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Coworking:Schöne neue Arbeitswelt

Das Geschäft mit mietbaren Sitzplätzen in Büros boomt. Viele Räume sind durchgestylt und rund um die Uhr zugänglich. Wer will, kann zwischendurch Yoga oder ein Nickerchen machen.

Von Johanna Bruckner

Die Sache mit dem Freibier ist unter Punkt zwölf aufgelistet. "Kostenlose Erfrischungen - schonend gerösteter Kaffee, Tee, Wasser mit Fruchtscheiben und Bier an jedem Wework-Standort", ist in der E-Mail zu lesen, die einem die Vorteile einer Mitgliedschaft nahebringen soll. Dieser urbane Mythos ist also wahr: Gemeinschaftsbüros in New York locken nicht nur mit durchdesignten Räumlichkeiten, hippen Sitznachbarn und maximaler Arbeitsflexibilität - die meisten Büros sind rund um die Uhr zugänglich, auch am Wochenende. Es gibt tatsächlich auch Freibier.

Das Konzept "Coworking" boomt aber nicht nur deshalb in New York und anderen großen Städten. Die Idee von Bürogemeinschaften, in denen sich Freiberufler ähnlicher oder unterschiedlicher Professionen zusammenfinden und einen Arbeitsplatz teilen, mag simpel klingen. Doch was Tech-Spezialisten und Kreative angestoßen haben, könnte die Arbeitswelt verändern.

Erste Unternehmen wie der Telekommunikationsanbieter AT&T experimentieren im Innovationswettbewerb bereits mit Coworking-Konzepten. Sollte sich das flächendeckend durchsetzen, würden künftig in viel stärkerem Maße, die Arbeitnehmer entscheiden, wo, wann und vor allem wie sie arbeiten möchten. Was bereits heute möglich ist, lässt sich in New York besichtigen. In oft schmucklosen Bürokomplexen ist hier die Avantgarde der Arbeit ausgestellt - Büro-Konzepte, die anscheinend keine Wünsche offenlassen. Wer sich zum Power-Napping gern in einen Ruheraum zurückzieht, der an ein Designer-Baumhaus erinnert, ist bei "The Farm" in Soho gut aufgehoben. Selbständige, die zwischen zwei Aufträgen beim Gratis-Yoga den Kopf freikriegen wollen, werden möglicherweise in den Spa-ähnlichen Räumen von "Primary" im Financial District glücklich. Und für jene, die gern dort arbeiten, wo andere essen, könnte "Kettle Space" etwas sein: Der Coworking-Anbieter funktioniert leer stehende Restaurants in Manhattan zu Büros um.

Einen festen Arbeitsplatz gibt es nicht, Mitglieder haben nur eine Garantie auf einen Sitzplatz

Günstig ist so viel individuelle Bedürfnisbefriedigung nicht. Die monatlichen Mitgliedsbeiträge fangen in der Regel bei etwa 250 Dollar an. Dafür gibt es keinen festen Arbeitsplatz, sondern lediglich eine Sitzplatz-Garantie - Hot Seat nennt sich diese Art der Mitgliedschaft auch. Frei übersetzt: Sitzen, wo etwas frei ist. Was nach einem schlechten Geschäft klingt, zahlt tatsächlich auf das wichtigste Verkaufsargument von Coworking ein: Gemeinschaft. Während es sich für Büro-Menschen paradiesisch anhören mag, den Arbeitstag ohne Unterbrechungen durch Meetings oder anklopfende Kollegen am eigenen Küchentisch zu verbringen, hat fast jeder Freiberufler schon die Erfahrung gemacht, dass das Homeoffice zur Belastung werden kann. Es fehlt an Struktur, sozialer Kontrolle und Gesellschaft - die Produktivität leidet angeblich. Es soll Selbständige geben, die sich als Akt der Selbst-Konditionierung irgendwann "Job-Jogginghosen" anschaffen. Die dürfen nur am Schreibtisch, nicht aber auf dem Sofa getragen werden. Gemeinschaftsbüros bieten einen Ausweg aus der Arbeitseinsamkeit.

Wework, der mit 110 Standorten weltweit derzeit größte Coworking-Anbieter, beschreibt seine Philosophie so: "Wir wollten eine Community aufbauen. Einen Ort, an dem jedoch das 'Ich' Teil eines größeren 'Wir' wird." Gretchen Spreitzer, Arbeitsökonomin an der University of Michigan, forscht seit vier Jahren zum Phänomen Coworking. Ihr Team hat Interviews mit Gründern von Gemeinschaftsbüros und mehr als 200 Freiberuflern geführt. Fazit der Wissenschaftler: Wichtiger als eine State-of-the-Art-Inneneinrichtung ist die soziale Struktur, die Coworking-Konzepte bieten. Selbständige sind nach wie vor autonom in ihren Entscheidungen, gleichzeitig aber in eine sinnstiftende Gemeinschaft eingebunden - für ein produktives Arbeiten sei das die ideale Kombination aus Freiheit und Kontrolle, so die Forscher. Im Gegensatz zu festangestellten Büroarbeitern hätten Freiberufler, die von einem Gemeinschaftsbüro aus arbeiteten, eher das Gefühl, sich nicht verstellen zu müssen und im Job sie selbst sein zu können. Es gebe keine unmittelbare Konkurrenz, Ideen würden freier ausgetauscht, wechselseitiges Lernen werde gefördert.

Das Konzept Coworking scheint also zu funktionieren, zumindest sind Anspruch und Wirklichkeit beim Blick auf das "Coworking Manifesto" nicht so weit voneinander entfernt. Das Manifest ist eine Art selbstverpflichtendes Regelwerk der Branche, hier sind die Werte formuliert, auf denen Coworking aufbaut: Gemeinschaft vor Agendas, Mut vor Selbstvergewisserung, Menschen vor Persönlichkeiten. Die Begründer der Coworking-Bewegung wollen weg von den "Bunkern" und der angeblichen Herrschaftswissen-Mentalität, die die Ökonomien des 19. und 20. Jahrhunderts beherrscht hätten. Sie wollen nicht weniger als eine Revolution der Arbeitswelt erreichen.

Leichte Ablenkung fördere die Kreativität, sagen die Coworking-Manager

Misstöne mischen sich bislang kaum in die allgemeine Coworking-Euphorie. Der Journalist und Etikette-Experte Henry Alford merkte in der New York Times an, dass es mit den Manieren und der Sauberkeit in Großraumbüros nicht weit her sei. Sie seien ähnlich wie Bahnhöfe Durchgangsorte, an denen sich keiner zuständig fühle. Und das Wall Street Journal veröffentlichte jüngst eine längere Geschichte über Marktführer Wework, in der die Frage aufgeworfen wurde, ob hinter der Erfolgsgeschichte weniger ein innovatives Arbeits- als vielmehr ein ziemlich klassisches Immobilienkonzept steckt.

Potenzielle Wework-Kunden dürften sich allerdings eher fragen, ob die musikalische Dauerbeschallung der offenen Büroflächen nicht auf Kosten der Konzentration geht. Mitnichten, versichert der Manager eines Wework-Büros in Brooklyn natürlich - das fördere die Kreativität. Tatsächlich ist wissenschaftlich erwiesen, dass ein moderates Maß an Ablenkung das Gehirn zwingt, neue Wege zu gehen. Doch für leistungssteigernde Hintergrundgeräusche muss man sich längst nicht mehr in einem teuren Großraumbüro einmieten. Kollegen-Lärm gibt es gratis als App.

© SZ vom 25.11.2017
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