Druck am Arbeitsplatz Gemobbt und ausgebrannt

Wer seinen Job in der Wirtschaftskrise behält, könnte eigentlich froh sein. Doch der steigende Druck macht Mitarbeiter krank - und kostet die Unternehmen unnötig viel Geld.

Ein Kommentar von Sibylle Haas

Die Stimmung in den Firmen ist besser, als es die Rezession erwarten lässt. Das liegt daran, dass viele Chefs in diesem Krisenjahr trotz schlechter Geschäfte kaum Mitarbeiter entlassen haben. Das ist lobenswert, denn es hat den Anstieg der Arbeitslosigkeit begrenzt und den Menschen Sicherheit gegeben. Allerdings könnte sich das bald ändern: Denn in den meisten Betrieben sind Überstunden längst abgebaut, Arbeitszeitkonten sogar ins Minus gerutscht, vielerorts endet auch die Kurzarbeit.

Die zunehmende Zahl psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz kostet die Unternehmen hohe Summen.

(Foto: Foto: iStock)

Gerade die Verkürzung der Arbeitszeit wird allmählich zu einer kostspieligen Angelegenheit für die Firmen. In vielen Betrieben wird schon länger mit der gleichen Mannschaft weniger gearbeitet als sonst. Das bleibt nicht folgenlos für die Produktivität - sie hat sich drastisch verschlechtert. Statistisch gesehen hat jeder Arbeitnehmer hierzulande in diesem Jahr 50 Stunden weniger gearbeitet als 2008. Einen so hohen Rückgang hat die Nachkriegswirtschaft noch nicht erlebt. Die Verkürzung der Arbeitszeit hat Arbeitsplätze gesichert, doch auf Dauer können sich die Unternehmen die damit verbundenen Einbußen nicht leisten.

Den Mitarbeitern ist das schon lange klar. Wer einen Arbeitsplatz hat, klebt sprichwörtlich daran fest. Selten zuvor war die Fluktuation so niedrig wie in dieser Rezession. Das ist schlecht für die Kreativität. Neue Ideen bleiben aus, wenn sich in den Büros auch personell wenig Neues tut. Gute Ideen gedeihen auch nicht in einem Klima der Angst. Wer Denkverbote erlässt, muss damit rechnen, dass sich keiner mehr ehrlich zum Produkt oder Ergebnis äußert. Wer kritische Mitarbeiter sanktioniert, wird mit seiner Firma in selbstverliebter Manier vielleicht bald untergehen.

Angst vor dem Pranger

Gute Leistungen von Mitarbeitern bringen Unternehmen voran. Gute Arbeit leisten Menschen aber nur dann, wenn sie Fehler machen dürfen, ohne gleich den Rausschmiss zu riskieren. Wer unter der ständigen Angst arbeitet, etwas falsch zu machen und am Pranger zu landen, der traut sich nichts oder schiebt den berühmten Dienst nach Vorschrift. Das wirft Unternehmen in ihrer Innovationskraft zurück und hinter Wettbewerber, die anders sind: die gute Leistungen von Mitarbeitern anerkennen und die ihren Beschäftigten respektvoll und wertschätzend begegnen.

Die Lösung ist eigentlich ganz einfach: Motivation und Anerkennung sind die stärksten Triebfedern für gute Leistungen - sie sind viel stärker und wirken länger, als dies ein Leistungsbonus beispielsweise vermag.

Wer Angst hat, den Job zu verlieren, der misstraut dem Chef und den Kollegen. Doch auch im Klima des Misstrauens verdorren Kreativität und Leistungskraft wie Orchideen in der Wüste. Psychoterror am Arbeitsplatz hat in der Krise zugenommen, beobachtet der Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing in Wiesbaden. Schikanen und öffentliches Bloßstellen durch Vorgesetzte, systematisches Schlechtmachen durch mehrere Kollegen, permanente Sticheleien, vorenthaltene Informationen und das Unterschieben von Fehlern gehören zu den häufigsten Mobbing-Fällen.

Opfer wehren sich nicht

Leider sind die Täter oft erfolgreich, weil sich die Opfer nicht wehren. Mobbing ist meistens auch schwer nachzuweisen, und selten hilft ein klärendes Gespräch. Allerdings schalten Opfer immer öfter den Betriebsrat oder die Personalabteilung ein, weil sie alleine nicht mehr weiterkommen. Manchmal kann ein Arbeitsrechtler helfen, manchmal auch ein Psychotherapeut, wenn die Ausgrenzung durch Vorgesetzte und Kollegen krank macht. Doch meistens hilft nur der Wechsel des Arbeitsplatzes.

Die Kosten für die Unternehmen werden oft unterschätzt. Die psychisch bedingten Arbeitsausfälle haben sich in den vergangenen 20 Jahren fast vervierfacht. Angststörungen und Depressionen sind die häufigsten Erkrankungen, so der Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) in einer aktuellen Untersuchung. Der volkswirtschaftliche Schaden durch arbeitsbedingte psychische Belastungen beträgt jährlich fast sieben Milliarden Euro. Allein 3,8 Milliarden davon tragen die Unternehmen, weil Mitarbeiter nicht zur Arbeit kommen. Der Rest sind zum Beispiel die Kosten für Krankenbehandlung.

Arbeiten bis zum Umfallen

In Deutschland gehen allein 10,6 Prozent der Krankheitstage auf psychische Beschwerden zurück, zeigt auch eine Umfrage der DAK. Alarmierend ist, dass psychische Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren stetig zugenommen haben. Leistungs- und Zeitdruck sind neben der Angst, den Job zu verlieren, die häufigsten Gründe dafür. Vor allem Menschen in Berufen mit hoher sozialer Verantwortung und geringer gesellschaftlicher Anerkennung werden oft seelisch krank, so die Betriebskrankenkassen.

Krankenschwestern und Sozialarbeiter sind stark gefährdet. Sie arbeiten oft bis zum Umfallen, engagieren sich extrem und erleben schließlich den gesundheitlichen Super-Störfall: ein Burnout. Psychologen charakterisieren es als Prozess des Ausbrennens, der geprägt ist von starker körperlicher und seelischer Erschöpfung, von Zynismus und dem Gefühl der Sinnlosigkeit. Oft gehen Überarbeitung und Frust am Arbeitsplatz diesem Zusammenbruch voraus.

Gesund und glücklich

Gesunde Mitarbeiter sind glücklicher und deshalb produktiver. Einige Firmen investieren, indem sie Belastungen verringern, um ihre Leute fit zu halten. Seit 2009 hilft sogar der Fiskus mit: Er fördert durch Steuervorteile das Gesundheitsmanagement in den Betrieben. Das ist ein guter Weg, um mit gesunden und motivierten Mitarbeitern die Krise zu überstehen.

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