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Arbeitsweg:Angelika Meyer fuhr manchmal 300 Kilometer - bis sie zusammenbrach

Ist das Pendeln also eine Nebenwirkung der mobilen Gesellschaft, die man in Kauf nehmen sollte? Sind Arbeitswege von mehr als 50 Kilometern eine harmlose Sache? Angelika Meyer, 48, hat eine andere Sichtweise auf die Dinge. Sie arbeitete fünf Jahre als Versicherungsmanagerin, fuhr jeden Tag Zweigstellen ab, die Kilometer summierten sich an manchen Tagen auf 300 - bis sie zusammenbrach.

Es ist das Herz. Sie kommt in die Notaufnahme und verbringt anschließend mehrere Wochen in einer psychosomatischen Klinik. Dort lernt sie: Die Ursache ihres Leidens ist chronischer Stress. Die Anzeichen waren eigentlich deutlich zu spüren: Sie hatte zu nichts mehr Lust, verzichtete weitgehend auf körperliche Bewegung. Gegessen wurde im Stehen, kurz zwischendurch, meistens Fast Food.

Viele Pendler leiden unter Stresssymptomen

Mittlerweile ist Meyer zu ihrem Arbeitgeber zurückgekehrt, doch sie ist im Innendienst beschäftigt, das Büro verlässt sie nur in der Mittagspause oder für den Heimweg. Die Scham über das Erlebte ist groß: Angelika Meyer möchte nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen.

Arbeitsbiografien und Krankheitsverläufe wie der von Meyer sind häufig. Nach einer Umfrage der AOK in Stuttgart fühlt sich jeder Fünfte durch einen langen Arbeitsweg in seiner Freizeit eingeschränkt. Auch Freunde und Familie bleiben auf der Strecke, beklagen zehn Prozent der Befragten. Das gilt vor allem für Erwerbstätige mit Kindern. Viele litten unter Stresssymptomen wie Nervosität, Herzrasen oder Schweißausbrüchen.

Rolf Konrad ficht das nicht an. Er taugt als Inbegriff des typischen deutschen Pendlers. Männlich, mittleres Alter, Vollzeit arbeitend, gut qualifiziert und ordentlich verdienend. Der 46-Jährige ist Leiter Allgemeiner Einkauf beim Mittelständler Trilux im sauerländischen Arnsberg. 110 Kilometer hat er jeden Morgen aus dem rheinischem Langenfeld nach Arnsberg zu überbrücken.

"Sicher geht dabei Lebenszeit drauf, aber wenn man heimatverbundener Rheinländer ist, dann zieht man nicht ins Sauerland", sagt Konrad. Anders als Lisa Kitterer oder Katrin Feja kann er nicht von zu Hause aus arbeiten. In seinem Job braucht er den persönlichen Kontakt zu den Kollegen. An Konrad lernt man: Pendeln ist eine Typsache. Der eine kommt damit zurecht, der andere nicht. Für ihn ist das Glas halb voll, nicht halb leer. "Wenn ich zu Hause bin, dann ist die Arbeit auch gedanklich erledigt."

© SZ vom 17.09.2016/mkoh
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