Gamification "Das ganze Arbeitsleben zu gamifizieren dürfte kaum klappen"

Auch der Software-Konzern SAP nutzt seit zwei Jahren Gamification in der internen Weiterbildung. Auf der Lernplattform bekommen Mitarbeiter beispielsweise komplexe Aufgaben in Form von "Missionen" gestellt, deren Lösung sie zu einem höheren Level führt. Für SAP lohnt sich das doppelt, da das Unternehmen seit 2016 auch seinen Kunden verschiedene Lösungen im Gamification-Bereich anbietet und die eigenen Erfahrungen dafür verwenden kann. Die Nachfrage wachse "langsam, aber stetig", sagt Thomas Jenewein, Lernsoftware-Experte bei SAP. Gamification biete großes Potenzial, um Engagement und Motivation von Mitarbeitern zu fördern, glaubt er. "Allerdings ist das Thema sehr komplex und in der Umsetzung oft schwieriger als erwartet."

Das US-Marktforschungsinstitut Gartner postulierte schon vor fünf Jahren, dass 80 Prozent aller Gamification-Projekte scheiterten. Während Gamification bei kleinen und mittleren Unternehmen praktisch noch nicht angekommen ist, befassen sich große Konzerne inzwischen eher kritisch mit der Frage, wo und wie sich die Methode überhaupt sinnvoll einsetzen lässt. "Der erste Hype ist vorbei", sagt Professor Stefan Stieglitz vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Duisburg-Essen. "Nach meiner Wahrnehmung probieren viele Unternehmen Gamification aus, machen das aber nicht öffentlich, weil die Projekte oft nicht funktionieren und wieder eingestellt werden."

Karriere Zeit, die Befehlskultur abzuschaffen
Hierarchien im Büro

Zeit, die Befehlskultur abzuschaffen

Manager reden zur Zeit viel davon, Hierarchien abzubauen. Viele schrecken aus Angst vor Machtverlust davor zurück. Doch wer seinen Mitarbeitern mehr Verantwortung gibt, erntet Erfolge.   Von Alexander Hagelüken

Das liegt auch am dürftigen Design vieler Anwendungen, die vor allem auf das Sammeln von Punkten und Abzeichen ("Badges") setzen: "Da treten schnell Abnutzungserscheinungen auf. Wenn immer ein goldener Pokal aufblinkt, ist das so plump, dass es eine Abwehrreaktion hervorrufen kann", sagt Stieglitz. Statt Motivation und Leistung zu steigern, hätte Gamification dann sogar einen negativen Effekt.

Nicht zu vernachlässigen sei auch die Gefahr, dass sich Mitarbeiter durch den Zwang zum Punktesammeln kontrolliert und unter Druck gesetzt fühlten: "Deshalb hängt es stark von der Unternehmenskultur ab, ob und wie man das einsetzt." Ein gutes Vertrauensverhältnis zum Arbeitgeber sei die Voraussetzung. Stieglitz hält die Methode besonders bei zeitlich begrenzten Themen und Aufgaben für geeignet - etwa bei der Einarbeitung neuer Mitarbeiter, in der Einführungsphase eines neuen Projekts oder eben in der Weiterbildung.

Dass Gamification gut funktionieren kann, ist unbestritten. Michael Sailer von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität hat für seine Doktorarbeit 2016 ein Experiment mit hundert Studenten in der Rolle von Lagerarbeitern veranstaltet. Die einen wurden auf herkömmliche Art angelernt, die anderen erhielten ein virtuelles Tutorium, konnten Avatare gestalten und in Teams gegeneinander antreten. Die zweite Gruppe erzielte deutlich bessere Arbeitsergebnisse. Der Psychologe Sailer hat auch untersucht, woran genau das lag: "Gamification kann die Wahrnehmung steigern, dass eine Aufgabe für einen persönlich Bedeutung hat."

An einen dauerhaften Effekt glaubt auch er allerdings nicht. Selbst gut gemachte Anwendungen sollten deshalb vorsichtig dosiert werden: "Zum Beispiel bei Auftragsspitzen oder einfach jeden zweiten Freitag. Das ganze Arbeitsleben zu gamifizieren dürfte jedenfalls kaum klappen."