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Vergessene Professionen:Welche Jobs verschwunden sind

Illustration: Jessy Asmus

Seit den Anfängen der Bundesrepublik ist die Zahl der Berufe um fast zwei Drittel gesunken. Über das Aussterben von Kaffeeriechern und Abtrittsanbieterinnen.

Kürzlich ist wieder einer verschwunden: Im neuen "Verzeichnis der anerkannten Ausbildungsberufe" wird der Orgel- und Harmoniumbauer nicht mehr auftauchen. Joachim von Hagen hat das "Harmonium" aus dem Namen gestrichen. Er ist für das Verzeichnis zuständig, welches das Bundesinstitut für berufliche Bildung (Bibb) in Bonn jedes Jahr herausgibt. Darin sind alle Berufe aufgelistet, deren Ausbildung staatlich geregelt ist. Denn Harmoniums werden seit einigen Jahren in Deutschland nicht mehr hergestellt. Die Auszubildenden erlernen darum auch nicht mehr, wie.

"Schade eigentlich", sagt Hagen, "da geht ja immer auch ein Stück Kultur verloren." Das Verzeichnis ändert sich ständig, es passt sich dem Arbeitsmarkt und dem Alltag in den Betrieben an. Fachleute aus der Praxis, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften entwerfen gemeinsam mit dem Institut die sogenannten Ausbildungsordnungen - die Grundlage für Hagens Arbeit. Immer wieder kommen neue Berufe und Fachrichtungen dazu: etwa der "Kaufmann E-Commerce" oder die Zusatzqualifikation "3D-Druck" für Anlagen- und Werkzeugmechaniker.

Trotzdem ist die Zahl der Berufe seit den Anfängen der Bundesrepublik um fast zwei Drittel gesunken. Manche werden nicht mehr gebraucht, weil es keine Nachfrage mehr nach einem bestimmten Produkt - etwa dem Harmonium - gibt oder weil dessen Import billiger ist, erklärt Hagen. Andere werden durch neue Technologien ersetzt und wieder andere unter neuen Bezeichnungen zusammengefasst: Der Drahtzieher beispielsweise wurde Teil des Facharbeiters für Metallbau. Ab und zu ändert ein Beruf einfach nur seinen Namen, weil neue Ausbildungsinhalte dazukommen - wie jüngst der Korbmacher, der nun offiziell "Flechtwerkgestalter" heißt.

Ganze Berufs-Stammbäume entstehen so. Hagen pflegt ihre Genealogie. Verschwinden Berufe aus seinem Verzeichnis, bringt er die Verordnungen und Erlasse dazu ins Archiv. Mehr als 80 000 davon lagern dort bereits in Hängeordnern. Die ältesten stammen aus den 1930er Jahren. Die Berufe, die sie regeln sollten, waren aber oft schon viele hundert Jahre alt.

Mittlerweile pendelt die Zahl der anerkannten Berufe zwischen 325 und 330. Auch der Korbmacher alias Flechtwerkgestalter bleibt vorerst dabei, obwohl sich seit Jahren nur drei Lehrlinge fanden, die sich darin ausbilden lassen. Bundesweit. Sogar der "Thermometermacher Fachrichtung Blasen" hat mehr Azubis, nämlich sechs. Zum Vergleich: In manchen Berufen in der Metallindustrie und der IT-Branche sind es fast 20 000, bei den Orgelbauern zumindest mehr als 100.

Manche Jobs wie der Kaffeeriecher haben es nicht ins Archiv geschafft, so lange sind sie schon ausgestorben. Anerkannte Ausbildungsberufe wären sie wohl ohnehin nie geworden. Aber auch sie haben Spuren hinterlassen.

Der Zeidler

Was tat er? Wildbienen hüten und mit Wachs und Honig handeln. Jeder Zeidler bearbeitete ein bestimmtes Waldstück. Er suchte es nach Bienenschwärmen ab und höhlte Bäume aus, damit sich dort welche ansiedeln. Um die Waben aus den Bienenstöcken zu schneiden, kletterte er die Stämme hoch hinauf. Wie genau er seine Arbeit verrichtete, war sein Berufsgeheimnis. Schon in der Antike war Honig ein wichtiges Handelsgut. Die Römer nutzten für ihre religiösen Feste Kerzen aus Wachs. Später tat das die Kirche bei zahlreichen Zeremonien. Sie war im Mittelalter der wichtigste Wachsabnehmer. Die Lichter in den normalen Häusern waren dagegen aus billigerem Talg. Die Zeidler bildeten Zünfte, ihr Berufsstand war gesetzlich geregelt: Sie zahlten Steuern, hatten eigene Gerichte und polizeiliche Befugnisse, was Honigdiebe anging. Sie durften eine Armbrust als Waffe tragen und mussten in Kriegen ihren Landesherren als Schützen dienen.

