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Management:Superhäuptlinge

Deutschlands Führungskräfte schätzen sich selbst deutlich positiver ein, als ihre Mitarbeiter es tun - das zeigt eine Umfrage der Stellenbörse Stepstone.

Von Bernd Kramer

Deutschland ist gesegnet mit wunderbaren Chefs. Sie beziehen ihre Mitarbeiter in Entscheidungen ein, sind konstruktiv, interessiert und wahrscheinlich darüber hinaus auch noch gute Menschen mit edlem Charakter. Zumindest sagen das: die Chefs. Nur stehen sie mit diesem Urteil in vielen Punkten ziemlich allein da, wie eine Umfrage der Online-Stellenbörse Stepstone unter 5000 Beschäftigten ergab. Selbst- und Fremdwahrnehmung klaffen demnach bei Führungskräften stark auseinander, die Mitarbeiter kommen mitunter zu einer zurückhaltenderen Einschätzung.

Beispiel Zeit: Ein guter Chef ist immer für seine Leute da, die Bürotür steht offen, hat ein Mitarbeiter ein Anliegen, hat er eine Minute. So sehen sich jedenfalls die Chefs selbst: 94 Prozent der befragten Führungskräfte stimmten der Aussage zu, dass sie sich Zeit für ihre Mitarbeiter nehmen. Von den befragten Fachkräften empfinden das nur 49 Prozent so.

Besonders stark driften die Einschätzungen auseinander, was das Interesse angeht. 92 Prozent der befragten Chefinnen und Chefs sagen, sie nähmen Anteil am Karrierefortschritt ihrer Mitarbeiter. Mit 66 Prozent sagt die Mehrheit der befragten Mitarbeiter hingegen: Sie tun es nicht.

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Nur keine Schwäche zeigen. Manager wollen gut rüberkommen, wie dieser Mann auf einem Symbolfoto.

(Foto: imago images)

Warum unterscheiden sich die Angaben so sehr? Die Initiatoren der Umfrage sagen: Führende und Geführte reden zu wenig miteinander - oder zu oft aneinander vorbei. "In den Köpfen vieler Führungskräfte ist immer noch die Vorstellung verankert, selbst bloß keine Schwächen zeigen zu dürfen", erklärt ein Sprecher der Stellenbörse. "Dass Selbst- und Fremdwahrnehmung teils so weit auseinanderdriften, hat daher häufig einen banalen Grund: Es mangelt an klarer und ehrlicher Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Führungskräften."

Mag sein. Aber es gibt noch andere Erklärungen. Sozialpsychologen weisen immer wieder auf die Tendenz des Menschen zur Selbstüberschätzung hin. Menschen neigen dazu, sich in einem besseren Licht zu sehen, als es der Wirklichkeit entspricht - und gerade jene, die in einer Firma nach oben wollen, brauchen oft eine sehr robuste Idee ihrer selbst.

Aber nicht nur der Größenwahn lässt Chefs und andere Menschen in diese Falle tappen. Ende der 70er-Jahre befragten die kanadischen Forscher Michael Ross und Fiore Sicoly Ehepartner getrennt voneinander, welchen Anteil sie jeweils an der Hausarbeit übernehmen. Als sie die genannten Anteilswerte der beiden Eheleute summierten, zeigte sich Erstaunliches: Sie lagen kontinuierlich über 100 Prozent. Nun sieht sich jeder gern als vorbildlicher Erfüller häuslicher Pflichten, es schmeichelt dem Ego. Allerdings fragten die beiden Forscher auch nach Verhaltensweisen, die nicht unbedingt ein rosiges Selbstbild unterstützen. Wer stiftet am meisten Chaos in der Wohnung? Wer zettelt am häufigsten Streit an? Auch hier verwiesen die Eheleute unabhängig voneinander in erster Linie auf sich selbst: Ich bin der Übeltäter.

Die Selbsteinschätzung resultiert also nicht allein aus dem Wunsch nach einem positiven Selbstbild. Sie ergibt sich manchmal auch schlicht aus der Tatsache, dass dem Menschen das eigene Tun besser in Erinnerung bleibt als das der anderen. Er weiß meistens sehr genau, wann er selbst zuletzt den Abwasch gemacht oder Unordnung gestiftet hat. Aber er muss erst überlegen, wann der Partner das tat.

So ähnlich ist es auch in der Arbeitswelt: Wer als Chef ein Team mit fünf, zehn oder fünfzehn Leuten leitet, verbringt viel Zeit damit, mit Mitarbeitern über die Karriere zu sprechen - und erlebt sich deshalb als ständigen Kümmerer. Wer Mitarbeiter in einem Team mit fünf, zehn oder fünfzehn Leuten ist, arbeitet an allem Möglichen und spricht nur dann und wann mal mit dem Chef - und hat schnell den Eindruck, dass der da oben eigentlich auf einem ganz anderen Planeten lebt.

© SZ vom 10.02.2020
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