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Kampagne für Ärzte-Image:Ausdauernde Klage

Die Vertreter der Ärzte haben in den vergangenen zehn bis 20 Jahren heftig, wortreich und ausdauernd über die Lage des Berufsstandes geklagt. Das diente dazu, ihre Interessen in der Politik durchzusetzen, und war - zumindest, was die Honorarsteigerungen angeht - recht erfolgreich. Das Lamento wirkte so gut, dass die Funktionäre immer noch eins drauflegten und zuletzt völlig überzogen. So verglich der Chef der Kassenärzte die Mediziner im Honorarstreit 2012 mit Gefangenen, die "in Ketten gelegt im Gefängnishof ihre Runden drehen".

In der beständig von Lobbyisten belagerten und daher abgestumpften Politik tut man eine derart überdrehte Rhetorik professionell-gelassen als aufgeblasene Propaganda ab. Das Problem der Ärzte ist leider nun, dass im Gegensatz zur Politik ein großer Teil der eigenen Mitglieder die Propaganda offenbar für bare Münze nimmt. Befeuert durch die Klage ihrer Funktionäre, wiegen Probleme und Ärger vieler Mediziner schwerer als der Spaß, die Zufriedenheit und die Erfüllung, die der Beruf mit sich bringt. Natürlich gibt es für Ärzte Gründe zur Klage. Doch die gibt es auch bei Architekten, Maurern oder Feuerwehrleuten.

Ende der klassischen Einzelpraxis

Die zweite Ursache für die Verunsicherung vieler Ärzte rührt tiefer und ist bedeutsamer. Sie wurzelt in Veränderungen der Gesellschaft und hat das Potenzial, das traditionelle Bild des Arztberufs zu zertrümmern.

Die klassische Einzelpraxis, in der die meisten Mediziner derzeit arbeiten, wird in weiten Teilen der Republik nicht mehr zu halten sein. Das gilt vor allem für die ländlichen Regionen, in denen es weniger Menschen geben wird, weil sie wegziehen oder sterben. Einer Einzelpraxis fehlt da die wirtschaftliche Grundlage.

Zusätzlich ist der ärztliche Nachwuchs in seiner Mehrheit nicht mehr bereit, die Belastungen und Entbehrungen zu tragen, die ein solches Einzelkämpfer-Dasein mit sich bringt - lange und unberechenbare Arbeitszeiten, hohe Verantwortung und wenig fachlichen Austausch mit anderen Kollegen. Das liegt auch daran, dass der Arzt-Nachwuchs inzwischen vor allem weiblich ist und die jungen Ärztinnen auf eine weitaus bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf Wert legen.

Der Bewusstseinswandel junger Mediziner hat auch Folgen für die Krankenhäuser. Hier wird es vor allem das Arbeitsklima sein, das sich ändern muss. Der vielerorts immer noch preußisch geprägte Umgangsstil wird sich wandeln müssen - hin zu flacheren Hierarchien, familienverträglicheren Arbeitszeiten (obwohl sich diese vielerorts schon deutlich verbessert haben) und größerer Anerkennung.

Die Umbrüche werden die Ärzte ereilen, so oder so. Sie haben es in der Hand, den Wandel zu gestalten oder ihn klagend zu ertragen.

© SZ vom 27.05.2013/kjan/jobr
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