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Experte über den perfekten Bürostuhl:"Der Mensch ist nicht zum Sitzen gemacht"

Dauersitzen als unterschätztes Gesundheitsrisiko

Länger als zwei Stunden am Stück sollte kein Büroarbeiter sitzend zubringen.

(Foto: Robert Schlesinger/dpa)

Etwa 18 Millionen Deutsche arbeiten in Bürojobs und das bedeutet: sieben, acht und noch mehr Stunden täglich sitzen. Für die Gesundheit ist das wenig förderlich, gerade wenn der eigene Schreibtischstuhl unbequem und/oder schlecht eingestellt ist. Der Ergonomieexperte und stellvertretende Leiter des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), Rolf Ellegast, erklärt im Interview, worauf Büroarbeiter besonders achten sollten.

Interview von Matthias Kohlmaier

SZ.de: Herr Ellegast, wie sieht der perfekte Bürostuhl aus und was muss er leisten?

Rolf Ellegast: Es gibt auf dem Markt viele Produkte, auch sehr teure, die den Nutzer zur Bewegung anregen sollen. Da sind zum Beispiel Federn integriert oder sogar Motoren. Wir haben allerdings vor Jahren eine Studie durchgeführt und herausgefunden: Ob die Probanden nun auf einem ganz gewöhnlichen Stuhl oder auf einem dieser technisch hochgerüsteten Produkte saßen, war in puncto Bewegung fast völlig egal. Der ideale Stuhl ist eine sehr individuelle Angelegenheit und am wichtigsten ist, dass Sie nicht den ganzen Tag darauf sitzen, sondern sich ab und an auch ein paar Schritte bewegen.

Aber ein paar Kriterien gelten doch gewiss immer.

Natürlich, die idealen Körperwinkel zum Beispiel. Jeder Mensch ist zwar anders gebaut, aber für alle gilt bei der perfekten Ausgangssitzposition die 90-Grad-Regel. Heißt: Stuhl und Tisch sollen so justiert sein, dass die Körperwinkel zwischen Unter- und Oberschenkel, Oberschenkel und Oberkörper sowie Ober- und Unterarm etwa 90 Grad betragen. Wenn das passt, sind Stuhl- und Tischhöhe richtig eingestellt.

Was sind denn die häufigsten - und vermeidbarsten - Fehler beim Kauf und Einstellen eines neuen Schreibtischstuhls?

Oftmals sind gerade teure Bürostühle so kompliziert, dass sich der Nutzer gar nicht mit der Gebrauchsanweisung auseinandersetzt, sondern einfach Platz nimmt und an allen Hebeln und Knöpfen herumprobiert. Das klingt jetzt etwas banal, aber: Sie müssen eine halbe Ewigkeit auf diesem Stuhl sitzen, also nehmen Sie sich doch vorher die Zeit, sich mit den technischen Details vertraut zu machen. Ganz normale Stühle haben meist eine Synchronmechanik, Sitzfläche und Rückenlehne bewegen sich in einem bestimmten Verhältnis zueinander, was ein dynamischeres Sitzen ermöglicht. Das kann man aktivieren oder deaktivieren - viele Leute merken aber noch nicht mal, dass sie diese Funktion haben.

Wie lange sollte man im Büro maximal sitzen, bis man sich etwas Bewegung gönnt?

Ich würde sagen, spätestens alle zwei Stunden sollte man wenigstens mal zum Kopierer gehen oder den Kollegen im Nachbarbüro persönlich statt telefonisch etwas fragen, um den Kreislauf ein wenig anzukurbeln. Es ist sehr wichtig, sich der eigenen körperlichen Inaktivität im Büro bewusst zu werden. Egal wie ich sitze und wie perfekt eingestellt mein Stuhl ist, auf Dauer ist es nicht gesund - der Mensch ist nicht zum Sitzen gemacht.

Sie sagen also, dass der Stuhl sogar zweitrangig ist und gesundes Arbeiten vom Menschen selbst abhängt?