Was benötigte er? Beil, Kletterseil

Wann gab es diesen Beruf? 5000 vor Christus bis ins 18. Jahrhundert

Warum ist er verschwunden? Holzabbau und Landwirtschaft zerstörten viele Wälder. Zucker setzte sich als Süßstoff durch. Und: Im Zuge der Reformation benötigten Kirchen weniger Kerzenwachs.

Der Kaffeeriecher

Was tat er? Kaffeeschmuggel aufspüren. Im 18. Jahrhundert wurde Kaffee auch in Preußen Volksgetränk, Friedrich II. untersagte die freie Einfuhr. Nur der Staat durfte die Bohnen importieren. Weil die Staatskasse so kurz nach dem Siebenjährigen Krieg leer war, belegte er Kaffee mit einer hohen Luxussteuer. Ab 1781 war es ausschließlich staatlichen Röstereien erlaubt, ihn zu brennen. Konzessionierte Händler verkauften ihn zu horrenden Preisen. Der Schmuggel blühte. Darum stellte Preußen 400 Kriegsveteranen ein: Kaffeeriecher, die Schmuggler stellen und von ihnen Strafen kassieren sollten. Sie verdienten gut, bei Erfolg gab es Prämien. Dem Schmuggel wurden sie dennoch nicht Herr, obwohl sie weder vor Leibesvisitationen noch vor Hausdurchsuchungen zurückschreckten. Sie waren fast noch verhasster als die Perückeninspekteure, die schon unter Friedrich I. kontrollierten, ob man die Steuer für seinen Kopfschmuck bezahlt hatte. Wenn ja, war er auf der Innenseite gestempelt.

Was brauchte er dafür? Militäruniform, seine Nase

Wann gab es den Beruf? 1781 bis 1787

Warum ist er verschwunden? Nach dem Tod Friedrich II. wurde das staatliche Kaffeemonopol abgeschafft.

Die Abtrittsanbieterin

Was tat sie? Sich um die Notdurft der Besucher kümmern. Lange war es in Europa üblich, sein Geschäft direkt auf der Straße, an Mauern, auf Treppen und in Hinterhöfen zu verrichten. Das änderte sich im 18. Jahrhundert, als verschiedene Behörden per Erlass gegen den Gestank vorgingen und öffentliches Urinieren und Koten unter Strafe stellten. In diesem Zuge nahm auch das Schamempfinden zu. Aber was sollten die Besucher auf Märkten und Messen tun, wenn sie mal dringend mussten? Bald boten Abtrittsanbieterinnen ihre Dienste an. Wie, beschreibt der Handwerksbursche Johann Eberhard Deald in seinen Reiseaufzeichnungen Mitte des 19. Jahrhunderts: "Ihr aufmunterndes Rufen ,Möchte mal aaner?' erinnerte die Besucher der Budenmärkte an ihre vollen Bäuch . . . und wirklich bemerkte ich mehrere Male etwelche unter dem Umhang verschwinden, um dort einem Geschäft zu obliegen, dem die menschliche Natur sich zu Zeiten durchaus nit entziehen kann."

Was brauchte sie dafür? Einen Oversize-Umhang und Eimer

Wann gab es diesen Beruf? Vom 18. bis ins 19. Jahrhundert

Warum ist er ausgestorben? Es öffneten immer mehr Bedürfnisanstalten.

