Fachkräftemangel 30 Jobs in 30 Wochen

Ausbleibende Bewerber machen Regionen und Branchen zu schaffen. Auf allen Social-Media-Kanälen versuchen sie nun, für sich zu werben.

Von Jutta Pilgram

Annabelle Klage hat alle Eigenschaften, die ein klassischer Influencer braucht: Sie sieht gut aus, hat strahlend weiße Zähne, kann gut reden, und sie hat ein Problem, das sie mit vielen Menschen teilt. Annabelle Klage weiß nicht, was sie werden soll. Damit ist sie eine ideale Identifikationsfigur für Schulabgänger, Studierende und Berufseinsteiger. Im Gegensatz zu anderen Influencern präsentiert sie aber keine Rezepte oder Schminktipps. Sie testet Berufe und dokumentiert ihre Erlebnisse auf einer Website (www.standort.allgaeu.de/jobchallenge), auf Facebook und Instagram.

Klage nennt sich "Jobhopperin". In 30 Wochen hat sie 30 verschiedene Jobs ausprobiert. Sie war mit dem Verkehrsleiter am Flughafen Memmingen unterwegs, hat als Restaurantfachfrau in einem Hotel im Oberjoch ausgeholfen, die Frühschicht bei einem Bäcker in Frauenzell geschoben, als Pflegekraft in einem Sonthofener Altenheim gearbeitet und sich angeschaut, wie Softwarentwickler in Haldenwang eine Hebebühne prüfen. Dass sämtliche Firmen ihrer Mini-Praktika im Allgäu angesiedelt sind, ist kein Zufall. Denn hinter der Jobhopper-Aktion steckt die Allgäu GmbH, die den Arbeitgebern der Region dabei helfen will, junge Fachkräfte in den Nordosten des Bodensees zu locken.

Für die Kampagne hat die Allgäu GmbH eine Werbeagentur beauftragt. Das merkt man. Denn die fröhlichen Videos von Annabelle Klage wirken zwar authentisch und frisch, doch bei den Texten stellt sich schnell das Gefühl ein, dass hier beflissene Marketing-Leute nachgeholfen haben ("Also, nichts wie hin da ... zu so einem coolen Bildungsberater-Angebot!").

Die Aktion sei eine "tolle Sache" gewesen, sagt Sabine Ritter, Projektleiterin bei der Allgäu GmbH. "Vor allem im Verhältnis zum eingesetzten Budget war sie ein Riesenerfolg." Am Ende der 30 Wochen hat die Kampagne den Deutschen Preis für Online-Kommunikation in der Kategorie Employer Branding gewonnen. Viele Follower hat die Jobhopperin trotzdem nicht gewonnen. Bei Instagram ist Annabelle Klage gerade mal bei 1300 Abonnenten angekommen, während es beispielsweise die diesjährige "Bachelorette", Kandidatin einer TV-Realityshow, mit inhaltslosen Botschaften in kürzester Zeit auf 300 Mal so viele Follower gebracht hat.

Ist Instagram also der falsche Kanal für ernste Themen wie Berufswahl und Jobsuche? "Nein", sagt Ritter. "Die Reichweite insgesamt war erstaunlich. Es ging uns ja nicht nur um Instagram, wir haben auf vielen Kanälen geworben, auch auf fachkräftespezifischen. Insgesamt kamen wir so auf 21 Millionen Online-Impressionen."

Andere Regionen ziehen nach. Im Landkreis Bad Kissingen hat soeben die Jobbloggerin Melissa 20 Jobs ins 20 Wochen absolviert. Der Deutsche Handwerkskammertag versucht schon seit einiger Zeit, mit Online-Marketing zögernde Schulabgänger als Azubis zu gewinnen. Bei der Kampagne "Rekordpraktikanten" schickte er zwei junge Leute auf Tour durch 44 deutsche Handwerksbetriebe. Der Werbetext dazu: "Zwei Praktikanten. Berufe ohne Ende. Eine Wahnsinns-Zeit." Auch hier ein bemüht jugendlicher Jargon.

Und wofür hat sich Annabelle Klage nach ihren 30 Testläufen entschieden? Sie studiert erst mal weiter, Tourismus-Marketing in Stralsund.