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Demenz:Lebensnahe Forschung

Lehrende und Studierende der Folkwang-Uni in Essen haben Projekte für Demenzkranke entwickelt. Dabei geht es auch um die Angehörigen.

Von Holger Pauler

Alexa Seniorenresidenz

Die Studenten besuchen Demenzpatienten und ihre Familien zu Hause. Die Gespräche und Erlebnisse helfen bei der Entwicklung von Spielen, anderen Produkten oder Methoden, die den Kranken das Leben erleichtern sollen.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft würdigt mit seinen Wissenschaftspreisen Menschen, die mit innovativer Forschung und außergewöhnlichen Lehrangeboten zur positiven Entwicklung der Gesellschaft beitragen. "Wir wollen auf diese Weise zivilgesellschaftliches Engagement fördern, das sich auch langfristig auszahlt", sagt Bettina Jorzik vom Stifterverband. Seit dem Jahr 2006 gibt es den Ars-legendi-Preis. Die mit 50 000 Euro dotierte Auszeichnung soll einen Anreiz schaffen, sich in der Hochschullehre zu engagieren und über den eigenen Fachbereich hinaus zu wirken. In den vergangenen Jahren sind vor allem Initiativen gefördert worden, die aktuelle Themen aufgreifen - besonders dort, wo es darum geht, Alte, Kranke oder Benachteiligte in ihrem Alltag zu unterstützen.

Ein solches Thema ist Demenz. Sie betrifft immer mehr Menschen. Experten rechnen allein für die Bundesrepublik bis zum Jahr 2050 mit einem Anstieg von heute 1,3 Millionen auf voraussichtlich 2,6 Millionen Erkrankte. Die Diagnose trifft nicht nur sie, sondern auch ihr Umfeld. Gerade deshalb ist wichtig, sich aus medizinischer wie sozialer Perspektive mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Folkwang-Universität der Künste (UdK) in Essen hat deshalb vor einigen Jahren das Demenz-Lab "Kennen wir uns?" ins Leben gerufen. In dem Projekt entwickeln Studierende aller Fachbereiche der Universität - von Tanz, Theater, Musik, Gestaltung bis zur Wissenschaft - gemeinsam mit Demenzkranken und Angehörigen Produkte, die die Lebensqualität der Betroffenen erhöhen.

Ein Projekt widmet sich insbesondere den gestressten Angehörigen der Kranken

Verantwortlich hierfür ist die Dozentin für Industrial Design, Carolin Schreiber, die dafür im Jahr 2016 vom Stifterverband mit dem Ars-legendi-Preis ausgezeichnet wurde. "Eine funktionierende, sichere und individualisierte häusliche Umgebung erleichtert es den Erkrankten, ohne erhebliche Einbußen ihrer Lebensqualität in dem vertrauten Umfeld zu bleiben", sagt sie. Die komplexe Krankheit wirkt sich von Patient zu Patient unterschiedlich aus. Zudem ist es nach wie vor schwierig, Demenz frühzeitig zu diagnostizieren und ihren Verlauf zu prognostizieren.

Mit diesen Aspekten wurden auch die Studierenden konfrontiert. Nachdem ihnen wichtige Informationen zum Leben mit Demenz vermittelt wurden, nahmen sie am Alltag von Kranken und Betreuern in Essener Pflegeeinrichtungen teil. Zu den von ihnen entwickelten Hilfen gehörten etwa Kuscheltiere als Kumpanen im Alltag oder Wegweiser für verschiedene Aktivitäten der Patienten.

Angehörige, die einen Kranken betreuen, geraten oft an die Grenzen ihrer Kräfte. Ihnen widmete sich der Student Marc Burghoff mit dem Projekt "Time Out, liebe Angehörige!". Burghoff wollte den Angehörigen zeigen, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen nicht allein sind. Eine an der Hochschule erlernte Methodik ermöglichte es ihm, die Bedürfnisse und Ängste der Angehörigen besser zu erkennen und zu verstehen. "Im normalen Gespräch schaffen sie es oft nicht, auszudrücken, was sie beschäftigt", sagt Burghoff. Mithilfe der Forschungsmethode "Cultural Probes", die dazu dient, komplexe Sachverhalte zu analysieren, generierte er viele Zitate zu schwierigen Alltagssituationen. Die Ergebnisse wurden in fünf Kategorien eingeteilt: Angst, Wut, Trauer, Scham, Verzweiflung.