Der Fischbeinreißer

Was tat er? Hornplatten, die sogenannten Barten von Walen, spalten. Fischbeinreißer arbeiteten in Fabriken direkt am Hafen. Bevor sie mit ihren Messern die Barten zu Stäben und Stangen schnitten, mussten sie Speck- und Hautreste entfernen und sie in heißem Wasser erweichen. Verkauft wurde ihr Produkt vor allem an Textilbetriebe. Sie wurden als Streben in Schirme oder zum Verstärken in Hüte, Reifröcke und Korsetts genäht. Vom 16. bis 18. Jahrhundert war die geometrisch geformte Frauenfigur vor allem bei Hofe Mode. Katharina von Medici schrieb ihren Hofdamen sogar einen maximalen Taillenumfang vor: 33 Zentimeter. Das ging nicht ohne Korsett. Wale waren fast ausgerottet. Zum Glück veränderte die Französische Revolution auch das Schönheitsideal der Menschen. Das antike Griechenland wurde Vorbild, die weibliche Silhouette wieder fließend, bis im 19. Jahrhundert Korsett und Reifrock erneut en vogue wurden. Dieses Mal in allen Bevölkerungsschichten.

Was brauchte er dafür? Messer

Wann gab es den Beruf? 1500 bis 1920

Warum ist er verschwunden? Frauen verzichteten auf unbequeme Reifröcke und Korsetts. Außerdem gab es biegsame Streben nun auch aus Metall.

Der Bremser

Was tat er? Eisenbahnzüge bremsen. Die ersten Eisenbahnzüge besaßen keine durchgehenden Bremsseile. Weil die Züge immer länger wurden, genügte es aber nicht, nur die Räder der Lok zu stoppen - die folgenden Waggons hätten sich ja auf sie geschoben. Sie mussten also ebenfalls verlangsamt werden. Bremser hockten dafür in Bremshäuschen am Ende der Waggons und stellten die Bremse für den jeweiligen Wagen mit der Handkurbel fest. Damit das möglichst ruckfrei geschah, mussten alle gleichzeitig anpacken und zwar so vorsichtig, dass die Bremsen weder heiß liefen noch blockierten. Darum richteten sie sich nach den Loksignalen: Ein Pfiff bedeutete "Achtung!", drei hintereinander "Bremse fest!" So steht es im "Katechismus für den Bremserdienst", der 1894 erschien. Ein harter Job, vor allem in Winternächten. Die aus dünnen Brettern gezimmerten Häuschen boten kaum Schutz.

Was brauchte er dafür? Bremssitz, Handkurbel, weiße Laterne für die Kommunikation mit dem Lokführer

Wann gab es den Beruf? Bis in die 1920er Jahre

Warum ist er verschwunden? Die Deutsche Reichsbahn stattete ihre Züge mit durchgehenden Druckluftbremsen aus.

Der Lichtputzer

Was tat er? Die Beleuchtung in Theatern sicherstellen. Als im 17. Jahrhundert Schauspiel nicht mehr unter freiem Himmel, sondern in Gebäuden stattfand, wurde die Beleuchtung immer wichtiger, die Theater beschäftigten Lichtputzer. Während der Aufführungen schnitten sie die Dochte zurück, damit sie nicht zu stark rußten und tropften, richteten verformte Kerzen auf, füllten Öl in die dafür vorgesehenen Lampen und reinigten die als Reflektoren dienenden Spiegel. Zu tun gab es jede Menge, zumal die Besucher nicht nur dem Geschehen auf der Bühne, sondern auch dem im Zuschauersaal folgen wollten. Als das Berliner Opernhauses 1742 eröffnete, leuchteten hunderte Lichter von acht Kronleuchtern und zahllosen Kandelabern. Im Wiener Hoftheater lag der Kerzenverbrauch bei 800 Stück pro Vorstellung - davon 500 auf der Bühne, die vom sogenannten Rampenlicht erhellt wurde, einer Kerzenreihe auf der Rampe zum Zuschauersaal.

Was brauchte er dafür? Dochtschere

Wann gab es diesen Beruf? Vom 17. bis ins 18. Jahrhundert

Warum ist er verschwunden? 1783 wurde die Argand-Lampe erfunden, eine Öllampe mit rohrförmigem Docht und Glaszylinder, die kaum rußte.

