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Medizinstudium:Gekommen, um wieder zu gehen

Nach dem Medizinstudium verlassen die meisten Deutschen Österreich - zum Verdruss der Regierung.

(Foto: imago)

Wegen der ungünstigen Perspektiven für Ärzte in Österreich gehen viele junge Mediziner ins Ausland oder in andere Branchen.

Von Cathrin Kahlweit

Fünf bis sieben Stunden für knapp zweihundert Aufgaben: Chemie, Biologie und Physik, Körper und Seele, Planen und Organisieren, Lernen und Erinnern, Leseverständnis, taktile Fähigkeiten, Logik - wer den Medizinertest an einer der vier österreichischen Universitäten Wien, Graz, Innsbruck und neuerdings auch Linz geschafft hat, fühlt sich im siebten Himmel. Ärztin, Arzt werden dürfen - ohne 1,0-Abitur oder jahrelange Wartezeiten, das geht, wenn man nicht Tausende Euro pro Jahr in Budapest oder Riga ausgeben will, für deutsche Studenten nach wie vor am besten in Österreich. Neuerdings wollen zwar mehrere Unis eine Anmeldegebühr von 110 Euro für den Aufnahmetest verlangen. Und nach wie vor werden nur 20 Prozent aller Medizinstudiumsplätze an Europäer und damit auch an deutsche Aspiranten vergeben; 75 Prozent bleiben Inländern, fünf Prozent Bewerbern von außerhalb der EU vorbehalten. Trotzdem ist der Andrang ungebrochen: Je nach Hochschule kommen bei jedem Test immer noch bis zu 60 Prozent der Bewerber aus Deutschland.

Im siebten Himmel, geschafft, den schwersten Schritt gemeistert - österreichische Medizinstudenten können diese Begeisterung oft nicht nachempfinden. Klar, Arzt werden ist auch in Tirol, Vorarlberg oder Kärnten immer noch ein Traumberuf vieler Maturanten. Aber immer mehr Einheimische, die den Aufnahmetest schaffen und das lange, harte Studium durchstehen, enden zum Schluss gar nicht in der Medizin. Zu schlecht ist mittlerweile der Ruf der Ausbildung für Jungärzte, zu niedrig sind im Vergleich zu anderen europäischen Gehältern die Einkommen, zu hierarchisiert sind die Aufstiegswege an heimischen Krankenhäusern. Von 1400 fertigen Medizinern, die alljährlich ihre Examina an österreichischen Medizin-Unis machen, erscheinen, wie das Magazin Profil recherchiert hat, später nur 900 in den ärztlichen Berufsverzeichnissen, real sind es sogar nur 700, weil viele Frauen nicht Vollzeit arbeiten.

Die anderen wandern ab. In die Pharma-Industrie, ins Ausland. Nur weg aus einem System, das zwar theoretisch die höchste Ärztedichte und die höchste Zahl von Krankenhaustagen pro Kopf in Europa hat, aber oft fast irrsinnige Wartezeiten in den Ambulanzen. In einer Kinderklinik-Ambulanz in Wien warteten im Januar während der Grippezeit an einem Wochenende manche Eltern mit ihren Kleinkindern bis zu 16 Stunden auf eine Behandlung.

Eine neue Arbeitszeitregelung, nach der Klinikärzte maximal 48 Stunden in der Woche arbeiten dürfen, wurde - nach mehreren Jahren Vorlauf und einer früheren Umsetzung in einigen anderen Bundesländern - jetzt schließlich auch in Wien eingeführt. Was dazu dienen sollte, Überarbeitung und Fehler zu minimieren, hat nun, weil nicht entsprechend zusätzliche Kräfte eingestellt wurden, zu mehr Stress, geschlossenen Operationssälen, langen Wartezeiten für Eingriffe und frustrierten Ärzten geführt: Zwar gibt es mehr Geld, sodass Mediziner nicht mehr 60 bis 70 Stunden arbeiten müssen, um auf ein durchschnittliches Akademikergehalt zu kommen, aber es gibt noch mehr Übergaben, noch weniger Zeit für Patienten- und noch weniger Zeit für die Ausbildung der Turnus-Ärzte.

Der Vizepräsident der österreichischen Ärztekammer, Harald Mayer, fordert "Ausbildungs-Assistenten", damit Jungärzte im Job angeleitet werden, aber das sind Blütenträume. Der Nachwuchs mag sich nicht mehr in die stark hierarchisierte Fließband-Medizin begeben und bleibt weg. 200 Millionen Euro jährlich koste das Österreichs Volkswirtschaft, haben Fachleute ausgerechnet. Viele gehen in die Schweiz oder nach England, wo die Gehälter höher sind. Und die Deutschen gehen überwiegend - zurück nach Deutschland.

Gut möglich, dass diese Schieflage bald noch schiefer wird. Im Jahr 2006 hatte Österreich den Eingangstest für Mediziner eingeführt, um das Land vor allzu vielen Deutschen zu schützen, die Studienplätze besetzten, aber nicht vorhatten, nach der Ausbildung im Land zu bleiben. Bis 2006 hatten Deutsche nur im Nachbarland studieren können, wenn sie einen Studienplatz in Deutschland vorweisen konnten; diese Regel kippte der Europäische Gerichtshof 2005.

Die Nachwuchsmediziner sind mit ihren Gehältern und den Arbeitszeiten unzufrieden

Zehn Jahre hatte Österreich nun Zeit, um zu beweisen, dass deutsche Studenten nach dem Studium wirklich wieder nach Deutschland gehen, und Patienten wie Krankenhäuser in Österreich das Nachsehen haben. Nur dann erlaubt es die EU-Kommission, auch weiterhin 75 Prozent der Studienplätze für Human-und Zahnmedizin mit Landsleuten zu besetzen. Gleichbehandlungsgrundsatz und Freizügigkeit verlangen nämlich eigentlich, dass EU-Bürger alle gleich behandelt werden. Nur wenn die Beachtung der Grundsätze nachweisbar zu einem Notstand - zu einem Mediziner-Mangel in diesem Fall - führt, darf ein Land mit dem Segen der Kommission davon abweichen. Mitte 2016 soll die Regierung in Wien ihre Zahlen und ihre Argumente vorlegen, damit die Sonderregelung bleiben kann.

Umfragen im Vorfeld machen schon jetzt klar, dass die Lage mutmaßlich noch dramatischer wird, als sie war - ein trauriger Trost für den Wissenschaftsminister: Eine Umfrage der Studentenvertretungen (ÖH) an den Medizin-Unis in Wien, Graz und Innsbruck zeigt, dass die meisten Nachbarn tatsächlich nicht gekommen sind, um zu bleiben. Nach einer Befragung durch das Wiener Wissenschaftsministerium Ende 2014 arbeiteten von den aus Deutschland stammenden Medizin-Absolventen 79 Prozent nicht in Österreich.

Aber auch knapp 53 Prozent der befragten Österreicher im letzten Studienabschnitt wollen, wie verschiedene Zeitungen berichten, nach dem Abschluss ins Ausland gehen. Laut ÖH-Umfrage sind die Nachwuchsmediziner unter anderem mit dem zu erwartenden Gehalt, mit der weiteren Ausbildung, mit den Arbeitsbedingungen und den Arbeitszeiten unzufrieden.

An mehreren österreichischen Unis hängen mittlerweile Plakate, in denen deutsche Krankenhausbetreiber um Absolventen werben - mit guten Aussichten.

© SZ vom 14.04.2016

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