Frage an den SZ-Jobcoach Soll ich vor einer Kollegin warnen?

Der Jobcoach beantwortet einmal wöchentlich eine Frage der SZ-Leser.

(Foto: Jessy Asmus)

Eine ehemalige Kollegin von Eva P. spricht schlecht über ihren alten Arbeitgeber und über ihre neue Firma. P. will vom Jobcoach wissen, wie sie sich verhalten soll.

SZ-Leserin Eva P. fragt:

Eine ehemalige Kollegin ist vor einiger Zeit zu einer Firma in der Nähe gewechselt. Abgesehen davon, dass ich sie ziemlich faul in Erinnerung habe, verbreitet sie jetzt Gerüchte über ihren alten Arbeitgeber und redet gleichzeitig schlecht über die neue Firma und die Kollegen dort. Für ein Kleinunternehmen in unserer Region kann das tödlich sein, da es keine guten Azubis mehr finden wird, wenn sich die Gerüchte herumsprechen. Nun will ich mich aus verschiedenen Gründen auch bei der Firma bewerben, in der sie jetzt arbeitet. Meine Frage: Soll ich beim Vorstellungsgespräch die Firma darüber informieren, dass diese Kollegin ein solch rufschädigendes Verhalten betreibt?

Vincent Zeylmans antwortet:

Liebe Frau P., mit Ihrer Beobachtung liegen Sie richtig: Für Kleinunternehmen ist es zunehmend schwer, gute Azubis zu finden. Wer eine Lehrstelle sucht, tendiert häufig zu bekannten Arbeitgebern, zu Großstädten oder Firmen, die das Sammeln von Berufserfahrungen in vielen Bereichen versprechen. Kleine Mittelständler tun sich häufig schwer, sich gegen diese Konkurrenz durchzusetzen. Diese Situation hat sich die letzten Jahre verschärft. Waren vor zehn Jahren Lehrlinge froh, einen Ausbildungsplatz zu finden, freuen sich heute die Arbeitgeber, wenn sie überhaupt Bewerber finden.

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Natürlich gibt es auch für diese Unternehmen Chancen. In manchen Fällen ist das einfach die örtliche Nähe: Auszubildende können weiterhin zu Hause wohnen und profitieren von den kürzeren Anfahrtszeiten. Sehr starke Argumente für Kleinunternehmen sind häufig das gute Arbeitsklima, die familiäre Strukturen und bei inhabergeführten Unternehmen der Ruf des Eigentümers. Solche Unternehmen bieten vielfach mehr Sicherheit als die Konzerne, weil sie auch in schlechten Jahren an der Belegschaft festhalten. Außerdem sind die Mitarbeiter persönlich bekannt. Ich kenne viele Geschichten von finanzieller Unterstützung in Notlagen, temporärer Freistellung von der Arbeit bei der Pflege von Angehörigen oder weiterem Entgegenkommen.

Wenn die Reputation die größte Stärke ist, kann eine Rufschädigung natürlich bedrohlich werden. In diesem Fall würde ich aber die Einflussnahme einer einzelnen Person nicht überschätzen. Zunächst wird auf die Persönlichkeit des Senders geachtet. Sie haben die ehemalige Kollegin als "ziemlich faul" in Erinnerung und relativieren deshalb ihre Aussagen. Auch andere werden schauen, von wem die Informationen stammen. Manche Mitarbeiter schädigen sich selbst mehr als das Unternehmen, das sie kritisieren.

Zweitens ist natürlich kein Unternehmen vollkommen. Wenn Sie das Bewertungsportal Kununu kennen, stellen Sie fest, dass Arbeitgeber von ihren Mitarbeitern sowohl gelobt als auch getadelt werden. Das ist realistisch und macht Arbeitgeber auch glaubwürdig. Wenn Sie auf Amazon Buchrezensionen lesen, finden Sie kaum Bewertungen mit ausschließlich fünf Sternen. Darin spiegelt sich auch die unterschiedliche Wahrnehmung wider. Das gleiche trifft für Unternehmen zu: Nicht alle Mitarbeiter sehen die Unternehmenskultur in allen Aspekten mit gleichen Augen.

In einem Vorstellungsgespräch sind Sie der Firma noch nicht bekannt. Der Arbeitgeber interessiert sich für Ihre Fachkompetenz, Ihre Stärken und den Nutzen, den Sie der Firma bringen werden. Sie haben ein kurzes Zeitfenster und dieses benötigen sie, um sich umfassend mit Ihren Erfolgen darzustellen. Wenn Sie den Namen Ihrer ehemaligen Kollegin erwähnen, wird die Aufmerksamkeit zwingend von Ihrer Person abgelenkt. Das kann nicht in Ihrem Interesse sein.

Vincent Zeylmans war lange Abteilungsleiter in internationalen Konzernen und kennt deren Rekrutierungspolitik aus der Praxis. Heute ist er Autor, Karriere-Coach und Outplacement-Berater.

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