Die Rohrpostbeamtin

Was tat sie? Die Post ins richtige Rohr stecken und den Schalter des Rohrpostapparats betätigen. Rohrpostbriefe sausten durch den Untergrund großer Städte, etwa in München und Berlin. Der erste wurde 1863 in London verschickt, der letzte 1984 in Paris. Nachrichten, aber auch Päckchen und Geld wechselten so blitzschnell den Besitzer - egal wie dicht der Straßenverkehr gerade war. Innerhalb von einer Stunde war die Post beim Empfänger. Die Rohrpostbeamtinnen steckten die Sendungen in zylindrische Kapseln von sechseinhalb Zentimetern Länge und schossen sie per Luftdruck durch die Röhren, die verschiedene Postämter miteinander verbanden. Den Rest übernahmen Boten. Weil das Porto erschwinglich war, nutzten viele die Rohrpost, auch für Liebesbotschaften. In einem Lied aus dem 19. Jahrhundert heißt es: "Weil die Liebste in der Ferne, und du möchtest doch so gerne, dass sie in der Nähe sei. Schreib ihr eine Rohrpostkarte, dass sie komme, dass sie warte, Stephan pustet sie herbei." Heinrich von Stephan war Generalpostdirektor des Deutschen Reichs.

Was brauchte sie dafür? Kapseln, Stempel

Wann gab es den Beruf? 1863 bis 1984

Warum ist er verschwunden? Telefon und Fax ersetzten die Rohrpost.

Der Märbelpicker

Was tat er? Stein zu Würfeln klopfen, die in Mühlen zu Murmeln geschliffen wurden. Anfang des 18. Jahrhunderts ist die Salzburger Gegend europaweit berühmt für ihre Marmormurmeln. Vor 250 Jahren dann entstehen die ersten Märbelmühlen in Thüringen. Den Kalkstein dafür müssen die Märbelpicker aus bis zu 20 Meter tiefen Schächten graben. Sie lagern ihn sorgfältig abgedeckt in Holzhütten, weil er zerbröckelt, sobald er zu kalt oder zu trocken wird. Die Picker klopfen daraus kleine Würfel, bis zu 10 000 am Tag. Nach dem Schliff in der Mühle werden sie gewaschen, poliert, gefärbt und verpackt. Die Thüringer verkaufen ihre Murmeln weltweit, 1880 exportieren sie 135 Millionen. Nicht nur als Kinderspielzeug, sondern auch als Hilfsmittel für die Seefahrt. Ein Großkunde ist die East- and Westindian Company, deren Schiffe Richtung Osten noch leer sind. Die schweren Murmeln halten die Kiele tief genug unter Wasser. In Seekriegen zerfetzen sie als Geschosse die Segel der Feinde.

Was brauchte er dafür? Spitzhammer

Wann gab es diesen Beruf? 18. Jahrhundert bis 1918

Warum ist er verschwunden? Leichter zu produzierende Ton- und Glasmurmeln ersetzten die aus Stein.

Der Harzer

Was tat er? Harz sammeln. Schon Noah soll seine Arche mit Pech abgedichtet haben. Pech wird aus Harz gewonnen, Pechsieder kochten es, bis es sich in seine Bestandteile zerlegt: Kolophonium und Terpentin. Diese dienten unter anderem als Schmier-, Dichtungs- und Lösungsmittel sowie als Kleber in der Papierproduktion. Vor allem Kiefern liefern den Rohstoff. Harzer pachteten sich ein Stück Wald oder waren in Forstbetrieben angestellt. Ein Arbeiter erntete pro Saison um die neun Tonnen aus etwa 3000 Bäumen. Er entfernte einen Teil der Rinde und kerbte den Stamm ein. Unter den Rillen fing ein Topf das auslaufende Harz auf. Der Ertrag hing vom Wetter ab. Nur wenn es warm und feucht ist, scheiden Bäume Harz aus. Südliche Länder sind da im Vorteil. Überhaupt begannen die Deutschen 1918 mit dem Abbau nur, weil wegen des Weltkriegs die Handelspartner für den Rohstoff wegfielen.

Was brauchte er dafür? Schaber, Hobel, Tropfrinnenzieher, Topf

Wann gab es diesen Beruf? Vom Altertum bis 1989

Warum ist er verschwunden? Billiglohnländer verdrängten die mitteleuropäischen Harz-Anbieter, Kunststoffe ersetzen Harzprodukte weitgehend.

