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Bluttests beim öffentlichen Rundfunk:Ohne Blut kein Vertrag

Sie alle haben über die umstrittenen Bluttests bei Daimler berichtet: NDR, WDR und BR. Jetzt stellt sich heraus: Die Rundfunkanstalten verlangen selbst Bluttests und Urinproben von ihren Bewerbern.

Damit hat Thomas W. (Name geändert) nicht gerechnet: Das Auswahlverfahren ist vorbei, er hat alle Hürden genommen. Kurz bevor er seinen Vertrag unterzeichnen kann, soll der Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks aber bitte zum Betriebsarzt kommen. Dabei geht es bei ihm nur um einen befristeten Vertrag, nur zwei Jahre, sagt Thomas W. - um einen "Schreibtisch-Job". Aber er hat keine Wahl - er muss zur Blutuntersuchung.

NDR, BR und WDR lassen zur Ader, bevor sie ihren Bewerbern einen Vertrag geben.

(Foto: Foto: dpa)

Einige Tage später sitzt er beim Betriebsarzt. Ein kurzes Gespräch. Blutabnahme. Dann soll er auch noch eine Urinprobe abgeben. "Da habe ich mich schon gewundert", sagt W. Insgesamt dauert die Untersuchung etwa zwanzig Minuten. "Umfassend" sei es gewesen. Nicht wie bei einer Musterung der Bundeswehr, aber "gründlich war es schon". Und das, damit er einen Vertrag unterschreiben darf, um später am Schreibtisch arbeiten zu können.

Verbreitete Praxis in der ARD

Was der BR mit Thomas W. macht, ist verbreitete Praxis in der ARD: Bei ihrer größten Rundfunkanstalt, dem WDR, gibt es die Untersuchungen ebenfalls. Und auch der NDR bestätigte, dass vor "jeder Festeinstellung durch den Betriebsarzt eine Einstellungsuntersuchung unter Berücksichtigung der vorgesehenen Tätigkeit durchgeführt wird". Die Untersuchung sei für alle "Bewerber vorgesehen, die Verträge von mehr als sechs Monaten Laufzeit erhalten sollen". Auch ein Bluttest gehört zu dieser Untersuchung. "Er kann Anhaltspunkte dafür geben, ob ein einzustellender Mitarbeiter die vorgesehene Wochenarbeitszeit wird bewältigen können", teilt der NDR mit. Auf Grundlage der Untersuchung teile der Betriebsarzt dem NDR mit, ob der Bewerber für die vorgesehene Tätigkeit gesundheitlich geeignet ist oder nicht.

Der Arbeitsrechtler Gregor Thüsing von der Universität Bonn hält die in den Medienhäusern praktizierten Untersuchungen aufgrund des Datenschutzgesetzes für "unzulässig". "Wieso ist bitte ein Bluttest erforderlich, um die Berufsfähigkeit eines Journalisten zu prüfen?", sagt Thüsing. Eine Blutprobe könne nur genommen werden, wenn sie unbedingt erforderlich ist. "Und erforderlich heißt nicht: nice to have." Gerade mit einer Blutabnahme gebe der Arbeitnehmer "sehr viel preis". Theoretisch könnte festgestellt werden, ob der Bewerber HIV hat, ob er unter einem Gendeffekt leidet oder ob eine Bewerberin schwanger ist. Die Rundfunkanstalten betonten auf Anfrage von sueddeutsche.de, dass derlei Fragestellungen nicht untersucht würden. Außerdem seien doch solche Tests üblich bei vielen Unternehmen, sagt Pressesprecherin Regine Fenn vom Bayerischen Rundfunk. "Nur weil es jeder macht, ist das nicht legal", sagt Thüsing.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat die ARD-Rundfunkanstalten aufgefordert, die umstrittenen Blutuntersuchungen von Bewerbern für Redaktionsarbeitsplätze abzuschaffen. "Der Journalistenberuf bringt zwar besondere Verantwortung mit sich, Blut muss dafür aber im Normalfall nicht fließen", sagte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. "Die Bluttests schaffen Verunsicherung und Misstrauen bei den Bewerbern gegenüber ihrem künftigen Arbeitgeber. Arbeitsklima und Kreativität werden darunter leiden, darum muss das schnell aufhören."

"Aufschluss über Schichttauglichkeit und Suchtverhalten"

Thomas W. berichtet, dass die Ergebnisse seines Blutbilds unter anderem den Cholesterinwert enthielten. "Der war der einzige Wert, der zu hoch war", sagt er. W. telefonierte deswegen auch noch einmal mit dem Betriebsarzt, die erforderliche Bestätigung für die Vertragsunterzeichnung stellte er ihm aber aus. Arbeitsrechtler Thüsing zweifelt jedoch daran, dass der Cholesterin-Wert überhaupt ein zulässiges Kriterium für die Bewertung der Berufseignung eines Journalisten ist. "Ich habe erhöhtes Cholesterin und ich fühle mich sehr geeignet", sagt der Professor. Der WDR begründete seine Untersuchungen damit, dass die Ergebnisse beispielsweise "Aufschluss über Schichttauglichkeit, Suchtverhalten oder chronische Erkrankungen" gäben.

Thomas W. glaubt zwar seinem Arbeitgeber, dass die Informationen beim Betriebsarzt bleiben. Aber er sehe es wie viele Kollegen: Die Praxis sei für einen Schreibtisch-Job "übertrieben".

Der Bewerber hat keine Wahl

Auch der bayerische Datenschutzbeauftrage Thomas Petri ist verwundert über die Praxis der Rundfunkanstalten. Egal ob Journalist oder Fernfahrer: "Der Arbeitgeber darf nur solche Informationen erheben, die relevant sind für den Arbeitplatz." Schreibtisch-Job und Bluttest? "Das ist nicht ohne", sagt Petri. Dazu kommt, dass der Bewerber keine Wahl hat. "Er kann sich zwar weigern an den Untersuchungen teilzunehmen, aber dann bekommt er den Job nicht."

NDR und BR teilten mit, dass die Praxis der Einstellungsuntersuchungen in den Anstalten überprüft würde. Die NDR-Betriebsvereinbarung, auf die die Untersuchungen zurückgehen, stammt aus dem Jahr 1976. "Wir müssen schauen, ob es noch sinnvoll ist, daran festzuhalten", sagt Pressesprecher Martin Gartzke.

Bis zum vergangenen Jahr hat auch die Axel Springer AG teilweise Bluttests von seinen Bewerbern verlangt. Das habe aber im Ermessen des Arztes gelegen, die Tests seien nicht regulär vorgenommen worden. Seit vergangenem Jahr würden grundsätzlich keine Bluttests mehr verlangt, teilt das Unternehmen mit. Bis vor fünf Jahren wurden auch im Süddeutschen Verlag, zu dem die Süddeutsche Zeitung gehört, Einstellungsuntersuchungen mit Bluttests durchgeführt.