Die Auswertung bildete für Burghoff die Grundlage, um für die Angehörigen eine Produktpalette zu kreieren, die ihnen das Leben erleichtern soll. "Sie soll Aufmerksamkeit für die speziellen Bedürfnisse der pflegenden Angehörigen wecken und zu einer gesteigerten Wertschätzung ihrer Arbeit führen", führt Burghoff aus. Ein lebensgroßer Pappaufsteller etwa verleiht dem häufig geäußerten Wunsch pflegender Angehöriger nach Momenten des Rückzugs Ausdruck. Außerdem entwickelte er eine Schlafbrille und einen "Danke"-Anstecker. Die Methode ist nicht auf die Arbeit mit Demenzkranken beschränkt, sie dient allgemein dazu, komplexe Sachverhalte zu analysieren. Der engagierte junge Mann konnte sie in seinem dem Bachelorstudium folgenden Masterstudium Strategische Produkt- und Innovationsentwicklung an der Bergischen Universität Wuppertal vertiefen.

Seit 2018 gibt es an der UdK das Modellprojekt "Demenz-Dinge", das auf den Erfahrungen im Demenz-Lab aufbaut. "Wir wollen Erkrankten und Angehörigen gestalterische Methoden vermitteln, die sie autonom anwenden", sagt Schreiber. An dem Projekt, das kein fester Bestandteil des Studiums ist, können Studierende unterschiedlicher Fächer der Hochschule teilnehmen. "Grundlage unserer Arbeit bildet zunächst das Kennenlernen der Lebenssituation", sagt Schreiber. Die Teilnehmer treffen sich bei den Betroffenen zu Hause oder an einem anderen Ort. Oftmals gebe es die ersten Lösungen schon, wenn sie sich mit den Angehörigen und Erkrankten über die alltäglichen Probleme unterhielten, berichtet Schreiber. Häufig finden die Erkrankten den Weg zum Supermarkt nicht, haben vergessen, wo sie wichtige Alltagsgegenstände abgelegt haben oder wissen nicht mehr, ob sie Mahlzeiten zu sich genommen oder bereits Stuhlgang hatten. Zu den Projekten, die zu ihrer Unterstützung bereits entwickelt wurden, gehören unter anderem ein Mosaiklegespiel, das zum Sortieren und Ordnen anregt oder ein großes Halmaspiel mit magnetischen Figuren, die nicht umkippen.

Obwohl die meisten Dinge für individuelle Situationen in den Familien gestaltet wurden, gibt es auch Projekte, die sich auf Pflegeheime übertragen lassen. So haben Studierende einen Kalender entwickelt, der mehr Struktur und Sicherheit ins Leben der Patienten bringen soll: Er bietet die Möglichkeit, unnötige Informationen hinter einer unscheinbaren Klappe dezent verschwinden zu lassen, sodass Demenzkranke nicht überfordert werden.

"Demenz-Dinge" läuft noch bis zum kommenden Jahr, doch schon jetzt kümmern sich Carolin Schreiber und ihr Team um Nachfolgeprojekte. So gibt es etwa Anfragen von Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen, wie man kreativ auf die Kontaktsperre im Rahmen der Corona-Pandemie reagieren kann. Schreiber: "Gerade Demenzkranke leiden schwer darunter, dass sie keinen persönlichen, körperlichen Kontakt zu Angehörigen und Vertrauenspersonen haben."

Preise des Stifterverbands

Neben dem Ars-Legendi-Preis gibt es weitere Auszeichnungen des Stifterverbands, etwa den Communicator-Preis. Ihn sprechen der Stifterverband und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) seit dem Jahr 2000 Wissenschaftlern zu, die ihre Fachgebiete und Forschungsarbeiten einem breiten Publikum nahebringen und sich um den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit verdient machen. Preisträger sind unter anderem die Informatikerin Katharina Anna Zweig, der Journalist Harald Lesch oder der Risikoforscher Gerd Gigerenzer. Der Preis ist mit 50 000 Euro dotiert.

Der mit 250 000 Euro dotierte Deutsche Zukunftspreis - Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation - richtet sich an Einzelpersonen oder Gruppen, die eine hervorragende technische, ingenieur- oder naturwissenschaftliche Leistung erbracht haben. Letztjähriger Preisträger war das Unternehmen Celonis. Seine Methode des Process Mining soll dabei helfen, digitale Prozesse umfassend zu analysieren, darzustellen, zu verstehen und effizienter zu gestalten.

Mit dem Genius-Loci-Preis für Lehrexzellenz zeichnen der Stifterverband und die Volkswagen-Stiftung jährlich eine Universität und eine Fachhochschule aus, die Lehre auch als Experimentier- und Innovationsfeld begreifen. Die Preisträger erhalten jeweils 20 000 Euro, die zweckgebunden sind.

Zudem verleiht der Stifterverband gemeinsam mit Partnerorganisationen Auszeichnungen an herausragende Forscher für deren wissenschaftliche Arbeit. Die Preise sind mit jeweils 50 000 Euro dotiert und werden alle zwei Jahre vergeben. Nähere Informationen finden sich online: www.stifterverband.org/auszeichnungen. hopa

© SZ vom 06.11.2020
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