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Kruzifixe in Schulen:Das Kreuz mit der Toleranz

Der Streit um Kreuze in Klassenzimmer geht vor dem Europäischen Gerichtshof weiter. Das Urteil soll für 47 Staaten gelten - beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.

Wolfgang Janisch

Der Streit um die Kruzifixe in italienischen Klassenzimmern hat sich entzündet an einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, das dieser seit Mittwoch überprüft. Dieser Streit löst in Deutschland ein Déjà- vu-Erlebnis aus. Die schrille Tonlage, der hohe Ton der Grundsätzlichkeit: All das hat sich auch zugetragen, als das Bundesverfassungsgericht 1995 den Kruzifix-Beschluss fällte.

Schüler in einem Klassenzimmer mit Kruzifix, 1995

Die Religionsfreiheit soll vor einer Tyrannei der Mehrheit schützen  - auch in Klassenzimmern.

(Foto: AP)

Sollte also auch Italien hinnehmen müssen, was in Deutschland gilt: dass Kruzifixe in staatlichen Klassenzimmern die Religionsfreiheit jener verletzen können, die nicht der christlichen Religion anhängen? Die Minderheit dürfe doch der Mehrheit nicht ihren Glauben (oder Nichtglauben) aufzwingen - das Argument war auch in Straßburg wieder zu hören, und es war auch diesmal falsch. Religionsfreiheit ist seit jeher der Paradefall eines Minderheitenrechts. Der Sinn dieser Freiheit besteht gerade im Schutz gegen eine Tyrannei der Mehrheit.

Und doch ist der Fall komplizierter. Denn das Straßburger Urteil soll für die 47 Staaten des Europarats gelten - die aber himmelweit davon entfernt sind, die Balance zwischen Staat und Kirche einheitlich auszutarieren. Hier herrscht Kooperation, dort strikter Laizismus, anderswo existieren Amtskirchen: Grundverschiedene Traditionen bestimmen das Bild. Sollte der Gerichtshof sein Kruzifix-Urteil also zu sehr ins Grundsätzliche heben, droht ein Konflikt, den das auf Akzeptanz angewiesene Gericht womöglich nicht unversehrt übersteht. Dabei könnte man den Fall auf seinen Kern reduzieren: Es geht doch nur um Kruzifixe in Klassenzimmern, Konflikte müssten pragmatisch lösbar sein. Jedenfalls dort, wo Toleranz herrscht.

© SZ vom 01.07.2010/holz
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