Tropenkrankheiten Der Parasit könnte bereits eine neue Strategie gefunden haben

Seit Hotez und andere Forscher 2003 auf einem Treffen in Berlin den Begriff "vernachlässigte tropische Krankheiten" geprägt haben, bekommen diese Leiden ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Hotez hat ein einschlägiges Fachjournal gegründet, die WHO hat eine eigene Abteilung für diese Krankheiten geschaffen.

Es gibt Pläne und Programme, auch für die Bilharziose. Sie beruhen vor allem auf der massenhaften Gabe von Praziquantel. Jedes Jahr spendet die Firma Merck Hunderte Millionen Tabletten. Weil es teurer wäre, zunächst auf die Krankheit zu testen und dann nur die Kranken zu behandeln, erhalten in betroffenen Gebieten normalerweise alle Menschen einer bestimmten Altersgruppe die Chemotherapie. Das verhindert zwar nicht, dass sich viele Menschen später erneut infizieren, aber es verringert die schweren Langzeitfolgen.

Die WHO hat gar das Ziel ausgegeben die Bilharziose bis 2025 zumindest in manchen Ländern Afrikas zu eliminieren. Die Parasitologin Webster hält das für zu optimistisch. "Sie unterschätzen die Fähigkeit dieses Parasiten, sich zu verändern", sagt sie. Webster ist in Senegal, weil sie glaubt, dass genau das gerade passiert. Der Parasit könnte hier eine neue Strategie gefunden haben: die Bildung von Hybriden, von Mischlingen, die entstehen, wenn zwei verschiedene Arten sich kreuzen. Hybride seien eine Art Abkürzung der Evolution, weil die Nachfahren sich von beiden Eltern deutlich unterscheiden können, sagt Webster. Solche Mischlinge können viel leistungsfähiger sein als ihre Eltern. Einige Studien deuten darauf hin, dass auch Wurm-Mischlinge fitter sind, schneller wachsen und sich schneller fortpflanzen.

In der Regel gehe man davon aus, dass Schistosoma haematobium, der häufigste Erreger der Bilharziose, nur Menschen infiziert, sagt Webster. Doch schon 2009 haben Forscher Mischlinge aus S. haematobium und dem Rinder-Erreger S. bovis in Kindern gefunden. Diese Hybride könnten womöglich auch Rinder befallen. "Das ist eine exzellente Strategie", sagt Webster. "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Tier, das nur Menschen infizieren kann, und dann können sie plötzlich Menschen und Kühe infizieren und vielleicht noch Ziegen und Schafe. Das ist großartig für das Potenzial des Parasiten."

Er schneidet der Ziege mit dem Messer tief in die Kehle, Blut schießt in Pulsen heraus

Sollte das der Fall sein, hätte der Wurm einen neuen Rückzugsort. "Es gäbe dann ein viel größeres Reservoir für den Erreger, das trockengelegt werden muss", sagt Webster. "Unter Umständen müssen wir die ganze Strategie noch einmal überdenken." Bisher sind Hybride allerdings nur im Menschen und nicht in Rindern, Schafen oder Ziegen gefunden worden. Möglicherweise hat aber noch nie jemand gezielt geschaut. Genau das machen Webster und ihre Mitarbeiter nun.

So stehen Webster und ihre Kollegen an einem heißen Nachmittag an der Hauptstraße von Richard Toll. Autos und Kutschen fahren vorbei. Im Sand neben der Straße, vor einem kleinen Friseursalon, liegt eine Ziege auf der Seite, ein Mann kniet auf ihrer Flanke. Er drückt den Kopf der Ziege in einen gelben Plastikbehälter und schneidet mit dem Messer in die Kehle. Dann dreht er den Kopf der Ziege in den Nacken. Es sieht aus, als würde sich im Hals des Tieres ein riesiges rotes Maul öffnen. Das Blut schießt pulsierend heraus.

Der Anblick tut Webster sichtlich weh. Doch als das zuckende, sterbende Tier in den Sand uriniert, springt sie mit einem kleinen Plastikbecher heran, um die Flüssigkeit aufzufangen. Den Harn kann sie später auf Wurmeier testen. Während der junge Mann das Tier zerlegt, untersuchen die Forscher die Eingeweide. Eine Schlachtung nach der anderen schauen sie sich an auf der Suche nach den Würmern.

Die spielten offensichtlich auch bei den Fällen aus Korsika eine Rolle. In einer Studie, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, haben Forscher die Würmer des deutschen Jungen untersucht. Sie hatten genetisches Material sowohl von Schistosoma haematobium als auch Schistosoma bovis. Könnten diese Hybride sich nach Europa ausgebreitet haben, weil sie zäher sind? Infizieren sie möglicherweise auch Rinder oder andere Tiere auf der Insel und verbreiten sich so weiter? Das kann auch Joanne Webster noch nicht beantworten: "Wir beginnen gerade erst zu verstehen, was wir alles nicht wissen über diese Parasiten".