Frust am Arbeitsplatz Es gibt eine andere Lösung

Vielleicht muss man das Problem anders angehen. Vielleicht muss man sich fragen, ob in Zeiten, in denen die Arbeitswelt ruppig geworden ist, noch Platz ist für so viel Abhängigkeit: Ob es also zulässig ist, das eigene berufliche Glück in großem Ausmaß an die Qualität des eigenen Vorgesetzten zu koppeln.

Rechtlich wird die Bindung zwischen Mitarbeitern und Unternehmen seit vielen Jahren immer loser, unverbindlicher: Verträge werden befristet ausgestellt, Mitarbeiter werden von Zeitarbeitsfirmen geliehen, aus Angestellten werden Auftragnehmer mit freien Dienstverträgen. Liegt es da nicht nahe, auch die emotionale Bindung abzuschwächen?

Natürlich braucht es dafür ein hohes Maß an innerer Selbständigkeit. Wer sich vom Urteil seiner Vorgesetzten unabhängiger machen will, muss eine eigene Definition für die Qualität seiner Arbeit finden und sich selbst daran messen. Das ist nicht einfach, ganz egal ob man noch einen klassischen unbefristeten Angestelltenvertrag hat oder nicht. Aber es gibt Möglichkeiten: man kann etwa ein Netz schaffen aus Leuten, deren Qualitätsverständnis mit dem eigenen übereinstimmt - sei es in der eigenen Firma oder in der eigenen Branche. Aus diesen Zirkeln kommt dann auch das Lob und die Motivation, die jeder gelegentlich braucht, und die von vielen Vorgesetzten nur schwer zu bekommen sind.

Und natürlich gibt es auch noch den klassischen Weg, mit einem unmöglichen Vorgesetzten umzugehen: kämpfen. Man kann sich also wiederum bei dessen Chef beschweren, man kann sich mit allen Tricks darum bemühen, dass eigene Erfolge auch als solche ersichtlich sind, statt dem missliebigen Boss angerechnet zu werden. Und man kann an seinem Stuhl sägen und versuchen, ihn zu beerben. Ein schlechter Chef muss nicht zwangsläufig ein Grund für schlechte Stimmung sein - ihn zu bekämpfen, kann durchaus beflügeln.

Für all diese Strategien gilt natürlich: Sie sind anstrengend, ja. Aber sich innerlich unabhängig zu machen, ist in jedem Fall die bessere Alternative, als innerlich zu kündigen. Und die Mühe lohnt sich: Denn Deutschlands Vorgesetzte werden, illusionsfrei betrachtet, in absehbarer Zeit nicht besser werden. Sie werden nicht häufiger loben, sie werden nicht sachlicher kritisieren, sie werden sich nicht besser um die Belange ihrer Mitarbeiter kümmern als bisher. Allein deshalb ist es eine schlechte Idee, das eigene berufliche Wohlbefinden weiterhin als Chefsache zu betrachten.