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Schwangerschaft:Das Gedächtnis der Ungeborenen

Wenige Tage nach ihrer Geburt erinnern sich Säuglinge offenbar an Laute, die sie im Mutterleib häufig gehört haben. Auch Abweichungen von bekannten Lautfolgen nehmen sie wahr.

Es klappt also doch: Natur und Kultur können sich auf wunderbare Weise ergänzen. Der Mensch erfindet eine nur unter größter Mühe erlernbare Sprache wie das Finnische - und die Natur tut alles, um ihm diese selbst auferlegte Aufgabe möglichst leicht zu machen. Zum Beispiel, indem sie schon Ungeborene im Mutterleib dazu befähigt, eine Art Sprachengedächtnis zu entwickeln.

Das gilt natürlich nicht nur für Föten, deren Muttersprache später Finnisch sein wird. Mit ihrer Hilfe aber haben Neurowissenschaftler um Minna Huotilainen von der Universität Helsinki erkannt: Wenige Tage nach ihrer Geburt erinnern sich Säuglinge offenbar an Laute, die sie im Mutterleib häufig gehört haben (PNAS, online).

Für Ihre Studie baten die Forscher 17 werdende Mütter, von der 29. Schwangerschaftswoche an regelmäßig der Buchstabenfolge "tatata" zu lauschen. Die Frauen bekamen eine CD, auf der das Kunstwort mehrmals wiederholt wurde, unterbrochen von Musik. Für etwas Abwechslung sorgte außerdem, dass das Kunstwort gelegentlich in anderer Tonhöhe vorgetragen oder ein einzelner Vokal ausgetauscht wurde.

Wenige Tage nach der Geburt spielten die Forscher den Kindern erneut das "tatata" vor. Außerdem hörte nun auch eine Kontrollgruppe von Kindern das Kunstwort, die es im Mutterleib noch nicht kennengelernt hatten. Aus den Hirnströmen, die sich mit wenig Aufwand von außen messen lassen, schlossen die Forscher auf die neurologische Entwicklung der Babys.

Bezogen auf die Verarbeitung von Lauten, war diese den Autoren zufolge bei den im Mutterleib beschallten Säuglingen weiter vorangeschritten. Das zeigte sich unter anderem daran, dass die Babys aus der "tatata"-Gruppe stärker auf die - ihnen offenbar bekannte - Buchstabenfolge reagierten als die Kontrollkinder. Auch wenn in dem Kunstwort andere Vokale als "a" auftauchten, nahmen die beschallten Kinder diese Abweichung offenbar deutlicher wahr - vor allem, wenn die Mutter in der Schwangerschaft die CD oft gehört hatte.

Damit zeigt die finnische Studie einmal mehr, wie erstaunlich früh Babys verarbeiten, was sie in ihrer Umgebung hören. Beispiele dafür haben auch andere Untersuchungen geliefert. So schreien bereits fünf Tage alte Neugeborene mit unterschiedlichem Melodieverlauf - je nachdem, ob sie französisch oder deutsch sprechende Eltern haben, berichteten Würzburger Forscher vor einigen Jahren.

© SZ vom 27.08.2013
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