Natürlich ist ein ergonomisch korrekter Bürostuhl wichtig, aber grundsätzlich haben Sie recht. Wer den ganzen Tag sitzt, braucht sich nach einigen Jahren auch trotz bestem und teuerstem Stuhl nicht über eine verkümmerte Rückenmuskulatur zu wundern.

"Gehen Sie am besten einmal quer durchs Büro und zurück"

Welche Körperpartien werden durch schlechte Stühle und allzu langes Sitzen am meisten beansprucht?

Den Rücken hatte ich ja bereits genannt, das liegt einfach an der Zwangshaltung, für die unser Körper eigentlich nicht gedacht ist. Dazu kommt der Schulterbereich - gerade dann, wenn Tischhöhe und/oder Armablage des Stuhls nichts gut eingestellt sind. Das Hauptproblem sind die Folgen der Bewegungsarmut bei zu langem Sitzen: das geht vom erhöhten BMI bis zu Herz-Kreislauf-Beschwerden. Deswegen sagt man: Die beste Sitzhaltung ist immer die nächste. Und bevor Sie die einnehmen, gehen Sie am besten einmal quer durchs Büro und zurück.

In den neunziger Jahren, und in manchen Büros bis heute, gab es diesen Trend mit den farbenfrohen Gymnastikbällen. Sind die tatsächlich gesünder als ein normaler Stuhl?

Sie können die Muskulatur, etwa im Lendenwirbelbereich, durchaus etwas mehr aktivieren. Aber die Berufsgenossenschaften sind aus Sicherheitsaspekten natürlich wenig begeistert davon. Um den ganzen Tag darauf zu arbeiten, halte ich solche Bälle auch schlicht für zu unbequem und instabil. Zu einem verstellbaren Bürostuhl sind sie definitiv keine dauerhafte Alternative.

Wohin geht der Trend beim Arbeitsplatz der Zukunft?

Viele Firmen denken bereits darüber nach, ob für jeden Mitarbeiter überhaupt noch ein eigener Büroarbeitsplatz nötig ist oder nicht jedem Angestellten aufgabenspezifisch immer ein neuer Arbeitsplatz zugeordnet werden kann. Wer zum Beispiel viele Telefonate erledigen und zwischendurch Mails checken muss, kann das von einem bewegungsdynamischen Arbeitsplatz tun. Was grundsätzlich heute schon in vielen Firmen Einzug hält, sind Sitz-Steh-Kombinationen, die zumindest ein wenig zu Bewegung im Arbeitsalltag anregen.

Dynamischer Arbeitsplatz

Dynamische Büroarbeitsplätze sind zwar gesundheitsförderlich, in Deutschland aber noch eine Seltenheit.

(Foto: DGUV)

Sitz-Steh-Arbeitsplätze sind wegen der höhenverstellbaren Tische nicht billig, was vermutlich viele Arbeitgeber abschreckt.

Die Umrüstung bestehender Arbeitsplätze ist tatsächlich logistisch und finanziell nicht ganz einfach. Wenn man das aber beim Einkauf gleich bedenkt, unterscheiden sich die Kosten zwischen einem normalen und einem verstellbaren Tisch kaum noch. Und was Chefs auch sehen müssen: Die Gesundheit der Mitarbeiter sollte ihnen so eine Investition wert sein.

Zum Abschluss: Worauf sitzen Sie gerade?

Ich habe hier einen Sitz-Steh-Arbeitsplatz, sitze im Moment aber. Und ich habe auch zu Testzwecken ein modernes Ergometer unter dem Tisch. Das bringt laut verschiedener Studien physiologisch auf jeden Fall was, das Herz-Kreislauf-System wird angeregt, der Energieumsatz erhöht sich. Ich finde das Strampeln während der Arbeit aber noch ziemlich gewöhnungsbedürftig.

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© SZ.de/chwa/liv
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