Zweifel an Heilung vom Aids-Erreger "Einmal HIV - immer HIV"

US-Mediziner sind optimistisch, dass sie ein Kleinkind vom HI-Virus befreit haben. Bernhard Ruf, Aidsexperte vom Klinikum St. Georg in Leipzig, ist jedoch skeptisch. Im Interview erklärt er, wieso er von einer Heilung vom HI-Virus noch nicht sprechen will.

Von Markus C. Schulte von Drach

SZ.de: Ärzte in den USA melden, sie hätten ein Kleinkind vom HI-Virus befreit, indem sie es ab der 30. Stunde nach der Geburt bis zum 18. Monat mit antiretroviralen Medikamenten behandelt haben. Sie sprechen von Heilung des Kindes von dem Erreger.

Bernhard Ruf: Wenn es stimmt, dass das Kind wirklich frei von den Viren ist, könnte man von Heilung sprechen. Mit den verfügbaren Tests haben die Mediziner nach der Behandlung nur Erbmaterial der Viren aufgespürt, aber keine replizierenden Viren - also solche, die sich vermehren können - nachgewiesen. Auch Antikörper, die zeigen würden, dass der Körper auf die Viren reagiert, wurden nicht entdeckt. Aber es gibt eine Nachweisgrenze, so dass die Tests keine hundertprozentige Sicherheit geben können. Und es lassen sich kaum alle Reservoire überprüfen, in denen Erreger stecken können.

Also kann man nicht von einer Heilung sprechen?

Ich würde mich jedenfalls nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Wir haben so viele Patienten beobachtet, die hochaktiv antiretroviral behandelt worden sind - auch Kinder - und eine Heilung haben wir nie gesehen. Der Fall dieses Kindes muss natürlich beobachtet werden. Und er ist etwas Besonderes, weil hier die Behandlung eines Babys schon 30 Stunden nach der Geburt begonnen hat. In zwei, drei Jahren wissen wir vermutlich mehr.

Aber ein Einzelfall darf nicht überinterpretiert werden. Die Botschaft aus den USA darf jedenfalls nicht sein, dass man das Virus im Körper mit einer solchen Therapie vollständig vernichten kann und Infizierte deshalb ihre Medikamente irgendwann absetzen können. Für mich ist immer noch Stand der Erkenntnis: Einmal HIV - immer HIV, einmal Behandlung - lebenslang Behandlung.

Sie haben Reservoire erwähnt. Was hat es damit auf sich?

Die HI-Viren setzen sich im lymphatischen System, vor allem in den Lymphknoten, fest, und können dort über Jahre inaktiv sein. Dort werden sie von den Medikamenten dann nicht erreicht. Wir sprechen dann von dormanten oder latenten Infektionen. Setzt man die Mittel ab, weil im Blut keine aktiven Erreger mehr nachgewiesen werden, kann es passieren, dass die Viren wieder "aufwachen" und sich ausbreiten.

Das Kind, von dem hier die Rede ist, wurde ab der 30. Stunde nach der Geburt bis zum 18. Monat behandelt. Auch etwa ein halbes Jahr nach dem Ende der Behandlung wurden keine Viren nachgewiesen.

Und es besteht eine gewisse Hoffnung, dass tatsächlich keine mehr da sind. Aber ich würde so einen Fall erst veröffentlichen, wenn das Kind mit vielleicht fünf Jahren noch immer keine HI-Viren im Blut hat und auch bei Gewebeentnahme aus den Lymphknoten keine Erreger nachgewiesen werden konnte. Die Zellen, in deren Erbgut sich die Viren gewissermaßen hineinschreiben, haben nur eine begrenzte Lebenserwartung. Sind sie abgestorben, bevor wieder funktionelle HI-Viren vorhanden sind und neue Zellen befallen, dann könnte HIV aus dem Körper komplett verschwinden. Aber das widerspricht allen Erfahrungen, die wir bisher hatten: Wenn die Betroffenen die Medikamente absetzen, dann kommen die Viren wieder.

Immerhin hat die Behandlung des Babys kurz nach der Geburt die Viren effektiv in die Reservoirs zurückgedrängt.

Was der Fall zeigt: Schwangere müssen konsequent untersuchen werden, HIV-infizierte Kinder müssen sofort und konsequent mit drei antiretroviralen Substanzen - das heißt hochaktiv - behandeln werden. Bislang werden meist nur ein oder zwei Medikamente gegeben. Es werden auch schon frisch infizierte Erwachsene hochaktiv behandelt - man spricht dann von Postexpositionsprophylaxe. Es besteht dann nämlich die Hoffnung, dass die Viren angegriffen werden, bevor sie sich in den Reservoiren festsetzen. Das ist die eigentliche Botschaft aus den USA: Sobald eine Infektion befürchtet wird oder bekannt ist, muss die Therapie beginnen. Und nach ein bis zwei Jahren kann man dann schauen, ob es noch Hinweise auf eine Infektion gibt. Bislang wird dagegen erst behandelt, wenn sich die Abwehrschwäche des Immunsystems deutlich zeigt.

Wie wichtig sind diese Erkenntnisse für Kinder in Deutschland?

Zur Infektion kommt es vor allem während der Geburt, und wenn bekannt ist, dass die Mutter HIV-positiv ist, lässt sich die Übertragung verhindern. Dank der Schwangerschaftsvorsorge in Deutschland gibt es nur noch ganz selten Fälle, bei denen die Mutter nicht weiß, dass sie das Virus trägt.

In manchen Entwicklungsländern ist das anders.

Hier ist das Risiko für die Kinder tatsächlich hoch. Wenn nicht behandelt wird und die infizierten Mütter auch noch stillen, dann liegen die Infektionsraten bei mehr als 30 Prozent. Hier könnte die schnelle antiretrovirale Behandlung eine große Hilfe sein.

Die Raten der HIV-Infektionen sind in manchen Entwicklungsländern extrem hoch. Woran scheitert hier eigentlich der Kampf gegen das Virus?

Jedenfalls nicht am Geld. Die Medikamente sind billig und werden von der WHO und der Bill Gates-Stiftung dort sogar schon verschenkt. Aber die Medikamente und die Versorgung kommen bei den Betroffenen häufig nicht oder nicht vollständig an. Das ist vor allem eine Frage der Logistik. So ist in den betroffenen Ländern häufig die Gesundheitsinfrastruktur mangelhaft. Es fehlt an Ärzten, die HIV-Tests vornehmen, die die Behandlung verfolgen und die Virus-Last bestimmen. Bei den Projekten, für die Ärzte aus Deutschland oder anderen europäischen Ländern mit Geld ausgestattet in die betroffenen Regionen reisen, funktioniert es aber. Und die Situation verbessert sich auch langsam. Die Infektionsraten gehen inzwischen zurück.