Der Sandmann

Was tat er? Sand abbauen, fein mahlen und an Haushalte verkaufen. Bis vor knapp 100 Jahren stand in den Küchen neben Seife und Soda auch ein Gefäß mit Sand. Die Menschen nutzten Sand als Reinigungsmittel, etwa zum Putzen der Dielenböden. 1860 verkauften allein in Stuttgart die Sandmänner, -frauen und -kinder drei Millionen Liter Fegesand. Ihren typischen Ruf "Der Sandmann ist da!" kennen noch heute viele aus dem Kinderlied. Dem Sandabbau gingen vor allem Familien nach, die in Not geraten waren, etwa durch schlechte Ernten. Meist suchten sie sich den Sand in den Gemeindewäldern. Im thüringischen Walldorf sollen sie eine Höhle von 65 000 Quadratmetern gegraben haben, die mit 2000 Pfeilern gestützt werden musste. Viele Gemeinden betrachteten die Löcher als Plage. Aber oft war der Sandhandel die einzige Verdienstmöglichkeit dieser Menschen. Allerdings eine extrem ungesunde: Beim Feinklopfen und Mahlen rieb der Sand die Haut auf, reizte die Augen und sammelte sich in der Lunge.

Was brauchte er dafür? Säcke, Wagen, Schippe, Hammer

Wann gab es den Beruf? Um 1740 bis 1920

Warum ist er verschwunden? Stärkere Putzmittel wurden entwickelt.

Der Büromaschinenmechaniker

Was tat er? Schreibmaschinen installieren, warten und reparieren. 1808 soll der Italiener Pellegrino Turri di Castelnuovo die erste Schreibmaschine gebaut haben - als Schreibhilfe für eine blinde Gräfin. Etwas später tippte auch Friedrich Nietzsche: "Diese Maschine ist delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth und einige Unterhaltung." Der Vorteil: Für einen Buchstaben genüge ein Tastendruck, während man mit der Feder durchschnittlich fünf Striche ziehen müsse, erklärte Otto Burghagen 1898 den Lesern seines Buchs "Die Schreibmaschine". Ein Jahr zuvor hatte die preußische Regierung Maschinenbriefe an Behörden zugelassen. Das Gerät eroberte die Büros weltweit. 1999 wurde die Lehre zum Büromaschinenmechaniker ersetzt. Der Beruf heißt jetzt "Informationselektroniker Bürosystemtechnik".

Was brauchte er dafür? Werkzeugkasten, Bürste, Stopfnadel

Wann gab es den Beruf? 1934 bis 1999

Warum verschwand er? Computer und Drucker ersetzten die Schreibmaschinen.

Der Ameisler

Was tat er? Ameisenpuppen sammeln. Seine Kundschaft bestand hauptsächlich aus Vogelfutterhändlern, die getrockneten Ameisenlarven an Vogelbesitzer verkauften. Von der Mode, sich Lerchen, Nachtigallen oder Kanarienvögel daheim in Käfigen zu halten, zeugen Renaissancegemälde genauso wie 300 Jahre später die Vogelfänger-Arie in Mozarts Zauberflöte. Dessen Familie besaß mehrere Singvögel und auf einer erhaltenen Rechnung der Mozarts tauchen tatsächlich Ameisenpuppen auf. Die Puppenernte war Saisonarbeit, ein reiner Nebenverdienst, üblich vor allem in der Alpenregion. In Österreich hielt sich der Beruf bis in die 1960er Jahre. Um an die Larven zu gelangen, trugen die Ameisler die oberste Schicht eines Ameisenhügels ab und siebten sie über einem Tuch durch. Bis zu fünf Kilo Larven pro Tag sammelten sie so. Zuletzt soll der Ertrag eines Sommers für einen neuen Fernseher gereicht haben.

Was brauchte er dafür? Lange Strümpfe gegen Ameisenbisse, Sieb, Tuch

Wann gab es diesen Beruf? Vermutlich 15. bis 20. Jahrhundert

Warum ist er verschwunden? Er wurde von den Forstbehörden verboten, weil seine Arbeit das ökologische Gleichgewicht belastete.

Dass die Berufe überwiegend in männlicher Form aufgeführt sind, trägt der Tatsache Rechnung, dass sie früher meist von Männern ausgeübt wurden. Dennoch sind beide Geschlechter gemeint.

Zur Recherche benutzte die Autorin unter anderem folgende Bücher: Michaela Vieser, Irmela Schautz: Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern, C. Bertelsmann Verlag 2010, Rudi Palla: Die Welt der verschwundenen Berufe, Suhrkamp 2018

© SZ vom 18.04.2020

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