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Gehalt für Migranten:"Sie machen das, weil sie es können"

Generation Y

Selbst Berliner Startups, die stolz auf bunte Belegschaften und flache Hierarchien sind, speisen Migranten oft mit niedrigeren Löhnen ab.

(Foto: Thomas Peter/Reuters)

Unternehmen bezahlen Mitarbeiter ohne deutschen Pass oftmals schlechter. Ein Manager aus Mexiko erzählt, warum er weniger verdient als seine deutschen Kollegen - und wieso er nichts dagegen unternimmt.

Von Mona Linke

Eduardo García macht keinen Hehl daraus, dass er gerade nicht zu Plaudereien aufgelegt ist. Auf die beiläufige Frage, wie es ihm denn in Deutschland gefalle, antwortet er: "Überhaupt nicht." Der 32-Jährige nimmt einen Schluck von seinem Bier, das 4,50 Euro gekostet hat. Es ist vor Beginn des zweiten Teil-Lockdowns, als García vor einer gut gefüllten Vintage-Bar in Kreuzberg sitzt. Niemand scheint hier älter als 35 Jahre zu sein, man trägt Adiletten und trinkt Gin Tonic mit Gurke.

Ein Sprachen-Mix aus Deutsch, Englisch und Spanisch schwirrt über die Tische und bis auf die andere Straßenseite. Von "Multikulti" ist in Reiseführern gerne die Rede, wenn das besondere Berliner Lebensgefühl beschrieben wird. Dabei ist eine internationale Atmosphäre in der Hauptstadt schon lange Normalität. Und Eduardo García ist Teil dieser Normalität: Vor fünf Jahren kam der gebürtige Mexikaner, der in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt, nach Berlin. Aufgewachsen ist er in Tampico, einer Hafenstadt an der Ostküste Mexikos, er hat in den USA und in Frankreich gelebt, bevor es ihn wegen seiner damaligen Freundin in die deutsche Hauptstadt verschlagen hat.

Eduardo García fühlt sich in Berlin heimisch, er hat hier Freunde, einen festen Job, seit anderthalb Jahren sogar eine Führungsposition. Und doch bekommt der junge Berliner mindestens einmal im Monat zu spüren, dass er nicht vollständig dazugehört. Spätestens dann, wenn er seine Gehaltsabrechnung in der Hand hält, hat er es schwarz auf weiß. Denn García verdient fast ein Viertel weniger als seine Teamkollegen.

"Es überrascht mich eigentlich nicht", sagt er, ein gequältes Lächeln im Gesicht. "Kein Deutscher würde in meiner Position für so ein Gehalt arbeiten." 30 000 Euro sind es, die García im Jahr verdient. Dafür, dass er als Produktionsmanager Arbeitsabläufe koordiniert, Prozesse optimiert, andere Mitarbeiter anlernt und mehrere große Bestandskunden betreut. Sein Arbeitgeber ist ein junges, aufstrebendes Unternehmen, das nur ein paar Straßen von der Kreuzberger Vintage-Bar entfernt in einem hippen Fabrikgebäude sitzt.

Alter, Geschlecht, Branche, Sprachkenntnisse - viele Faktoren bestimmen das Gehalt

García möchte nicht, dass der Name der Firma veröffentlicht wird, um keine Konflikte mit seinem Arbeitgeber zu riskieren. Daher nur so viel: Es ist eines von Tausenden Start-ups, die sich in den vergangenen Jahren in Berlin angesiedelt haben und meist immer mit denselben Versprechen werben: flache Hierarchien, familiäres Umfeld, Diversität. Als García vor anderthalb Jahren bei dem Unternehmen anfing, fand er das Gehalt noch halbwegs angemessen: "Die Firma war klein und unbekannt, in meiner Abteilung waren wir nur zu zweit." Außerdem brauchte er dringend einen Job, sein Visum wäre zwei Wochen später ausgelaufen. Also akzeptierte García das Gehalt. Obwohl er nach seinem Bachelor in Marketing an der Universidad del Valle de México in Mexico City und einem Master of Business Administration (MBA) an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) eigentlich deutlich mehr erwarten dürfte. Den MBA hat García mit einem Studienkredit finanziert, seit einem Monat ist er schuldenfrei.

Und jetzt ist da noch immer ein Gehaltsunterschied von rund 8000 Euro im Jahr zu seinen direkten Kollegen, die genau dieselbe Arbeit machen und teilweise sogar später angeheuert haben. Garcías Miene verdunkelt sich, wenn er sich an seine letzte Gehaltsverhandlung im Frühjahr erinnert. Sein direkter Vorgesetzter habe sogar zugegeben, ihm sei bewusst, dass García deutlich schlechter verdiene als die meisten anderen Mitarbeiter und schlechter als der Durchschnitt in der Firma. Aber das ist alles, was wir dir anbieten können, habe er behauptet. Gründe habe er nicht genannt, auch eine Diskussion kam nicht zustande, berichtet der 32-Jährige.

Für Eduardo García ist die Sache klar: Seine Herkunft ist der Grund, warum man ihm nicht mehr für seine Arbeit bezahlt. Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes nennt man das "Entgeltungleichheit" und meint damit meistens die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern. Diskriminierung durch Entgeltungleichheit kann aber auch Menschen aufgrund ihres Migrationshintergrunds treffen. Eine Problematik, zu der es nur wenige Daten gibt und die kaum erforscht ist.

