Frauen in Führungsjobs:In 200 Jahren, Schätzchen

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Frauen haben einen großen Marktvorteil: Sie verdienen weniger. Doch das nützt ihnen nichts.

Nicola Holzapfel

Deutschlands Frauen kommen nicht voran. Ihr Anteil an Führungspositionen ist seit Jahren konstant niedrig. Dabei haben sie ihren männlichen Kollegen gegenüber einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Sie verdienen weniger.

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Das zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Die Volkswirtschaftlerin Elke Holst hat die Gehälter von Beschäftigten in Tätigkeiten, die eine hohe Qualifikation erfordern, und von Angestellten mit umfassenden Führungsaufgaben untersucht. Für die Studie wurden die Angaben von mehr als 2000 Befragten ausgewertet. Zu den Hochqualifizierten zählen etwa Ingenieure und Beamte von der Besoldungsgruppe A 13 an. Angestellte mit umfassenden Führungsaufgaben sind zum Beispiel Geschäftsführer und Direktoren.

Bei dieser Definition werden in Deutschland 30 Prozent der höheren Positionen von Frauen besetzt. In Führungspositionen liegt der Frauenanteil bei 22 Prozent. Der Verdienstunterschied zwischen den Geschlechtern steigt mit der Position. Vollzeitbeschäftigte Männer verdienen im Schnitt 4200 Euro monatlich und kassieren damit 27 Prozent mehr als ihre Kolleginnen. Bei den echten Führungsjobs macht der Unterschied 33 Prozent aus. Männer verdienen 5300 Euro brutto, Frauen 4000 Euro.

Wie stark die Frauenverdienste hinterherhinken, hat selbst die Wissenschaftlerin überrascht. Sie hat mehrere Einflussgrößen auf die Entlohnung untersucht. So nimmt der Verdienst zum Beispiel mit dem Alter zu, allerdings gibt es die größten Zuwächse zu Karrierebeginn. Ein hoher Bildungsabschluss rentiert sich für Frauen mehr als für Männer.

Ehebonus für Männer

Auch der Familienstand wirkt sich aufs Gehalt aus. Allerdings profitieren davon vor allem die Männer: Verheiratete Führungskräfte verdienen 1000 Euro mehr als ihre ledigen Kollegen. Für Frauen ist der Ehe-Bonus dagegen kaum spürbar. Auch Familienväter mit kleinen Kindern liegen beim Gehalt deutlich über dem Durchschnitt. Bei Frauen spielt ein möglicher Kindersegen dagegen keine Rolle. "Ein Mann hat in der Regel eine Frau zuhause, die ihm den Rücken freihält. Frauen können im seltensten Fall auf diese Ressource zurückgreifen. Wenn sie Nachwuchs bekommen und Elternzeit nehmen, entgeht ihnen Einkommen. Männer arbeiten weiter und sogar eher mehr als vorher", sagt Elke Holst.

Wie ihre Studie zeigt, sind Frauen in Führungspositionen häufiger kinderlos und unverheiratet als ihre männlichen Kollegen. "Die hohe zeitliche Beanspruch in Führungspositionen lässt Frauen und Männern kaum Zeit für die Erfüllung ihrer Aufgaben in der Familie", heißt es in der Studie. Für die Mehrheit der Führungskräfte gehören Überstunden zum Alltag. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit liegt bei 52 Stunden, wobei Männer etwas länger arbeiten als Frauen.

Ein entscheidender Faktor für die Erlangung eines Chefpostens scheint in Deutschland eine lange Unternehmenszugehörigkeit zu sein. Führungspositionen werden offenbar vor allem intern besetzt. Sowohl Frauen wie Männer mit Führungsaufgaben arbeiten schon mehr als zehn Jahre bei ihrem Unternehmen.

Frauen machen vor allem im öffentlichen Dienst und im Dienstleistungsgewerbe Karriere. Häufig arbeiten sie in kleineren Unternehmen mit bis zu 200 Mitarbeitern. Die Verdienst-Unterschiede variieren der Studie zufolge je nach Branche. So verdienen Frauen vor allem im Handel und im Gastgewerbe sowie im Bereich öffentlicher und privater Dienstleistungen deutlich weniger.

Alter, Branche, Familienstand, Unternehmensgröße sind nur einige der Faktoren, die das Gehalt beeinflussen. Doch selbst wenn dies alles berücksichtigt wird, bleibt der Studie zufolge ein deutlicher Unterschied zwischen Männern- und Frauengehältern bestehen.

Elke Holst will bei den Verdienstunterschieden nicht unbedingt von Diskriminierung sprechen. "Es könnte auch Gründe geben, die wir wissenschaftlich nicht beobachten können", sagt Holst. Das könnten zum Beispiel im Alltagswissen begrabene Vorurteile sein.

Außerdem handelt es sich immer um Durchschnittsgehälter. Es gibt durchaus auch einzelne Frauen, die mehr verdienen als Männer.

Doch wenn es wirklich keine Benachteiligung gäbe, müssten Frauen stärker nachgefragt werden. Die geringere Bezahlung könnte für Frauen ein Marktvorteil sein. "Wenn Frauen für weniger Geld arbeiten, müsste es eigentlich einen Run auf sie geben. Aber dem ist nicht so", sagt Elke Holst.

In den vergangenen Jahren ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen gerade mal um ein Prozent gewachsen. Während größere Arbeitgeber ihren weiblichen Mitarbeitern etwas mehr Verantwortung übergeben, ist die Zahl der Chefinnen im Mittelstand geschrumpft. Elke Holst kann über die Einstellungspolitik der Unternehmen nur den Kopf schütteln: "Wenn das so weitergeht, gibt es vielleicht in 200 Jahren Gleichstellung in Führungspositionen."

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