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Arbeit:Erfüllender Job, leerer Geldbeutel

Hamm, 29.4.2020 - Corona-Kunst. Das Graffiti Super-Nurse an einer Wand in Hamm. Eine Krankenschwester mit Mundschutz un

Für einige Heldinnen und Helden der Pandemie: das Graffiti eines Künstlers in Hamm.

(Foto: imago images/Friedrich Stark)

In der aktuellen Krise wird deutlich, welche Jobs besonders gebraucht werden. Aber wie wichtig ist es, selbst einen Sinn in seiner Arbeit zu finden? Und welche Rolle spielt dabei das Gehalt?

Wer hätte Anfang des Jahres gedacht, dass wenige Monate später Menschen für andere Menschen klatschen, die in Supermärkten Regale einräumen? Die Frage ist: Werden Kassiererinnen, LKW-Fahrer und Pflegerinnen nach der Krise auch besser bezahlt? Und wie wichtig ist es überhaupt, einen Job zu finden, der einem selbst sinnvoll erscheint?

Die Hamburger Karriereberaterin Ragnhild Struss glaubt, dass die Ausnahmesituation zumindest eine neue Aufmerksamkeit für bestimmte Berufsgruppen erzeugt hat. Aber: "Nur durch das Klatschen auf den Balkonen werden Pflegekräfte auch nicht besser bezahlt." Damit sich nach der Krise auch wirklich mehr Menschen in systemrelevanten Branchen bewerben, müsse sich etwas am Gehalt ändern. Von reiner Sinnerfüllung könne niemand seine Mieten bezahlen.

Trotzdem findet Ragnhild Struss es wichtig, dass sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit der Sinnfrage im Job auseinandersetzen - gerade jetzt. "Es gibt für jeden Menschen einen richtigen Platz", sagt sie. Allerdings dürfe man es auch nicht übertreiben. Nicht jeder könne während seiner Arbeitszeit die Welt retten. "Sinn kann auch heißen, dass man selbst bestimmte Werte in einem Unternehmen hochhält." Als Beispiel nennt Struss unter anderem die Art, wie dort miteinander kommuniziert wird. Man dürfe das Wort Sinn nicht zu "globalgalaktisch" betrachten.

Nun hat aber trotzdem jeder mal Phasen, in denen man über einen Jobwechsel nachdenkt. Ragnhild Struss erzählt, dass erstaunlich viele Menschen zu ihr kommen, die eigentlich nicht mit ihrem Beruf hadern, sondern mit dem Privatleben. Deswegen sei es wichtig, erst mal zu klären, ob die eigene Unzufriedenheit wirklich auf den Job zurückzuführen ist.

Die Gefahr der Selbstausbeutung

"Wenn das so ist, dann sollte man sich selbst im ersten Schritt einige Fragen stellen." Zum Beispiel: Wer bin ich? Was sind meine Talente und Stärken? Für welche Werte stehe ich ein? Und was motiviert mich? Im nächsten Schritt, sagt Struss, könne man darüber nachdenken, was einen im Moment davon abhalte, das eigene Potenzial auszuschöpfen. "Nicht jede Unzufriedenheit muss in einem Jobwechsel enden." Manchmal helfe es schon, wenn ein introvertrierter Kollege nicht mehr im Großraumbüro sitzen müsse.

Zurück zur Sinnerfüllung am Arbeitsplatz: Anscheinend wollen heute immer mehr Menschen in einem Beruf arbeiten, den sie auch als sinnvoll empfinden. Jeder Zweite würde sogar weniger Gehalt akzeptieren, um dafür einer sinnstiftenderen Arbeit nachzugehen. Das ergab die Xing Gehaltsstudie 2019. Dafür wurden mehr als 17 000 deutsche Nutzer des Karrierenetzwerks befragt.

Tatjana Schnell sieht darin aber auch ein Dilemma. Sie ist Professorin für Persönlichkeits- und differentielle Psychologie (mit Schwerpunkt auf Existenzieller Psychologie) an der Universität Innsbruck. "Bei Menschen, die ihren Job als sinnvoll empfinden, ist die Gefahr viel größer, dass sie sich selbst ausbeuten." Das habe vor allem zwei Gründe. Sie verhandeln weniger als andere, denen das Gehalt wichtiger ist. Schließlich geht es ihnen nicht in erster Linie um das Geld. Außerdem arbeiten viele länger, weil sie aus eigener Motivation heraus das Beste geben wollen - manchmal eben auch nach Feierabend.

"In einer amerikanischen Studie kam heraus, dass Zoowärter, die ihren Job aus Leidenschaft und Überzeugung machten, zwar besser arbeiteten - sie verdienten aber auch deutlich weniger als ihre Kollegen." Das Problem sei, sagt Schnell, dass mittlerweile auch Sozialunternehmen diese Mechanismen ausnutzen. "Die sagen dann gleich beim Bewerbungsgespräch: Wir können Ihnen leider nicht viel zahlen, aber dafür Sie tun ja etwas Gutes."

© SZ.de/berk
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Von Sven Lüüs

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