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Führungskultur:Der Chef als Identifikationsfigur

"Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie", sagte schon Ludwig Erhard, Wirtschaftsminister und Erfinder der sozialen Marktwirtschaft ("Wohlstand für alle"). Dazu passt, was der Wirtschaftspsychologe Erich Witte einmal notierte: "Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, liegt weder am Glas noch an der Füllmenge, sondern einzig am Betrachter." Ist der Betrachter also guter Dinge und optimistisch gestimmt, ist es immer halb voll und nicht halb leer.

Auch in Unternehmen geht es darum, für Zuversicht und Aufbruchstimmung zu sorgen und damit den Boden für den Erfolg oder einen Neuanfang zu bereiten. Wenn alle daran glauben, dass es bald wieder aufwärtsgeht, steigt auch die Wahrscheinlichkeit dafür. Umgekehrt: Wenn der Großteil der Belegschaft in Niedergeschlagenheit verfällt, wird es mutmaßlich weiter nach unten gehen. Menschen wollen das Positive sehen, sie neigen dazu, sich an Vorbildern zu orientieren, sie suchen Identifikation. Im Idealfall mit ihrem Chef.

Empathie ist gerade in einer digitalen Welt wichtig

Vertrauen sei dabei das Schlüsselthema, ob im Beruf oder in der Partnerschaft, sagt Frank Appel, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post. "Ich weiß intuitiv, dass der andere das Richtige tun wird und ich mich auf ihn verlassen kann. Wenn jemandem Vertrauen entgegengebracht wird, dann wird das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet, wie übrigens auch in der Liebe." Appel kennt sich da aus, er ist promovierter Neurobiologe. "Wenn man sich gut fühlt, tut man in der Regel das Richtige", sagt er. In diesem Sinne wird auch bei dem ehemaligen Staatsunternehmen mit mehr als einer halben Million Mitarbeitern weltweit Führungsverhalten trainiert. "Ich muss mit Überzeugung für meine Ideen begeistern, nicht mit Macht", glaubt auch Dominic Barton, der die weltweit größte Unternehmensberatung McKinsey führt. Man müsse die Werte, die in einer Firma stecken, erkennen und die Menschen weiterentwickeln. Das sei der Weg zum Erfolg.

Empathie ist heute wichtig, gerade und auch in der digitalen Welt, die so stark auf die Kreativität von Mitarbeitern angewiesen ist. Wie es nicht geht, zeigt das Beispiel des Fahrdienstvermittlers Uber. Gründer Travis Kalanick geriert sich als unerzogener und unangepasster Halbstarker. Er beschimpfte die Taxi-Konkurrenz als "Arschloch" und setzte sich in vielen Ländern, auch in Deutschland, einfach über Gesetze hinweg. Damit hatte er lange Erfolg, das Unternehmen aus dem Silicon Valley wird inzwischen auf 60 Milliarden Dollar taxiert. Doch nun haben Uber und Kalanick ein massives Imageproblem, Sexismus-Vorwürfe, unzufriedene Kunden, hohe Verluste, Mitarbeiter, die sich schlecht behandelt fühlen. Die erfolgreiche Internetunternehmerin Arianna Huffington soll nun als Verwaltungsrätin von Uber die angeschlagene Firma auf Kurs bringen. Sie sagte vor einigen Wochen, es sei kein Platz mehr für "brillante Dummköpfe". Was sie meinte: Es braucht jetzt keinen verrückten Gründer mehr, sondern richtige Führung.

Gute Chefs binden auch gute Mitarbeiter länger

Auf die Chefin oder den Chef kommt es also an, auch wenn die nicht alles wissen und sich nicht überall einmischen müssen. Fortschrittliche Managementmethoden und -praktiken steigern die Produktivität erheblich, so das Ergebnis einer umfangreichen Studie aus dem vergangenen Jahr von Forschern der London School of Economics. Gut geführte Unternehmen würden besser qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen und diese auch länger an sich binden. Die Personalauswahl trage entscheidend zu einer höheren Produktivität bei und steigere den Unternehmenserfolg. Dafür finde sich bei einer Erhebung in Deutschland ein statistischer Zusammenhang.

Das große Problem: Die Aufbruchstimmung, die der neue Boss verbreitet, nutzt sich bald ab, spätestens von da an muss er wirklich führen, das Unternehmen voranbringen, die Mitarbeitern motivieren. Das gilt übrigens auch für Fußballtrainer.

© SZ vom 22.04.2017/vit
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