickschnack auf dem Schreibtisch vor. X und Y müssen in einem Team zusammenarbeiten, egal ob ihre Profile passen, weil der Auftrag in einer Woche raus soll.

Nicht alle Klienten folgen ihrer Empfehlung, gibt Grieger-Langer zu. Und fügt selbstbewusst hinzu: "Und deswegen rufen die nach einem halben Jahr schon wieder an."

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