Auftreten im Job:"Bloß nicht charmant lächeln"

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Frauen verdienen weiterhin weniger als Männer

Allein unter Männern: Nur langsam wächst der Anteil von Frauen in Führungspositionen.

(Foto: dpa)

Haben Sie ein Beispiel?

Eine renommierte Wissenschaftlerin hat gerade vor Fachpublikum ihre neuesten Forschungsergebnisse präsentiert. Da sagt einer der Zuschauer, ein Professor, mit vor der Brust verschränkten Armen: "Glaub' ich nicht!" Die Forscherin weiß zunächst nicht, wie sie auf diese unqualifizierte Bemerkung reagieren soll, fasst noch mal in fünf Minuten ihren Vortrag zusammen. Er grinst nur und sagt noch mal: "Nee, glaub' ich nicht!" Jetzt ist die Frau komplett verunsichert: Sie hat auf höchstem wissenschaftlichen Niveau argumentiert, und trotzdem ist sie die Verliererin.

Wie hätte Sie reagieren sollen?

Um Auseinandersetzungen zu gewinnen, müssen sich Frauen auf die Ebene begeben, auf der sich ihr Opponent bewegt. Das kann im Konflikt bedeuten: Klare Statements, kurze Sätze, keine Erklärungen - und bloß nicht charmant lächeln, um den eigenen Worten die Schärfe zu nehmen. Eine Möglichkeit für die Forscherin wäre gewesen, ihr Gegenüber zu fixieren und mit neutralem Gesichtsausdruck zu sagen: "Doch." Kurze Pause. "Ist belegt."

Viele Frauen scheuen es, im Job derart die Klingen zu kreuzen. Steht ihnen ihr Harmoniebedürfnis im Weg?

Ja, und das in doppelter Hinsicht. Denn es verhindert nicht nur, dass sie sich durchsetzen. Clevere Chefs nutzen das Harmoniebedürfnis ihrer Mitarbeiterinnen auch ganz gezielt aus.

Inwiefern?

Sie kommen zwar selbst aus einem hierarchischen System, haben aber genug Kenntnisse über das Kommunikationsverhalten von Frauen, dass sie diese manipulieren können. Da wehrt zum Beispiel der Chef einer chronisch überarbeiteten Mitarbeiterin deren Bitte um mehr Personal mit den Worten ab: "Darüber habe ich leider nicht zu entscheiden, das ist Sache der Geschäftsführung." Dann legt er nach: "Aber wo Sie schon mal da sind: Es gibt da eine verantwortungsvolle Aufgabe, die ich Ihnen gerne übertragen würde. Sie sind ja meine beste Mitarbeiterin, auf Sie kann ich mich hundertprozentig verlassen." Und was macht die Frau? Sie zeigt Verständnis, fühlt sich geschmeichelt und macht noch mehr Überstunden, um auch diese Zusatzaufgabe bestmöglich zu erledigen.

In Ihrem Buch sprechen Sie von "ausbeuterischer Freundschaft".

Das trifft es. Wenn ich Frauen im Seminar darauf aufmerksam mache, dass sie nur ausgenutzt werden, verteidigen viele ihre Ausbeuter sogar noch. Eine Frau mit so einem manipulativen Vorgesetzten hat mal zu mir gesagt: "Aber ich habe einmal im Monat ein Meeting mit meinem Chef - und da gibt es immer frische Croissants!" Der Gipfel des Selbstbetrugs.

Wie begegnet man den falschen Freunden am besten?

Wenn ich weiß, dass mein Vorgesetzter sehr viel Wert auf Hierarchien legt, ist es wichtig, seinen Rang anzuerkennen und den eigenen danebenzustellen. Und ich muss in seiner Muttersprache mit ihm sprechen, also: Klare Kante zeigen, nicht in Rechtfertigungen verhaspeln. Bleiben wir bei dem Beispiel von vorhin. Will er mir eine zusätzliche Aufgabe aufs Auge drücken, sage ich: "Sie sind der Chef, ich bin die Sachbearbeiterin." Pause. "Aber so werden wir es nicht machen können." Notfalls wiederhole ich diese zwei Sätze mehrmals - so lange, bis mein Vorgesetzter von sich aus nach einer Alternative sucht.

Aber eine Arbeitswelt, in der es vor Arroganzlingen beiderlei Geschlechts wimmelt, ist doch nicht erstrebenswert.

Mein Buch ist kein Plädoyer für Arroganz als Lebenshaltung. Aber in bestimmten Situationen müssen Frauen in Führungspositionen Arroganz als Werkzeug einsetzen, wenn sie nicht übervorteilt werden wollen. Leider denken wir heute alle, wir müssten unentwegt authentisch und ganz wir selbst sein. Nein, wir müssen im Arbeitsleben nicht alle Facetten unserer Persönlichkeit zeigen und wir müssen sogar oft eine Rolle spielen. Um unsere Seele zu schützen!

Die Rolle der knallharten Verhandlerin, zum Beispiel?

Genau. Unsere Persönlichkeit ist zweifellos reicher als dieser Rollenausschnitt. Wer es aber schafft, seine berufliche Position als Rolle zu sehen, läuft auch weniger Gefahr, sich Jobkonflikte allzu sehr zu Herzen zu nehmen - etwas, das besonders Frauen tun. Denn Aggressionen und Angriffe treffen dann ja nicht auf mein Innerstes, sondern auf die Haut meiner Rolle. Und tiefer würde ich das nicht an mich heranlassen.

Linktipp: Auch Männer machen im Job Erfahrungen mit Diskriminierung und sexueller Belästigung - werden aber kaum als Opfer wahrgenommen: Lesen Sie dazu ein Interview mit Sozialpsychologin Franciska Krings.

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