Trinkwasser "Grenzwerte werden sicherlich überschritten"

Asseln schätzen ruhiges Wasser und meiden Turbulenzen. "In den teils unsanierten oder maroden Leitungen im Osten Deutschlands steht das Wasser oft lange. Hinzu kommt die Entvölkerung vieler Gegenden, sodass tagelang kein Hahn aufgedreht wird", sagt Möller. Diese Faktoren begünstigen das Gedeihen der Asseln.

Im Hamburg der 1960er Jahre waren Asseln im Trinkwasser ein großes Thema. Die Tiere wurden damals mit Chemikalien wie Pyrethrin bekämpft und das Rohrnetz wurde von innen neu versiegelt. Ganz beseitigen konnte man die Tiere aber nicht, in Rohrwinkeln und Fugen versteckt überlebten viele Asseln die Säuberungsaktionen. Und so schlagen sich die Tierchen bis heute durch, nicht überall, aber vielerorts. Die Asseln dringen über Oberflächenwasser an undichten Stellen in die Wasserwerke ein und gelangen so in das eigentlich weitgehend saubere Trinkwasser.

Problematisch wird es immer dann, wenn die Asseln sterben und die toten Tiere längere Zeit an einer Stelle im Rohr, etwa an einem Filter am Anschluss einer Wohnung oder eines Hauses, verwesen. Das geschieht zum Beispiel, wenn die Bewohner verreist sind und über Tage und Wochen kein Wasserhahn aufgedreht wird. Verwesen die kleinen Krebstiere, bilden sich Keime.

Öffnet der Heimgekehrte nach seiner Rückkehr den Wasserhahn, kommt ihm ein Schwall von Bakterien entgegen. "Diese Dosis ist wohl nicht gesundheitsgefährlich, solange man nicht gerade eine offene Wunde unter dem Wasserhahn ausspült", sagt Wasserforscher Gunkel, "aber die Grenzwerte für Keimbelastungen werden sicherlich überschritten."

Ohnmächtige Wassertierchen

Gunkel schlägt eine neue Waffe gegen die Trinkwasserparasiten vor, denn herkömmliche Hochdruckspülungen zur Rohrreinigung sind wirkungslos. Je stärker der Wasserdruck, umso fester krallen sich die Tierchen in den Leitungen fest. In Experimenten reicherte Gunkel Wasser mit Kohlendioxid an und spülte es in die Leitungen. Die Asseln wurden, so man dies bei Wirbellosen sagen kann, ohnmächtig und konnten durch normale Druckspülungen aus den Rohren gelöst werden.

In dem 70 Kilometer langen Rohrnetz von Brieselang wird das derzeit gemacht. An einem Hydranten wird Wasser entnommen, mit Kohlendioxid angereichert und in einen zweiten Hydranten wieder eingespeist. An einem dritten Entnahmepunkt sieben Filter die betäubten Asseln heraus. Wenige Tiere waren es nicht, die zum Vorschein kamen: "Wir haben Tausende Asseln pro Kilometer Rohrnetz gefunden", sagt Gunkel.

"Für Bayern kann ich fast meine Hand ins Feuer legen, dass wir dieses Problem nicht haben", sagt Verbands-Geschäftsführer Jörn-Helge Möller, allerdings könne er "nicht für jeden der 2400 Wasserversorger im Land alles restlos ausschließen". Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) beantwortete eine Anfrage so: "Ein Eintritt ins Trinkwassernetz wird dadurch vermieden, dass auf die Förderrohre Mikrosiebe aus Metall oder im Schacht Siebnetze aufgesetzt werden."

Wirkungsvoller wäre es aber, so die Studie "Wasserasseln in Wasserversorgungsanlagen", das Trinkwasser generell und nicht nur deutschlandweit sauberer und freier von Mikroorganismen und Kohlenstoffverbindungen zu bekommen. Denn dann verhungert die Assel einfach.