Süddeutsche Zeitung

Kampagne für Ärzte-Image:Bunte Bilder als Eigentherapie

Die Kassenärzte werben mit einer millionenschweren Kampagne für ein besseres Image. Dabei ist ihr Ansehen tadellos. Die wunderbaren Doktoren-Bilder haben vor allem einen Zweck: Sie dienen der Selbstvergewisserung eines zutiefst verunsicherten Berufsstandes.

Ein Kommentar von Guido Bohsem

Seit ein paar Wochen hängen die Bilder in jeder größeren Stadt: ausdrucksstarke Gesichter, Männer, Frauen, alt und jung, mal freundlich lächelnd, mal ernst. Sie schauen einen an, intensiv und direkt, egal von welcher Seite der Betrachter sich nähert. "Ich arbeite für Ihr Leben gern", steht neben den überlebensgroßen Porträts, und es ergibt sich der seltene Fall, dass Bebilderung und Slogan einer Kampagne ausgezeichnet harmonieren.

Die porträtierten Menschen sind Ärzte: Orthopäden, Chirurgen, Hausärzte, Landärzte. Auftraggeber der Kampagne ist die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Ihr erklärtes Ziel ist es, das Bild des Arztberufs in der Öffentlichkeit zu verbessern.

Doch das ist allenfalls die halbe Wahrheit. Denn das Berufsbild des Arztes ist tadellos. Sein Ansehen wird allenfalls übertroffen von dem des Feuerwehrmannes. Kein akademischer Beruf erfreut sich eines größeren Renommees.

Hochgradig verunsicherter Berufsstand

Es liegt daher die Vermutung nahe, dass die Kampagne gar nicht auf die Öffentlichkeit zielt, sondern vielmehr auf die Ärzte selbst. Die wunderbaren Doktoren-Bilder in den Städten dienen vor allem der Selbstvergewisserung. Sie sollen die Seele der Ärzteschaft streicheln, ermutigen und ihr neue Lust auf den Job einhauchen.

Die Ärzte haben sich eine 15 Millionen Euro teure Eigentherapie verordnet. Und die ist dringend notwendig, denn wenn an diesem Dienstag der 116. Ärztetag in Hannover beginnt, treffen sich dort die Vertreter eines hochgradig verunsicherten Berufsstandes - entzweit durch endlose Grabenkämpfe und irritiert durch ungewohnte Attacken der Krankenkassen.

Diese Befindlichkeit der Mediziner hat im Wesentlichen zwei Ursachen. Für die erste tragen die gewählten Funktionäre mit ihrer überzogenen Rhetorik die Verantwortung. Die zweite Ursache gründet in einem gesellschaftlichen Wandel, der das tradierte Selbstbild des Arztes fundamental infrage stellt.

Ausdauernde Klage

Die Vertreter der Ärzte haben in den vergangenen zehn bis 20 Jahren heftig, wortreich und ausdauernd über die Lage des Berufsstandes geklagt. Das diente dazu, ihre Interessen in der Politik durchzusetzen, und war - zumindest, was die Honorarsteigerungen angeht - recht erfolgreich. Das Lamento wirkte so gut, dass die Funktionäre immer noch eins drauflegten und zuletzt völlig überzogen. So verglich der Chef der Kassenärzte die Mediziner im Honorarstreit 2012 mit Gefangenen, die "in Ketten gelegt im Gefängnishof ihre Runden drehen".

In der beständig von Lobbyisten belagerten und daher abgestumpften Politik tut man eine derart überdrehte Rhetorik professionell-gelassen als aufgeblasene Propaganda ab. Das Problem der Ärzte ist leider nun, dass im Gegensatz zur Politik ein großer Teil der eigenen Mitglieder die Propaganda offenbar für bare Münze nimmt. Befeuert durch die Klage ihrer Funktionäre, wiegen Probleme und Ärger vieler Mediziner schwerer als der Spaß, die Zufriedenheit und die Erfüllung, die der Beruf mit sich bringt. Natürlich gibt es für Ärzte Gründe zur Klage. Doch die gibt es auch bei Architekten, Maurern oder Feuerwehrleuten.

Ende der klassischen Einzelpraxis

Die zweite Ursache für die Verunsicherung vieler Ärzte rührt tiefer und ist bedeutsamer. Sie wurzelt in Veränderungen der Gesellschaft und hat das Potenzial, das traditionelle Bild des Arztberufs zu zertrümmern.

Die klassische Einzelpraxis, in der die meisten Mediziner derzeit arbeiten, wird in weiten Teilen der Republik nicht mehr zu halten sein. Das gilt vor allem für die ländlichen Regionen, in denen es weniger Menschen geben wird, weil sie wegziehen oder sterben. Einer Einzelpraxis fehlt da die wirtschaftliche Grundlage.

Zusätzlich ist der ärztliche Nachwuchs in seiner Mehrheit nicht mehr bereit, die Belastungen und Entbehrungen zu tragen, die ein solches Einzelkämpfer-Dasein mit sich bringt - lange und unberechenbare Arbeitszeiten, hohe Verantwortung und wenig fachlichen Austausch mit anderen Kollegen. Das liegt auch daran, dass der Arzt-Nachwuchs inzwischen vor allem weiblich ist und die jungen Ärztinnen auf eine weitaus bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf Wert legen.

Der Bewusstseinswandel junger Mediziner hat auch Folgen für die Krankenhäuser. Hier wird es vor allem das Arbeitsklima sein, das sich ändern muss. Der vielerorts immer noch preußisch geprägte Umgangsstil wird sich wandeln müssen - hin zu flacheren Hierarchien, familienverträglicheren Arbeitszeiten (obwohl sich diese vielerorts schon deutlich verbessert haben) und größerer Anerkennung.

Die Umbrüche werden die Ärzte ereilen, so oder so. Sie haben es in der Hand, den Wandel zu gestalten oder ihn klagend zu ertragen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1681540
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 27.05.2013/kjan/jobr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.