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Arbeitsmarkt:Unangreifbare Vollzeitjobs

Die Krise bringt immer mehr Teilzeitjobber hervor. Laut einer Studie muss das nicht negativ sein. Flexible Erwerbsarbeit ist demnach das Sprungbrett in eine unbefristete Ganztagsstelle.

Für die These, dass unbefristete Vollzeitstellen in Billigjobs umgewandelt werden, findet zumindest das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln keine Belege. Im Gegenteil: Die Vollzeitbeschäftigung sei über Jahre stabil, ergab eine Studie des IW, die sich auf Daten des sozio-ökonomischen Panels stützt. Danach haben in Deutschland vier von zehn Menschen im erwerbsfähigen Alter eine unbefristete Vollzeitstelle - so viele wie vor zehn Jahren. Gleichzeitig seien im Aufschwung viele flexible Stellen (Teilzeit, geringfügige Beschäftigung, befristete Jobs) entstanden, die viele Arbeitslose wieder in Arbeit brachten.

Keine Gefahr durch Billigjobs

Die Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg zeigt ein etwas anderes Bild. Danach gab es im Juni vorigen Jahres 22,17 Millionen sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen. Im Juni 1999 waren es noch 23,8 Millionen - dies sind die ältesten vergleichbaren Daten. In derselben Zeit stieg die Anzahl der sozialversicherten Teilzeitjobber von 3,7 Millionen auf 5,2 Millionen.

IW-Experte Holger Schäfer sieht darin keinen Widerspruch. In absoluten Zahlen sei die Zahl der unbefristeten Vollzeitstellen rückläufig, sagt auch er. "Allerdings gibt es kein Indiz dafür, dass sie durch Billigjobs ersetzt werden", erklärt er. Dass es heute mehr Teilzeitstellen gebe als vor zehn Jahren sei auch Folge des Strukturwandels. Es gebe beispielsweise viel mehr Teilzeitjobs im Dienstleistungsbereich. Auch seien mehr Frauen berufstätig als früher und suchten vor allem eine Teilzeitstelle. Dies bestätigt auch die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag. Danach arbeiteten im vergangenen Jahr fünfmal so viele Frauen wie Männer in Teilzeit.

Immer weniger Normale

Berechnungen des Statistischen Bundesamts zeigen außerdem, dass es in Deutschland immer weniger Menschen gibt, die ein normales Arbeitsverhältnis haben. Danach sank in den vergangenen zehn Jahren die Quote der normal Beschäftigten von 72,6 auf 66 Prozent, während der Anteil der untypisch Beschäftigten stieg.

Normal ist ein Arbeitsverhältnis, das voll sozialversicherungspflichtig ist, mit mindestens der Hälfte der üblichen vollen Wochenarbeitszeit und einem unbefristeten Arbeitsvertrag ausgeübt wird. Zeitarbeit, Teilzeitbeschäftigungen mit weniger als 20 Stunden Arbeit in der Woche, 400-Euro-Jobs und befristete Arbeitsstellen zählt das Statistische Bundesamt nicht dazu.

An der Wirklichkeit vorbei

Die in der Arbeitsmarktforschung übliche Zweiteilung zwischen einem normalen Arbeitsverhältnis und untypischer Beschäftigung gehe an der Wirklichkeit vorbei, meint IW-Experte Schäfer. Es sei sinnvoller, die Erwerbsformen anhand von drei Kriterien abzugrenzen: dem Umfang der Arbeitszeit, der Stellung im Beruf, der Befristung des Arbeitsverhältnisses.

Es gebe keinen Beleg dafür, dass flexible Erwerbsformen, wie die Teilzeitarbeit, auf Kosten unbefristeter Vollzeitbeschäftigung zulegten. So sei die Zahl der flexiblen Jobs gestiegen, während sich ansonsten nichts getan habe. "Das lässt den Anteil der Normalarbeitsverhältnisse schrumpfen", sagt Schäfer.

Erhöhtes Armutsrisiko

Teilzeit oder Minijobs hätten vielen unqualifizierten Arbeitnehmern als Sprungbrett in eine unbefristete Ganztagsstelle gedient, heißt es in der IW-Analyse weiter. So seien von 2003 bis 2008 etwa 1,8 Millionen Erwerbstätige aus einer flexiblen Stelle in eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung gewechselt. Im gleichen Zeitraum hätten 1,1 Millionen Arbeitslose eine flexible Stelle angetreten. Allerdings, so das IW, hätten die Hartz-IV-Reformen die Löhne vor allem von Minijobbern gedrückt und ihr Armutsrisiko erhöht.