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Ausbildung zum Kunstvermittler:Experimente mit Pinseln und Pixeln

Selfies kann man auf sinnvolle Weise in den Kunstunterricht oder in Kunstvermittlungsprojekte von Museen einbeziehen - zum Beispiel in Kombination mit einer Videoinstallation.

(Foto: Filip Pobocik)

Das Zusammenspiel von analog und digital bereichert das Fachgebiet der Kunstpädagogik. Doch in dem Fachgebiet gibt es noch mehr Neues.

Von Stephanie Schmidt

Videos, die Planetensysteme künstlerisch in Szene setzen. Oder Fotos einer Brache mit riesigen Metallröhren, die einen tristen Anblick böte. Wäre da nicht der kleine Hund, der sich eine der Röhren als Ruheplätzchen auserkoren hat. Die vielen Eindrücke, die Medienkünstlerin Rana El Nemr aus Kairo während ihres viermonatigen Gastaufenthalts in München gewann, transformierte sie in ganz unterschiedliche Werke, die bis Mitte Februar in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgestellt waren. Zum Glück konnte die Ägypterin all ihre Experimente gerade noch rechtzeitig vollenden, bevor die Corona-Krise in aller Welt das Kulturleben lähmte.

El Nemr war der zweite Gast des bundesweit einzigartigen Programms, das Professorin Anja Mohr, Leiterin des Instituts für Kunstpädagogik der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), gemeinsam mit Günter Stöber, Studiengangsleiter für das Lehramt Kunstpädagogik, ins Leben gerufen hat: "Artist in Residence. Kunst, Konzept, Vermittlung", zu dessen Förderern das Kulturreferat und das Ebenböckhaus gehören, inkludiert Führungen, Seminare und praktische Aufgaben. Dabei entwickeln Studenten des Instituts gemeinsam mit der jeweiligen Residentin oder dem Residenten Kunstvermittlungskonzepte für verschiedene Zielgruppen, die in der Praxis erprobt werden: So band El Nemr einen "Geschichten erzählenden Schrank" in ihre Ausstellung ein. Nicht irgendeinen Schrank. Die Bildmotive auf der Front hat Edgar Ende gemalt, der Vater des Autors Michael Ende. Schüler zweier Münchner Grundschulen dachten angesichts der Bildmotive über ihre eigenen Träume und Wünsche nach - und malten sie auf Papierblätter, die ihre persönlichen Schranktüren symbolisierten. "Uns ist es sehr wichtig, nah an der Praxis zu unterrichten, damit die Studenten schon im Studium mit ihren späteren Zielgruppen in Kontakt kommen", sagt Mohr.

Ein weiteres Kunstvermittlungsprojekt des Instituts galt Oberstufenschülern: Sie hatten die Aufgabe, mit Bezug auf El Nemrs Werke ein Polaroid-Foto-Booklet zu gestalten. Kunstwerke bewusst wahrnehmen, selbst kreativ werden, die Perspektiven wechseln und darüber reflektieren. Darum gehe es bei diesem Residenzprogramm, erläutert Mohr. Selbst kreativ werden, das bezieht die Kunstpädagogin und Künstlerin - sie beschäftigt sich mit experimenteller Fotografie - nicht nur auf die verschiedenen Zielgruppen, sondern auch auf die Studenten, die die Projekte konzipieren. "Und es kommt auch darauf an, dass die Studenten genau mitbekommen, wie Rana El Nemr arbeitet", ergänzt Stöber. Den jeweiligen Gastkünstler wählen die Initiatoren des Programms bewusst aus: "Es muss jemand sein, der schon kunstpädagogische Erfahrung gesammelt hat und der gut mit Menschen kommunizieren kann", sagt Mohr.

Ziel des Residenzprogramms ist: Alle Beteiligten sollen selbst aktiv und kreativ werden

Welche Lichtinszenierungen entstehen, wenn man selbstgemachte Kreationen aus Stoff und Draht mit einer von El Nemr geschaffen Leuchte in Beziehung bringt? Das war die zentrale Aufgabenstellung bei einem Konzept, das Studenten im Rahmen des Residency-Programms für ihre eigenen Kommilitonen und für Erwachsene entwickelten. Konzepte wie dieses können Absolventen später in verschiedenen Jobs anwenden: Man kann am Institut Kunst als Unterrichtsfach an Grund-, Mittel- und Realschulen studieren, sich für ein Bachelorstudium Kunstpädagogik immatrikulieren - und später zum Beispiel in Museen arbeiten. Andere wiederum schreiben sich für den Studiengang Kunst und Multimedia ein, in dem man zum Beispiel lernt, 3-D-Welten zu programmieren. Absolventen dieser Fachrichtung gehen in die Spiele-, Film- oder Werbebranche.

Gerade angesichts der Pandemie ist es von Vorteil, wenn man wie Mohr und Stöber schon seit Längerem neue Medien intensiv in Forschung und Unterricht einbindet. Die Professorin für Bildende Kunst und ihre Didaktik hat den Art Eater entwickelt, ein fächerübergreifendes Mal- und Bildbearbeitungsprogramm für Grundschüler und Jugendliche. Sie strebt dafür eine Lizenz in der Schule an. "Gerade befinden wir uns in der Validierungsphase", berichtet Mohr, "wir wollen zeigen, dass der Art Eater nicht nur unter Laborbedingungen funktioniert, sondern auch in der Realität." Gemeinsam mit Lehrern und Studenten entwickelt sie Konzepte für verschiedene Altersgruppen und Schularten, zu denen auch Förderschulen gehören. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Programm, das intuitiv bedienbar ist, eignet sich nach ihren Worten gut für Homeschooling.

