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Das richtige Outfit beim Bewerbungsgespräch:"Bitte kein brauner Anzug"

Eine Imageberaterin sucht mit einem Bewerber nach dem passenden Outfit für das Vorstellungsgespräch - und warnt vor ausgebeulten Hosentaschen und behaarten Männerbeinen. Denn sie weiß: "Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck."

Georg Etscheit

Frau Vornehm fällt auf. Sie trägt eine ausgestellte graue Kostümhose, graue Schuhe und einen tomatenroten Blazer. Dazu goldene Ohrringe und einen goldenen Anhänger im gebräunten Dekolleté. Heidi Vornehm ist Imageberaterin. Früher war sie Chefsekretärin eines bayerischen Oberbürgermeisters, führte eine Boutique für Damenmode im Münchner Süden und bildete sich weiter zur Farbstylistin.

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Klassisch-konservativ oder kreativ? Bevor man sich bewirbt, sollte man sich informieren, welcher Dresscode in der angestrebten Branche herrscht.

(Foto: iStockphoto)

Heute berät sie Menschen, wie sie ihr Outfit und ihr Auftreten optimieren können, um etwa bei einem Bewerbungsgespräch eine gute Figur zu machen. Außerdem gibt sie Benimmkurse: Knigge für Kinder, Businessetikette zum Beispiel. Vornehm sei kein Künstlername, sondern ihr Mädchenname, versichert sie.

Heidi Vornehm berät Leute wie Oleg Kaplan. Der 29-Jährige hat gerade sein Maschinenbaustudium an der Technischen Universität München absolviert und sucht nun seine erste Stelle. Kaplan hat sich für den Termin mit der Imageberaterin nicht besonders aufgebrezelt. Er trägt eine eng geschnittene, blaue Stoffhose, dazu ein weißes Hemd mit blauen Streifen und braune Wildlederschuhe. Keine Krawatte.

"Schlank, groß, eine ideale Figur." Am Rohmaterial hat Heidi Vornehm nichts auszusetzen. Nur die ausgebeulten Hosentaschen missfallen ihr. "Typisch Mann!", sagt sie. Kaplan zieht ein Handy und einen Datenstick aus der rechten, einen Geldbeutel aus der linken Hosentasche. "Ich habe mir extra ein besonders flaches Portemonnaie gekauft", rechtfertigt er sich.

Im Allgemeinen interessierten sich mehr Frauen als Männer für eine professionelle Imageberatung, sagt Vornehm. Ihre Typberatung mit "Stilpass" dauert 2,5 bis 3 Stunden und kostet 239 Euro. Eine ergänzende Einkaufsberatung wie hier in einem Bekleidungsgeschäft in der Münchner City schlägt zusätzlich mit 70 Euro pro Stunde zu Buche.

Klassisch-konservativ oder kreativ?

Als "lockeres Business-Outfit" charakterisiert Vornehm den Ist-Zustand. Aber für ein Bewerbungsgespräch natürlich vollkommen ungeeignet. Vor einem Vorstellungstermin empfehle es sich, den Internetauftritt des betreffenden Unternehmens zu studieren.

Welcher Dresscode herrscht in der Firma? Handelt es sich um eine "klassisch-konservative Branche" wie das Bankgewerbe? Oder ein Unternehmen der Kreativbranche, wo man es mit der Etikette nicht ganz so eng sieht? "Sie müssen schon mit Ihrer Kleidung und Ihrem Auftreten signalisieren, dass Sie das Unternehmen wertschätzen", sagt Heidi Vornehm.

In ihrer Broschüre "Fit für den Beruf" heißt es, dass 87 Prozent der Personaler "unangebrachte Kleidung beim Vorstellungsgespräch" bemängelten. "Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck", steht darunter in fetten Lettern. Fast noch wichtiger als ein perfektes Äußeres sei aber ein stimmiges Auftreten, betont die Beraterin. "Entscheidend ist das Gesamtbild."

