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Homeschooling:Angst vor gewalttätigen Mitschülern

Unterrichtet wird von möglichst qualifizierten Eltern oder Lehrern, die den "Homeschoolern" häufig eine Art Gruppen-Discount geben. Und man hilft sich, bietet Mathe-Nachhilfe gegen Kunststunden an oder auch mal gegen ein paar Stunden Babysitten. "Das Wichtigste ist ein gutes Netzwerk", sagt Haynes. Wenn man sich und die Kinder abschirme, wie es leider viele religiöse Familien tun würden, sei es nur natürlich, dass die Kinder irgendwann den Eltern Vorwürfe machen.

Vorurteile gegen Lehrer

Faule Säcke im Schlabberpulli

Ein Drittel der Eltern geben einer Umfrage zufolge die "religiöse und moralische Erziehung" als Hauptgrund für eine Entscheidung zum privaten Unterricht an. Dennoch sind es nicht nur religiöse Fanatiker, die es vorziehen, ihre Kinder lieber zu Hause zu unterrichten. Die Gewalt an vielen öffentlichen Schulen, der befürchtete negative Einfluss durch Drogen und Gruppenzwang macht auch gemäßigte Christen und säkulare Amerikaner zu Anhängern des Homeschooling.

Als die sechsjährige Tochter ihr einmal nach der Schule stolz und voller Unschuld anzügliche Tanzbewegungen zeigte, hatte beispielsweise Chris Cullen genug von der regulären Schule. In dem Schuldistrikt hatte außerdem ein 13-Jähriger einen anderen Jungen erstochen. Nach dem Vorfall wurden alle Schulen des Bezirks für ein paar Tage geschlossen. Wer sich in einem solchen Fall keine Privatschule leisten kann, unterrichtet lieber zu Hause - manche auf Dauer. Viele Eltern sind auch mit dem Leistungsniveau öffentlicher Schulen unzufrieden.

"Während einer 45-minütigen Schulstunde lernen die Kinder doch in Wirklichkeit nur etwa fünf Minuten lang", glaubt Haynes. Ihre beiden älteren Söhne Gabriel und Andreas stimmen ihr zu. Einer erzählt, in der öffentlichen Schule hätten die Mitschüler sich überhaupt nicht auf den Unterricht konzentriert: "Die Schule war fürs Lernen einfach störend." Die Brüder hatten ein Jahr lang die öffentliche Highschool besucht. Doch das ging nicht lange gut: "Beide wollten nach dem Jahr wieder zu Hause unterrichtet werden", sagt Haynes.

Auch Eltern von behinderten Kindern entschließen sich in den USA oft dazu, die Schulbildung selbst in die Hand zu nehmen. Das ist freilich keine einfache Aufgabe, zumal es meist bedeutet, dass mindestens ein Elternteil nicht oder kaum berufstätig sein kann. Kritiker des Homeschooling halten viele Eltern für heillos überfordert mit den vielen fachlichen Anforderungen, die eine gute Ausbildung stellt. Und sie haben auch die Sorge, dass Eltern den Horizont ihrer Kinder zu sehr einengen - die Indoktrination in religiösen Sekten ist für sie nur das extreme, abschreckendste Beispiel.

Doch viele amerikanische Eltern lassen sich davon nicht beirren. Auch die Eltern der 13-jährigen Bethany, die mit einem Down-Syndrom geboren wurde, bereuen ihre Entscheidung nicht, das Kind selbst zu unterrichten: "Im Gegensatz zur Tochter einer befreundeten Familie, die aus der Schule genommen werden musste, weil ihre Klassenkameraden sie zu sehr verspotteten, hat Bethany ein gesundes Selbstvertrauen." Neben dem Unterricht zu Hause nimmt Bethany aber auch an staatlichen Förderprogrammen teil, sie reitet und macht bei den Pfadfindern mit. "Im Idealfall werden beim Homeschooling Leben und Lernen eins", sagt Bärbel Haynes. Was daran schlecht sein soll, könne sie nicht verstehen.