In der Bundesbehörde spricht man von einem "Migration Pay Gap", also einer Lohnlücke zwischen Arbeitnehmern mit und ohne Migrationshintergrund, obwohl die gleichen strukturellen Merkmale bestehen. Während eine Benachteiligung von Ausländern in anderen Lebenssituationen wie auf dem Stellenmarkt oder bei der Wohnungssuche bereits vielfach belegt wurde, gibt es bisher kaum Studien, die Lohndiskriminierung von Nicht-Deutschen beweisen konnten.

Die Verhandlungsposition ist schwächer, daher fallen Forderungen schwer

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist García nicht der einzige Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund, dem man weniger zahlt als seinen deutschen Kollegen und Kolleginnen. Das meint zumindest Herbert Brücker, Leiter des Bereichs Migration und Integration am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und Wirtschaftsprofessor an der Humboldt-Universität Berlin. "Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt gibt es definitiv", sagt der Ökonom. Wie stark die Auswirkungen der Diskriminierung sind, sei aber schwierig zu erkennen, weil viele Faktoren einbezogen werden müssten.

Zum Beispiel die aktuelle Arbeitsmarktsituation, das Geschlecht, die Branche, die Sprachkenntnisse, die Qualifikation und das Alters des Bewerbers, das bei Migranten im Durchschnitt niedriger ist. Ein 50-Jähriger verdiene allein schon wegen seiner Berufserfahrung etwa das Doppelte eines jüngeren Kollegen. Beim Gehalt regiert in Deutschland das Senioritätsprinzip, wonach man mit zunehmendem Alter immer mehr verdient. Und dennoch: "Selbst wenn die Voraussetzungen genau dieselben sind, würde man immer noch einen Unterschied finden", sagt Brücker. Es bleibe eine sogenannte bereinigte Lohnlücke von sechs Prozent, welche die Forscher nicht "durch beobachtbare Merkmale" erklären können. Hier könne Diskriminierung der Grund für den Lohnunterschied sein, sagt Brücker.

Was aber haben Arbeitgeber überhaupt davon, ihre Mitarbeiter schlechter zu bezahlen, obwohl sie die gleiche Leistung bringen? "In vielen Fällen steckt ökonomisches Kalkül dahinter", sagt Wirtschaftsprofessor Brücker. "Einige Studien haben gezeigt, dass Arbeitgeber Menschen mit Migrationshintergrund geringere Löhne bieten, weil diese wiederum weniger Optionen auf dem Jobmarkt haben." Das heißt: Der Lohn lässt sich bei Ausländern stärker drücken als bei Deutschen. Einige Arbeitgeber würden es außerdem ausnutzen, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufig in einer schwächeren Verhandlungsposition sind. Weil sie sozial schlechtergestellt sind, nebenbei ihre Familie unterstützen müssen oder - wie Eduardo García - von einer Visumsverlängerung abhängig sind.

Anders als die Diskussion um den sogenannten "Gender Pay Gap" stecke die Debatte um Lohnunterschiede zwischen Migranten und Nicht-Migranten noch in den Kinderschuhen, sagt Brücker. Der Migrationsexperte vermutet, dass dies auch mit dem Vertrauen in die Leistungskraft ausländischer Mitarbeiter zusammenhängt. Inzwischen sei man sich fast überall einig, dass weibliche Mitarbeiter eine wertvolle Ressource sind. "Bei Migranten ist das noch nicht so."

Eine gerechte Bezahlung würde auch Motivation und Aufstiegswillen befördern

Was kann man gegen die Lohnungleichheit tun? Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes rät Betroffenen dazu, sich zunächst einmal beraten zu lassen - von einer Gewerkschaft, vom Betriebsrat oder eben von der Bundesbehörde. "Wichtig sind konkrete Anhaltspunkte, die einen Lohnunterschied bei gleicher Qualifikation erkennen lassen", sagt Bücker. Geht es nach dem Wissenschaftler, ist das Ganze vor allem eine Bewusstseinsfrage: Sowohl in der Gesellschaft als auch unter Mitarbeitern und Führungskräften müsse präsent sein, dass es sich bei der Ungleichbehandlung von Migranten in Hinblick auf Einstellungschancen und Löhne um ein ernst zu nehmendes Problem handelt.

Sein Vorschlag: In jedem Betrieb müsse es Gleichstellungs- beziehungsweise Diversitätsbeauftragte geben, wie es sie inzwischen in fast allen großen Unternehmen für die Gleichstellung von Frauen und Männern gibt. Lohnungleichheiten ließen sich auf diese Weise erfolgreich abbauen. Das hätte fundamentale Folgen für den Arbeitsmarkt: Denn ebenso wie gleiche Bedingungen bei der Jobsuche würde es Menschen mit Migrationshintergrund dazu motivieren, in Bildung zu investieren und den beruflichen Aufstieg anzustreben.

Eduardo García hat die Motivation bislang noch nicht verlassen. Er sucht aktuell nach einem anderen Job - und dabei nicht nur nach einer angemessenen Bezahlung, sondern auch nach einer höheren Position. Wahrscheinlich wüssten seine Chefs tatsächlich, dass er weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, sagt er. Und dann zeigt er fast so etwas wie Verständnis für seine Vorgesetzten: "Die machen das ja nicht, um mir persönlich zu schaden. Oder weil ich nun mal ich bin", sagt García und nimmt noch einen großen Schluck von seinem Bier. "Sie machen das einfach, weil sie es können."

© SZ vom 21.11.2020
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