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Familie und Karriere:Ostdeutschland: Hausfrauen unerwünscht

Während in Ostdeutschland die Kita-Betreuung von Kleinkindern selbstversändlich ist, haben Mütter in den alten Bundesländern noch immer Bedenken. Das beeinflusst den Verlauf ihrer beruflichen Karriere.

Auch 20 Jahre nach der deutschen Einheit unterscheiden sich die "Frauenkarrieren" in Ost und West: Für ostdeutsche Frauen ist ein Leben mit Job, Familie und Kindern nach wie vor selbstverständlicher als für ihre westdeutschen Altersgenossinnen, wie eine in Leipzig vorgestellte Studie zeigt.

Kindertagesstätte

Die Kinder in der Kita betreuen zu lassen, um schnell wieder in den Beruf zurückzukehren, ist in Ostdeutschland weitaus üblicher als im Westen.

(Foto: dpa)

Die Ost-Frauen haben aber auch häufiger Männer an ihrer Seite, die sie unterstützen und sich auch dann keine Hausfrau zur Partnerin wünschen, wenn Kinder geboren werden. Das legt die Studie Das volle Leben! Frauenkarrieren in Ostdeutschland nahe. In Auftrag gegeben wurde sie von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der gleichzeitig Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer ist. Erstellt hat sie die pme Familienservice GmbH erstellt. Die Daten stammen aus einer aktuellen Online-Befragung unter 655 Menschen in Ost und West sowie aus der Sonderauswertung anderer Studien.

Jede zweite erwerbstätige Frau (53 Prozent) in Ostdeutschland, deren jüngstes Kind unter 15 Jahre alt ist, arbeitete demnach im Jahr 2008 in Vollzeit. Das waren mehr als doppelt so viele wie in den alten Bundesländern (22 Prozent). Die gut ausgebaute Kinderbetreuung sei dafür eine wichtige Voraussetzung, entscheidend seien aber vor allem die eigenen Vorstellungen vom Leben. So sind laut Umfrage nur 16 Prozent der ostdeutschen Frauen zwischen 17 und 29 Jahren bereit, für ihre Kinder ihre Arbeit aufzugeben. Im Westen sind das mehr als doppelt so viele (37 Prozent).

Der Anteil der Haushalte, in denen beide Partner ungefähr gleich viel zum Haushaltseinkommen beitragen, ist in den neuen Ländern mit 44,5 Prozent fast doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern mit 27,9 Prozent. Die gleichberechtigte Partnerschaft ist im Osten laut Studie nicht nur ein stiller Wunsch, sondern der Normalfall: Die Rollen des männlichen "Familienernährers" und der "Hausfrau" finden sich in den Wunschvorstellungen der Ostdeutschen kaum wieder. Dagegen streben knapp ein Viertel der westdeutschen jungen Männer und damit doppelt so viele wie im Osten noch immer das "konservative männliche Ernährermodell" an.

Keine Festlegung auf ein Lebensmodell

Die Akzeptanz für das berufliche Engagement der Frauen in Ostdeutschland erleichtert offenbar auch den Einstieg in Führungspositionen. 2008 besetzten Frauen im Osten 30 Prozent der Spitzenposten, in den alten Bundesländern 24 Prozent. Gleichzeitig haben ostdeutsche Führungsfrauen öfter Familie und Kinder als ihre Altersgenossinnen in den alten Bundesländern. Dies zeige, dass Frauen in den neuen Ländern sich nicht auf ein einseitiges Lebensmodell festlegen müssen, schreiben die Autoren. In den alten Bundesländern sähen sich Frauen viel eher mit einer Entscheidung zwischen Kind und Karriere konfrontiert.

Während sich im Osten mehr Frauen in Führungspositionen finden, ist der bundesweite Anteil der Ostdeutschen auf Spitzenposten der Wirtschaft noch immer gering. Ihr Anteil an den Führungskräften in Deutschland liegt derzeit insgesamt bei neun Prozent, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin mitteilte. Anfang der 1990er Jahre waren es noch 13 Prozent.

Wanderung in den Westen

Es habe aber keinen Komplettaustausch der Leitungspositionen im Osten durch Westmanager gegeben. In den neuen Ländern besetzen Ostdeutsche 71 Prozent der Topjobs. Zu Führungskräften zählte das DIW leitende Angestellte, höhere Beamte und Selbständige ab zehn Mitarbeitern.

In Führungsetagen im Westen fassen Menschen aus den neuen Ländern der Studie zufolge aber weiterhin nur schwer Fuß. Dort erhöhte sich der Anteil der Ost-Führungskräfte seit der Vereinigung gerade einmal auf zwei Prozent. Wegen des vergleichsweise großen West-Arbeitsmarkts verberge sich dahinter dennoch eine recht hohe Wanderung ostdeutscher Führungskräfte in die alten Bundesländer, erläuterten die Forscher.

Basis der Analyse sind laut DIW Daten des Sozio-oekonomischen Panels, einer Langzeitbefragung von jährlich mehr als 20.000 Menschen. Insgesamt sei die Lebenszufriedenheit in Deutschland immer weniger eine Ost-West-Frage. Sie hänge vielmehr von den konkreten Umständen in der Region ab, sagte DIW-Experte Peter Krause. Dies gelte vor allem für jüngere Leute und die derzeit Erwerbstätigen, die schon den Großteil ihres Berufslebens im vereinten Deutschland erlebt haben.

© sueddeutsche.de/dpa/AFP/holz

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