bedeckt München 17°
vgwortpixel

Familienministerium: Anonyme Bewerbung:Zuschriften bitte ohne Foto

Kein Foto, kein Name, kein Familienstand: Wer sich künftig im Familienministerium von Kristina Schröder bewirbt, muss allein durch Leistung überzeugen. Anonyme Lebensläufe sollen die Chancengleichheit der Bewerber erhöhen.

Alexander soll es nicht leichter haben als Ahmet, und wenn Aishe besser ausgebildet ist als Anna, soll sie künftig auch die Stelle bekommen - zumindest im Familienministerium von Kristina Schröder.

Kristina Schroeder

Das Familienministerium von Kristina Schröder nimmt an einem Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes teil und akzeptiert ab Herbst nur noch anonyme Bewerbungen.

(Foto: apn)

Wie eine Sprecherin des Ministeriums auf Anfrage von sueddeutsche.de bestätigt, werden im Hause von Kristina Schröder ab Herbst ausschließlich anonymisierte Bewerbungen angenommen. Damit folgt das Ministerium der Initiative der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Die legt Unternehmen nahe, im Rahmen eines Pilotprojekts auf das Foto und alle persönlichen Angaben im Lebenslauf eines Bewerbers zu verzichten. Nationalität, Geschlecht, Religion, Alter, Familienstand oder Adresse sollen somit bei der ersten Auswahl der Arbeitgeber keine Rolle mehr spielen.

Das Pilotprojekt, an dem auch das nordrhein-westfälische Integrationsministerium teilnimmt, soll im Herbst starten und ein Jahr lang laufen. "Ziel ist es, Bewerbungsverfahren so vorurteilsfrei wie möglich zu organisieren. Durch anonyme Bewerbungen sollen alle Bewerberinnen und Bewerber eine Chance bekommen - auch diejenigen, die durch ein Raster fallen könnten", heißt es aus dem Familienministerium.

Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle (ADS), erhofft sich von den anonymisierten Bewerbungen ebenfalls eine gerechtere Chance für Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund, Bewerber über 50 - oder auch Frauen. "Bei anonymisierten Lebensläufen steht die Qualifikation der Bewerberin oder des Bewerbers im Mittelpunkt. Natürlich lassen sich aus Zeugniskopien auch biographische Angaben erahnen. Dies dürfte aber insgesamt deutlich schwieriger und aufwendiger sein als bei herkömmlichen Bewerbungen. Insofern steigen auf jeden Fall die Chancen, zu einem ersten Gespräch eingeladen zu werden. Und darum geht es uns schließlich", sagt sie im Interview mit dem Magazin sicher führen.

Skepsis bei deutschen Arbeitgebern

Susanne Baer, Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität Berlin, unterstützt den Vorstoß. "Interessant ist es, hier einmal umgekehrt zu fragen: Was spricht eigentlich gegen anonymisierte Bewerbungen? Warum sind die nicht längst selbstverständlich? Warum schicken Menschen, die im Labor forschen wollen, ein Foto - und werden auch danach beurteilt? Wenn wir in Deutschland künftig gutes Personal gewinnen wollen, sollten wir da ganz sicher umdenken - und auch tatsächlich anders handeln", sagte sie zu sueddeutsche.de.

Diskriminierung? Unwahrscheinlich

Skeptischer sehen das Deutschlands Arbeitgeber. "Anonymisierte Bewerbungen sind nicht praxistauglich, in den Unternehmen ist man da schon viel weiter", sagt Kristina Huke, Arbeitsrechtsexpertin bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Sie verweist im Gespräch mit sueddeutsche.de auf die Praxis des Diversity Managements: Das soll gerade die Vielfalt unter den Arbeitnehmern fördern. Die Unterschiede, die in der anonymisierten Bewerbung ausgelöscht werden, gelten hier als positives Merkmal, das hilft, eine gerechte Personalstruktur aufzubauen.

Bewerbung

Kein Foto, kein Name: Anonyme Bewerbungen sollen die Leistungen der Bewerber in den Vordergrund stellen.

(Foto: iStockphoto)

Die Gefahr der Diskriminierung in Folge der persönlichen Informationen in herkömmlichen Bewerbungen hält Huke nicht nur deshalb für gering: "Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels werden Unternehmen kaum qualifizierte Bewerber aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Alters ablehnen", sagt sie.

ADS-Leiterin Christine Lüders verweist in diesem Zusammenhang auf eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit. "Allein ein türkischer Nachname reicht demnach, die Chancen des Bewerbers um 14 Prozent sinken zu lassen." Die anonymisierte Bewerbung sieht sie als ein Erfolgsmodell, das sich in den USA seit etlichen Jahren bewährt. In Frankreich, der Schweiz und Schweden laufen Modellversuche in die gleiche Richtung.

So erfolgreich sich diese auch abzeichnen - Skeptiker zweifeln die Wirksamkeit der anonymisierten Bewerbung an. Spätestens im Vorstellungsgespräch kämen Migrationshintergrund, Alter und Geschlecht schließlich sowieso ans Tageslicht.

Ob Kristina Schröder mit ihrem Vorstoß eine Trendwende in Deutschland einläutet und sie die Hürde bis zum ersten Vorstellungsgespräch senkt, bleibt abzuwarten. Die Erste, die sich auf diesem Weg für mehr Chancengleichheit einsetzt, ist sie jedenfalls nicht. Auch die Firmen L'Oréal und Procter & Gamble haben bereits den gleichen Weg eingeschlagen - und ihre Teilnahme am Pilotprojekt der ADS zugesagt.

© sueddeutsche.de/joku/dgr

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite