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Gesundheitsrisiko:Für Tattoofarben gilt nur die sogenannte Tätowiermittel-Verordnung

Fast alles ist in Deutschland reguliert: Jede Creme in der Drogerie wurde vorher getestet, auf Müslipackungen ist genau aufgeschlüsselt, was drin ist. Für Tattoofarben gilt nur die sogenannte Tätowiermittel-Verordnung, sie enthält eine Negativliste - mit 38 verbotenen Stoffen ist diese aber überschaubar. Alles andere darf in die Fläschchen. Und selbst daran halten sich nicht alle Produzenten, in Stichproben fallen immer wieder verbotene Stoffe auf. Zwar sind die Hersteller für die Sicherheit der Stoffe verantwortlich, aber die sind nicht verpflichtet, für ihre Produkte Sicherheitsberichte zu erstellen.

Die deutsche Politik hat das Thema vernachlässigt

"Es existiert keinerlei Zulassungsverfahren für Tätowiermittel", kritisiert die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann. Auch die bisherigen Kontrollen der Farben seien nicht ausreichend: Es gebe personelle Notstände bei den zuständigen Ämtern für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und enormes Unwissen. "Viele wissen gar nicht, was sie prüfen sollen und fragen die Tätowierer, ob sie ihnen nicht helfen können." Auch seien noch andere Fragen offen: "Soll Tätowierer ein Ausbildungsberuf werden? Warum gibt es keine einheitlichen Hygienevorschriften? Und: Wie viele Tattoostudios gibt es überhaupt - nicht einmal dazu gibt es Zahlen."

Sie selbst gibt zu, dass die Politik das Thema lange vernachlässigt hat: "Die Tattooverbände sind deshalb selbst tätig geworden, sie wollen Veränderungen. Vor der Branche ziehe ich meinen Hut." Im November traf sich Connemann mit Tätowierern, Lieferanten und Vertretern der Bundesministerien und diskutierte mit ihnen über Inhaltsstoffe, Hygiene und den Berufszugang. In vielem war man sich einig, auch bei den Farben: Es bedarf schärferer Vorschriften - am besten EU-weit.

Tätowierer, Politiker und Wissenschaftler sind sich einig: Es bedarf schärferer Regeln

Das könnte tatsächlich bald Realität werden. Denn damit beschäftigt sich die Europäische Kommission, genauer die ECHA, die Europäische Chemikalienagentur. Sie arbeitet an einem Papier, das einheitliche Standards bei Tätowiermitteln schaffen soll - quasi eine Negativliste für ganz Europa. Denn bisher entscheidet jedes Land selbst, welche Stoffe Tätowierer ihren Kunden injizieren dürfen. Es wäre die erste europaweite Regelung auf diesem Gebiet. Eine gute Sache also?

Michael Dirks ist sich da nicht ganz sicher. Er ist Chemieingenieur, und auch er wollte in den vergangenen Jahren mehr Sicherheit schaffen. Sein Ziel war es, gute, verträgliche Farben herzustellen. Dafür mischte er selbst Stoffe zusammen und tätowierte sie unter die eigene Haut. Mehr als 200 bunte Quadrate sind auf seinem Oberschenkel. Aus finanziellen Gründen musste er sein Vorhaben aufgeben und hält nun Vorträge über Tätowiermittel vor Österreichs Wirtschaftskammern.

Die EU-Verordnung findet er generell begrüßenswert: "Es ist ein sehr junger Industriezweig, dass es ein Regelwerk geben muss, ist ganz klar." Allerdings befürchtet er, dass das Vorhaben der ECHA genau das Gegenteil von dem bewirken könnte, was es eigentlich sollte. "Die Grenzwerte, die dort ausgerechnet wurden, sind völlig unrealistisch, das kann bisher kein Hersteller liefern", sagt er. "Dadurch könnten viele Tattoofarben komplett verboten werden." Auch der Medizinphysiker Bäumler schließt nicht aus, dass die ECHA "über das Ziel hinausschießen könnte". Zu hohe Grenzwerte könnten sich zugunsten von Hinterhof-Tätowierern auswirken: "Studios kann man kontrollieren", sagt er, "aber nicht, was auf der Wohnzimmercouch passiert."

Ohnehin würde auch diese Regulierung laut Bäumler nicht den Kern des Problems treffen. Denn dabei gehe es nur um Chemikalien, aber nicht um mögliche Langzeitfolgen: "Bisher haben wir nur eine unkoordinierte Langzeitstudie, die jeder Tätowierte an sich selbst durchführt - mit ungewissem Ausgang." Einmal hat Bäumler versucht, eine Frage in einer der größten deutschen Gesundheitsstudien, der "Nationalen Kohorte", unterzubringen: Sind Sie tätowiert? Doch sie wurde nicht aufgenommen. "Das hätte uns vielleicht mal weitergebracht." Kürzlich bekam Bäumler eine E-Mail von einer schwangeren Amerikanerin: Ob es ihrem Kind schadet, wenn sie sich tätowieren lässt? Mal wieder musste er passen. "Mir wäre es auch lieber, wenn Tattoos nicht langfristig schädlich wirken", sagt er, "aber ich will eins: Menschen wie ihr endlich eine klare Antwort geben."

© SZ vom 05.01.2019/nor
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