Berufseinstieg Vor lauter Copy and Paste stimmt die Anrede nicht

So haben sie sich in Hamburg 2012 an die große Reform gemacht. Sie führten ein eigenes Pflichtschulfach Berufs- und Studienorientierung ab Klasse acht ein, und aus dem Berufsvorbereitungsjahr, das fast nur in der Berufsschule stattfand, wurde das "AVdual". Anstatt irgendwelche Werkstattarbeiten zu simulieren, gehen die AVdual-Schüler wie echte Azubis in echte Betriebe. Als Praktikanten zwar, aber sonst läuft es fast wie in einer dualen Ausbildung zwischen Berufsschule und Arbeitsplatz.

"Es hat doch keinen Sinn ergeben, dass wir ausgerechnet die Jugendlichen mit den schwierigsten Schulerfahrungen noch mal ausschließlich zur Schule geschickt haben", sagt Rabe. Nebenbei lernen die Firmen im AV dual ohne Risiko potenzielle Azubis kennen - die sie womöglich nie genommen hätten, wären sie durch einen Lehrvertrag gebunden gewesen.

Ausbildung Berufsschulen droht dramatischer Lehrermangel
Studie

Berufsschulen droht dramatischer Lehrermangel

Die Hälfte der Berufsschullehrer geht bis 2030 in den Ruhestand. Für ihre Stellen gibt es viel zu wenig Anwärter. Das ist nicht nur für Azubis und Betriebe ein Problem, sondern für die ganze Gesellschaft.   Von Larissa Holzki

Seit das AV dual in Hamburg das BVJ abgelöst hat, ist die Übergangsquote auf 50 Prozent gestiegen, ein bemerkenswerter Erfolg, wie die Berufsforscherin Susan Seeber bestätigt. "Er zeigt, dass die Größe des Übergangssystems kein Naturgesetz ist, dass man es mit den richtigen Maßnahmen merklich verkleinern kann."

Klingt alles so naheliegend, dass das eigentlich Überraschende ist, warum es so lange dauerte, bis mehr und mehr Bundesländer auf eine duale Ausbildungsvorbereitung aufgesprungen sind. Inzwischen sind es laut Forscherin Seeber neun. Sie nennt zwei Gründe für die Zurückhaltung: Das neue Modell funktioniert nur, wo es genügend Betriebe gibt, die mitmachen. Und: Es ist sehr betreuungsintensiv. Denn wenn der Kern von AV dual ist, dass die Jugendlichen in die Betriebe kommen, um zu bleiben, dann kommt ausgerechnet den Berufsschullehrern eine Schlüsselrolle zu.

Im Fall von Curtis übernahm die Marius Dose. Als Curtis bei der ersten Firma anrief, um sich nach einem Praktikum zu erkundigen, saß Dose neben ihm. Und als eine Werkstatt für Oldtimer zusagte, kam er Curtis dort regelmäßig besuchen. "Das ist vor allem Beziehungsarbeit, die wir leisten", sagt er und freut sich, seinen ehemaligen Schüler wiederzusehen, zum ersten Mal seit Monaten. Curtis ist an diesem Tag extra mitgekommen in die BS 16, die Berufliche Schule Fahrzeugtechnik, er hat Dose die Hand geschüttelt und gelächelt. Wer Curtis beobachtet, wie er minutenlang keine Miene verziehen kann, der weiß: Das bedeutet viel. "Hier habe ich herausgefunden, was ich will und kann", sagt er.

Vor AV dual hatte Curtis überlegt, eine kaufmännische Ausbildung zu machen. Doch mit Doses Hilfe lernte er sich besser kennen. Und Dose half ihm, als klar war: Bei der Oldtimer-Werkstatt geht es nicht weiter, sie können nicht ausbilden. Und so stand Curtis irgendwann vor Sven Hadenfeldt vom Autohaus Hermann Claaßen.

Das Ende von Curtis' Umweg

Hadenfeldt ist ein ungewöhnlicher Typ für den Job, den er macht. Promovierter Physikochemiker, vor 28 Jahren hat er an der Uni den ersten Internet-Server Norddeutschlands mit aufgebaut, später internationale Lehreraustausch-Programme organisiert. Doch er ist auch der Enkel von Hermann Claaßen, schon als Vierjähriger ist er durch die Werkstatthalle geflitzt, und so war klar: Eines Tages ist er an der Reihe. Vielleicht hilft so eine Biografie ja, Leuten eine Chance zu geben, die auch nicht den normalen Weg gehen. Hadenfeldt nahm Curtis ins Praktikum, und als er sah, wie der Junge sich reinhängte, wie geschickt er war, gab er ihm auch eine Lehrstelle.

Ein Happy End im AV dual, von denen es in Hamburg erstaunlich viele gibt. Rund 50 Prozent der Jugendlichen sind danach Azubis, zweieinhalb Mal so viele wie im alten System. Das Ende von Curtis' Umweg, und doch ist er am Anfang, denn wer glaubt, Hadenfeldt würde ihm wegen seiner Geschichte Rabatt geben, irrt. "Bei vielen Jugendlichen fehlt heute die Leistungsbereitschaft", sagt Hadenfeldt. "Und die Fokussierung." Während er dies sagt, fahren Curtis und er hinüber zur Kfz-Innung, wo die sogenannten überbetrieblichen Teile der Ausbildung stattfinden, seinen ersten Kurs zur Kfz-Elektrik hat Curtis gerade hinter sich.

Hadenfeldt sitzt am Steuer und berichtet von Bewerbungsschreiben voller Rechtschreibfehler, die er erhält, wo vor lauter Copy and Paste manchmal selbst die Anrede nicht stimmt. Und er rechnet vor, dass ihn jeder Azubi netto - das heißt Ausgaben für Gehalt, Innungsschulungen, Berufskleidung und Werkzeug abzüglich wirtschaftlichem Ertrag - 25 000 Euro kostet. Curtis sitzt im Fond des Wagens und schweigt.

596,44 Euro netto verdient er im ersten Lehrjahr, das sei okay, hat er am Morgen erzählt, im Pausenraum hinter der Werkstatt. Er wohnt bei seiner Mutter, mit dem Geld spart er auf den Führerschein, und er finanziert sich seine Reisen zu Tuningfestivals. Oldtimer sind sein Faible, besonders der Ford Mustang. Und japanische Autos, aber nur die bis 2007 gebauten, da nimmt er es sehr genau. Die neueren könne man wegschmeißen, sagt Curtis. Bei diesem Thema redet er auf einmal ganz schnell.