Vitamin D Wird der Vitaminmangel herbeigeredet?

Sicher ist: Die menschliche Nahrung liefert kaum Vitamin D. Vitaminreich sind nur fetter Seefisch, Eier, Milch und Pilze. Die hierzulande übliche Ernährungsweise versorgt einen Menschen täglich gerade mal mit zwei bis vier Mikrogramm. Dem Robert-Koch-Institut zufolge sind 60 Prozent der Bevölkerung unzureichend mit Vitamin D versorgt.

Was die Nahrung nicht liefern kann, müssten sich die Menschen eigentlich an der Sonne holen. Denn Vitamin D nimmt im Reich der Vitamine eine Sonderstellung ein: Es wird nicht nur mit der Nahrung aufgenommen, sondern auch großteils in der Haut gebildet. Dort bastelt sich der Körper das Vitamin mit Hilfe von UV-B-Strahlen aus Cholesterin zusammen.

Im Sommer ist die Versorgung kein Problem: Bereits eine Viertelstunde pro Tag mit kurzen Ärmeln an der Sonne reicht aus, um genügend Vitamin D zu bilden. Auf Sonnencreme sollte man jedoch hierbei verzichten: Bereits ab einem Lichtschutzfaktor von acht wird die Vitamin-D-Produktion in der Haut nämlich vollständig blockiert.

Man muss also aufpassen, da Sonnenbrände das Risiko für Hautkrebs erhöhen. Im Winter wird es mit der Vitamin-D-Produktion jedoch kritisch. Die schräg stehende Sonne lässt dann in Deutschland kaum noch UV-B-Strahlung auf die Erde gelangen.

Im Körper wirkt Vitamin D dann auf wichtige Gene ein. Es schaltet Erbanlagen im Phosphat- und Kalziumhaushalt an und ab und fungiert damit gewissermaßen als Dirigent im Knochenstoffwechsel: Bei Kindern sorgt das Vitamin für ein gutes Knochenwachstum und verhindert damit Rachitis, bei Erwachsenen ist es mit verantwortlich für die Knochendichte.

Auch Brust- und Darmkrebs, Bluthochdruck und Herzinfarkt, Diabetes vom Typ 2, Multiple Sklerose und Arthritis, Tuberkulose und Atemwegsinfekte wurden vor allem bei Menschen beobachtet, bei denen wenig Vitamin D im Blut zirkuliert.

Ob das aber die Ursache der Krankheiten ist oder vielmehr auf einen schlechten Gesundheitszustand hindeutet, ist unklar: Es gibt schlicht zu wenig aussagekräftige Interventionsstudien - Studien also, bei denen Probanden über Jahre hinweg Vitamin-D-Pillen einnehmen und ihr Gesundheitszustand mit einer Kontrollgruppe verglichen wird.

"Ob Vitamin D auch das Risiko für Herzkrankheiten oder Krebs senkt, ist nicht bewiesen", sagt Jakob Linseisen, Ernährungswissenschaftler am Helmholtz-Zentrum in München, unter dessen Federführung die DGE-Arbeitsgruppe ihre Empfehlungen überdacht hat.

Erst im Dezember hat eine Studie der Universität Aberdeen allzu große Erwartungen gedämpft: Mehr als 5000 Studienteilnehmer, die älter als 70 Jahre alt waren, haben dafür zwei bis fünf Jahre lang Vitamin-D-Pillen in der Dosis von 800 IE geschluckt. Allerdings vermochte das Vitamin in dieser Zeit nicht vor Herzkrankheiten oder Krebs zu schützen.

"Zusammen mit vielen US-Kollegen bin ich der Ansicht, dass ein hoher Vitamin-D-Spiegel eher als ein indirekter Marker für eine bewegungsreiche und damit gesunde Lebensweise zu sehen ist", sagt Helmut Heseker, Präsident der DGE und Wissenschaftler an der Universität Paderborn. Dann wäre ein niedriger Vitamin-D-Spiegel Folge und nicht Ursache einer schlechten Gesundheit.

Ingrid Mühlhauser, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Hamburg, rät daher trotz der DGE-Empfehlung von Vitamin-Pillen ab: "Aus unserer Aufarbeitung der Literatur zum Thema Vitamin D und Prävention der Osteoporose halten wir die Datenlage für nicht ausreichend, um eine generelle Empfehlung für ältere Personen auszusprechen." Ausnahme: Pflegebedürftige, die nicht mehr ins Freie gehen. "Hier muss man von Fall zu Fall prüfen, ob Vitamin-D-Tabletten in Kombination mit Kalzium sinnvoll sind", so Mühlhauser.

Mit Verwunderung haben auch Verbraucherschützer auf den Paradigmen-Wechsel der DGE reagiert: "Studien in diesem Bereich sind vielfach interessengeleitet, vielleicht sogar von der Vitamin-Industrie gesponsert worden", sagt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale NRW. "Von Anbieterseite wird seit Jahren ein Vitaminmangel herbeigeredet, überzeugende Beweise sehen aber anders aus."