Elite-Grundschule:Eltern bekommen Rückenschmerzen

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Besonders überzeugend findet sie den Mann, der die BIP-Schule nach München holen möchte: Raffaele Salerno, der Sätze sagt, die auf verunsicherte Eltern wirken wie Johanniskraut: "Wir nehmen die Kinder ernst und fördern sie sehr individuell. Wir behandeln jedes Kind so, als ob es hochbegabt sei." Er lässt sich auch vom Geschrei seiner zwei tobenden Töchter nicht aus der Ruhe bringen. Interessierte Eltern empfängt er im Schwabinger Familienzentrum, das er mitgegründet hat - ein Altbauraum mit Ikea-Leuchten an der Decke und bunten Vorhängen an der Scheibe. Nicht gerade das, was man von einer Privatschule erwartet, murmelt ein Besucher. Es gibt einen Wickelraum, kein Büro, und Eltern können Tee oder Wurstbrote mitbringen.

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Eltern wollen ihren Kindern alle Möglichkeiten offen halten. Die Elite-Grundschule scheint da der richtige Weg zu sein.

(Foto: dpa)

Raffaele Salerno hat Frikadellen dabei und erzählt, wie er und seine Frau, eine Erzieherin, sich schon Sorgen um die Förderung ihrer Kinder gemacht haben, als seine fünfjährige Tochter noch nicht geboren war. Sie schauten sich in ganz Deutschland um und fanden BIP. "Natürlich bringen die Kinder bei uns Höchstleistung - aber aus ihrer eigenen Motivation heraus." Ihm sei der Gedanke zwar auch unangenehm, dass seine Töchter so viel Zeit in der Schule verbringen werden. "Da muss man eben abwägen, was einem lieber ist: dass ich die Kinder den ganzen Tag für mich habe? Oder dass sie die Jahre optimal für sich nutzen?"

Die optimale Bildung hat ihren Preis. Für die BIP in München müssen die Eltern bis zu 800 Euro monatlich zahlen. Doch die ersten 88 Plätze sind längst ausgebucht, und es gibt zig Voranmeldungen für die folgenden Jahre. Eine Mutter hat ihr noch ungeborenes Kind für das Schuljahr 2016/2017 angemeldet. Wer sein eigenes Kind in eine harmlose Spiel-und-Spaß-Krippe oder Regelschule schickt, bekommt da fast ein schlechtes Gewissen. "Natürlich kann man diesen Eltern keinen Vorwurf machen, erst recht, wenn sie es sich nicht leisten können", sagt Raffaele Salerno. Um dann mit diesem sanften Tonfall, in dem er auch über die Erkenntnisse der Hirnforschung spricht, hinzuzufügen: "Ganz reell muss man aber sagen: Diese Eltern rauben ihren Kindern Chancen."

Wer will sich schon später so einen Vorwurf machen müssen? Entsprechend ist der Saal voll, als sich BIP-Gründer Hans-Georg Mehlhorn an einem Freitagabend in einem Münchner Seniorenzentrum den Fragen interessierter Eltern stellt. Knapp 70 Mütter und Väter sitzen vor dem Pädagogen und lauschen fast andächtig den Anekdoten von fröhlichen Kindern, die auch in der Pause Schule spielen. Nur als der Wissenschaftler berichtet, dass Kinder bei BIP mit einem halben Fehler nur die Note "gut" erhalten, weil sie dann sorgfältiger auf i-Punkte oder Kommata achten, flüstert eine Frau: "Das ist mir zu pingelig."

Dass es sinnvoll und notwendig ist, seinem Kind mit sechs Jahren Chinesisch und Schach beizubringen, zweifelt an diesem Abend keiner an. "Wann hat man denn die Möglichkeit, die drei großen Weltsprachen so einfach zu erlernen wie in diesem Alter?", fragt Raffaele Salerno. Auf der Regelschule verstreiche einfach zu viel Zeit ungenutzt. "Der Staat zwingt uns doch zur Zwei-Klassen-Bildung."

Bildung ist mehr als die Verknüpfung von Gehirnzellen

Hat er nicht recht? Insgeheim beneidet man doch jeden, der das Glück hat, zweisprachig aufzuwachsen. Und eigentlich wünscht sich doch jede Mutter, jeder Vater genau das, was Raffaele Salerno für seine Töchter will. Andererseits ist da dieses Entsetzen, dieses Gefühl, dass Bildung und Erziehung mehr sind als die Verknüpfung von Gehirnzellen, und dass man doch keine Rabenmutter sein kann, nur weil man einem Kind zumutet, erst mal nur eine Sprache zu lernen.

Vielleicht kann man das Dilemma mit einem Besuch im Zoo vergleichen: Damit sie die Fütterung der Seehunde besser sehen können, heben zuerst ein paar Väter ihre Kinder hoch, bald sitzen alle Kinder auf den Schultern ihrer Eltern. Sie sehen wieder genau so viel wie am Anfang, aber die Erwachsenen bekommen jetzt Rückenschmerzen. Es wäre besser gewesen, wenn die Eltern anfangs ein paar Schritte zurückgetreten wären und die Kinder vorgelassen hätten.

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