Man merkt gleich, dass Heidi Vornehm ganz alte Schule ist. Im vierten Stock des Bekleidungsgeschäfts, wo es seriöse Herrenmode gibt, steuert sie schnurstracks einen Ständer an, auf dem taubenblaue Anzüge in allen Größen hängen. Blau sei immer noch die ideale Businessfarbe. Grau gehe auch, sagt sie, und sei noch dazu gerade ziemlich angesagt.

Aber bitte kein braun. Auch ein schwarzer Anzug sei ein "no go" - das ist einer ihrer Lieblingsausdrücke. "Das kann man in der Oper tragen oder zur Beerdigung." Ihre Grundregel lautet: Für eine Bewerbung sollte man sich, egal ob Mann oder Frau, dezent und zurückhaltend kleiden. Schließlich wolle man beim Personaler mit seinen Fähigkeiten punkten und nicht durch Äußerlichkeiten irritieren.

Männerbeine - besser gut bestrumpft

Die taubenblaue Anzugjacke sitzt ganz gut. Die Ärmel sind etwas lang und überdecken die Hemdmanschetten. Aber das kann der Hausschneider ändern. An Kaplans Schultern entdeckt die Beraterin ein paar Falten, wo keine hingehören. Sie bittet den Verkäufer um dessen Einschätzung.

"Das ist eine sehr gute Wahl. Reine Schurwolle, gezwirnte Ware. Unsere Kunden sind sehr zufrieden damit", sagt der Mann beflissen. Die graue Variante scheint noch besser zu sitzen. Vornehm ist zufrieden, meint jedoch, dass grau ihren Klienten etwas blass mache.

Mit taubenblauer Hose und Sakko am Mann geht es weiter in die Hemdenabteilung. "Dazu passt alles", sagt der Verkäufer, "Champagner, Flieder, Rose." Vornehm wählt ein hellblaues Hemd mit klassischem Kentkragen. "Ich hätte wohl eher ein weißes genommen", meint Kaplan.

Jetzt noch die Krawatte. Angesichts von Hunderten unterschiedlicher Krawatten sei er immer besonders ratlos, sagt der Hochschulabsolvent. Frau Vornehm überlegt nicht lange und wählt ein schräg gestreiftes Exemplar in verschiedenen Blau- und Grau-Tönen. Schuhe gibt es hier nicht. Die Beraterin empfiehlt klassische schwarze Schnürschuhe in Leder. Noch schöner, wenn auch etwas gewagter, sei allerdings - blau. Dazu am besten gleichfarbige Socken.

"Das ist ein heikles Kapitel", sagt Vornehm. "Es gibt nichts Unerotischeres als behaarte Männerbeine." Daher sollten diese auf keinen Fall hervorlugen. Abhilfe könnten halblange oder gar knielange Strümpfe schaffen, die keine Haut sehen ließen, wenn man mal die Beine übereinanderschlage.

Erotik ist tabu

Überhaupt: Das Spielen mit Erotik sei beim Bewerbungsgespräch völlig unangebracht. "Zeigen Sie möglichst wenig nackte Haut", heißt es in Heidi Vornehms Broschüre "Dress for Success".

Wenn man schon Akzente setzen wolle, um seine Persönlichkeit zu betonen, rät Heidi Vornehm zu einer schicken, klassischen Uhr mit Lederarmband (kein Plastik!), einer dezent modischen Brille oder einer hübschen Aktentasche. Mit seinem neuen Erscheinungsbild befindet die Imageberaterin ihren Klienten nun, zumindest äußerlich, bestens präpariert für das Vorstellungsgespräch.

"Auf jeden Fall weiß ich jetzt, dass es nicht nur weiße Hemden gibt", sagt Kandidat Kaplan. Auf dem Weg zum Ausgang kommt Frau Vornehm an einer Schaufensterpuppe vorbei, die ein Dekorateur des Hauses trendig ausstaffiert hat: beige Hose, weißes Hemd, rustikale braune Strickjacke und - Fliege. "Sieht ja recht flott aus", meint sie. "Aber nicht, dass jemand auf die Idee kommt, das zu einem Vorstellungsgespräch anzuziehen."

© SZ vom 22.10.2011/gal
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