Warum kreierte Mohr den Art Eater zunächst vorwiegend für Grundschüler? Ihre Begründung: "Die Grundschulen sind beim Einsatz von digitalen Medien im Unterricht noch nicht sehr weit. Es ist wichtig, den Kindern zu zeigen, dass man nicht nur passiv in den Bildschirm schauen, sondern am Computer aktiv etwas gestaltet kann." Günter Stöber arbeitet viel mit Videoinstallationen und Augmented Reality. Er veranstaltet Exkursionen, deren Teilnehmer mithilfe einer App zum Beispiel Texte auf Architekturen projizieren und Filme drehen. Das ist aber nicht Kunst um der Kunst willen. "Das Entscheidende ist die Reflexion. Wie reagiere ich auf diese Filme?", erklärt Stöber. Das Thema Medienkompetenz sei ein wesentlicher Bestandteil des Studiums, fügt Mohr hinzu. Dazu gehört nicht nur die Fähigkeit, digitale Werkzeuge einzusetzen, sondern, die Bilderflut des modernen Alltagsleben kritisch zu hinterfragen. Ihr und Stöbers Anliegen ist, Studenten für die Wirkung von Bildern aller Art zu sensibilisieren, nicht nur für Werke der Hochkunst. "Ich kann mit Bildern Menschen manipulieren", das müsse jeder Student erkennen und später auch seinen Schülern oder Ausstellungsbesuchern vermitteln, erläutert Mohr.

In der Kunstpädagogik geht es darum, sensibel für die Wirkung von Bildern aller Art zu werden

Viele Anregungen für die Praxis bietet das neue Buch "Kunstpause 2", in dem Lehrende des Instituts für Kunstpädagogik der LMU unterschiedliche praktische Übungen vorstellen. Der Titel "Kunstpause" spielt dabei auf das rhetorische Mittel der Sprechpause an, das Schauspieler oder Redner bewusst einsetzen, um Spannung aufzubauen. Aber auch mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen, etwa mit Bildern in ganz verschiedenen Varianten, kann man eine bestimmte Wirkung erreichen, das ist hier die Botschaft an die Leser - Jugendliche im Alter von elf bis 16 Jahren oder Kunstvermittler. Studiengangsleiter Stöber erklärt in einem Beitrag, wie man ein Selfie als Videoinstallation gestalten kann; ein anderer Text befasst sich damit, wie man zum Beispiel eine Fassade attraktiver oder auch gruseliger oder geheimnisvoller erscheinen lässt, indem man mithilfe einer App Graffiti, Sprüche, Collagen oder Fotos auf sie projiziert.

Fürs Sommersemester, das am 20. April begann, mussten die Dozenten krisenbedingt umdisponieren und bei der Lehre den Schwerpunkt zunächst auf die Theorie setzen. "Die kann man ganz gut digital vermitteln. Skizzen auf Papier und Arbeiten mit der Laubsäge können Studenten auch zu Hause machen", sagt Mohr. Die Ergebnisse bespreche man per Videokonferenz. "Aber wir können von den Studenten nicht verlangen, dass sie größere Aufgaben, etwa zum Thema Keramik oder Siebdruck, zu Hause bearbeiten. Ich hoffe, dass wir uns am Ende des Semesters in kleinen Gruppen treffen können, denn es gibt Kunst, die sinnlich vermittelt werden muss", betont die Professorin.

Mohrs besonderes Interesse in Lehre und Forschung gilt dem Zusammenspiel der analogen und der digitalen Welt - zu diesem Thema gibt sie Crossover-Seminare. Wie dieses Zusammenwirken aussieht, beschreibt sie anhand eines Beispiels: "Man kann eine Zeichnung in den PC einspeisen und mit digitalen Programmen verändern, sie dann wiederum als physisches Bild ausdrucken und anschließend noch mal digital bearbeiten." So könne man das Analoge und das Digitale erfahrbar machen. Sie legt Wert darauf, die Vor- und Nachteile des Digitalen zu zeigen. Mit einem virtuellen Museumsrundgang könne man sich gut auf den Besuch einer Ausstellung vorbereiten, doch ein Museum benötige Präsenz. Immer noch gelte "die Magie des Originals", sagt Mohr. "Vielleicht gilt das jetzt, da man gemerkt hat, was einem fehlt, noch mehr als vor der Krise."

Zuschauer und Studenten, die präsent sind, braucht auch der dritte Gast des Kunstvermittlungsprogramms: Im November soll die türkisch-deutsche Performance-Künstlerin Nezaket Ekici in München eintreffen. Anja Mohr hofft, dass Kunst und Kunstvermittlung bis dahin wieder ihre ursprünglichen Freiheiten zurückgewonnen haben werden.

Nähere Informationen über die Studiengänge und die jeweiligen Zulassungsvoraussetzungen finden sich unter www.kunstpaedagogik.uni-muenchen.de/studiengaenge. Vor der "Kunstpause 2" mit praktischen Übungen für Jugendliche erschien - ebenfalls im Berliner Autumnus-Verlag -, die "Kunstpause 1", ein Buch, mit dem Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren erlernen können, welche Wirkung ihre eigenen künstlerischen Werke entfalten. Ein drittes Übungsbuch ist in Vorbereitung.

© SZ vom 05.06.2020
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