Schönheitschirurgie:Keime auf dem Brustimplantat

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Schönheits-OPs - lassen sich die Risiken minimieren?

Ein einfacher Eingriff? Brustimplantate werden oft als ähnlich harmlos wie ein Kleidungsstück angesehen. Weit gefehlt.

(Foto: Ulrich Perrey/dpa)

Silikonkissen in der Brust sind nicht nur gefährlich, wenn Betrüger miese Produkte auf den Markt bringen. Auch reguläre Produkte verursachen Komplikationen.

Von Christina Berndt und Christopher Schrader

Wenn die Frauen die Schönheitsklinik verlassen, tragen sie Kunststoff nicht nur in sich, sondern auch bei sich: Wer sich Silikonkissen einsetzen lässt, bekommt neuerdings ein Plastikkärtchen mit. Dieser Implantate-Pass soll Hersteller, Typ und Seriennummer der Silikonkissen zeigen; seit Oktober muss ihn jeder Arzt für jedes Medizinprodukt ausstellen, das im Körper bleibt.

Damit hat der Gesetzgeber auf den Skandal um die französische Firma PIP reagiert, die Tausende minderwertige Brustimplantate verkauft hatte. Kommt es in Zukunft wieder zu einem Skandal um Implantate, sollen Frauen nachsehen können, ob sie betroffen sind. Und Ärzte müssen 20 Jahre lang ein Register führen, damit sie Patientinnen binnen drei Tagen informieren können. Mehr und mehr zeigen aktuelle Forschungsergebnisse: Implantate in der Brust bergen Risiken, auch wenn keine kriminellen Betrüger am Werk sind.

So sind derzeit Implantate der Firma "Silimed" ins Gerede gekommen. Ende September hat der TÜV Süd nach Tests in der Fabrik des brasilianischen Herstellers das CE-Zeichen ausgesetzt. Damit ruht die Zulassung auf dem europäischen Markt, wie das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bestätigt. Der TÜV hatte Partikel auf den Implantaten gefunden, die eigentlich steril sein sollten; der Hersteller versichert hingegen, seine Produkte seien sicher und die gefundenen Mengen an Fremdkörper seien industrieüblich und lägen weit unterhalb der Herstellernormen.

Auf einem Kongress der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) Anfang Oktober in Berlin hatte Silimed eine Rechtfertigung in die Kongresstaschen der Teilnehmer legen lassen, direkt neben die Auto-Prospekte. Tatsächlich gibt es für den Partikelbesatz der Silikonkissen keine europäischen Grenzwerte, was bedeutet, es sollte sich überhaupt kein Schmutz darauf finden.

Ärzte diskutieren jedoch, ob auch saubere Oberflächen Bakterienfilme fördern und womöglich gar Krebs verursachen können. Eine sehr seltene Krebsform, das "anaplastische großzellige Lymphom" (ALCL), könnte in Zusammenhang mit Brustimplantaten stehen. Bisher ist es weltweit nur bei 60 der fünf bis zehn Millionen Frauen mit Brustimplantaten diagnostiziert worden. Aber das ist eine statistisch auffällige Häufung. Die Erkrankung ist ein Krebs des Immunsystems, nicht des Brustgewebes. In der Fachliteratur wird bereits diskutiert, ob Bakterienansammlungen auf Implantaten womöglich die Körperabwehr in eine Überreaktion treiben. Bei der Operation, so Christine Radtke von der Medizinischen Hochschule Hannover, würden Implantate inzwischen durch einen Tunnel aus steriler Folie in den Körper gebracht, um jeden Kontakt mit der Haut und deren Bakterienflora zu vermeiden.

Brustimplantate gehören zur höchsten Risikokategorie unter den Medizinprodukten

Oft werden Brustimplantate als ähnlich harmlos angesehen wie ein Kleidungsstück. Tatsächlich jedoch gehören sie längst zur höchsten Risikokategorie 3 der Medizinprodukte, so wie künstliche Herzklappen oder Kniegelenke. Das habe gute Gründe, sagt der Plastische Chirurg Peter Vogt, der ebenfalls an der MHH arbeitet. Nach Daten der US-Gesundheitsbehörde FDA muss jede fünfte Frau ihre zur Vergrößerung der Brüste eingesetzten Implantate binnen acht oder zehn Jahren entfernen oder austauschen lassen, weil die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist oder Probleme auftreten. Bei einer Rekonstruktion der Brust nach einem Tumor sind es sogar zwischen 30 und 50 Prozent.

In manchen Implantaten wuchs etwas

So kann sich die sogenannte Kapsel, die der menschliche Körper um das Kunststoffteil legt, verhärten und schmerzhaft entzünden. Oder das Silikonkissen kann einreißen: Uwe Fischer vom Brustzentrum Göttingen spricht vom "Linguini-Zeichen" und vom "Salatöl-Zeichen". Dahinter verbergen sich typische Muster auf Bildern, wenn ein Kernspintomograf verdächtige Implantate durchleuchtet. Ist die Hülle des Silikonkissens gerissen, liegen die Streifen auf den Aufnahmen kreuz und quer wie längliche Nudeln. Und geraten Körperflüssigkeiten in die Füllung des Implantats, dann sieht das auf dem Monitor wie verquirltes Essig und Öl aus. In beiden Fällen müssen die Implantate entfernt werden.

Womöglich kommt noch Ärger von ganz anderer Seite auf Patientinnen zu - aus dem Innern der Implantate. Auf dieses bislang noch wenig bekannte Problem weist der Plastische Chirurg Johannes Reinmüller von der Klinik am Sonnenberg in Wiesbaden hin. Auch er hatte es zunächst zufällig entdeckt: Vor zwölf Jahren entfernte er bei einer Patientin Implantate, deren Körpergewebe offenbar unter den Silikonkissen gelitten hatte. In ihrer Brust war ein deutlicher Gewebeschwund erkennbar. Sicherheitshalber hob Reinmüller das entfernte Implantat auf, so wie weitere, die er seither entnahm. Tatsächlich machte er eines Tages eine beunruhigende Entdeckung: In manchen Implantaten wuchs etwas. Eine erste Analyse ergab Hinweise auf Pilze. "Die Implantate sahen aus wie Schneekugeln", berichtet Reinmüller.

Der Arzt vermutet, dass dieses Wachstum schon im Körper der Patientinnen begann und die Bakterien oder Pilze nicht von außen in die Implantate eingedrungen sind. "Ich habe nur Implantate mit intakter Silikonhülle begutachtet", sagt er. Die Hüllen der Silikonkissen sind zwar für kleine Moleküle durchlässig, deren Durchmesser im Nanometer-Bereich liegt, aber nicht für Pilzsporen oder andere Keime. Keime oder Pilze aus Implantaten können deshalb nicht in den Körper der Patientinnen gelangen - wohl aber deren Gifte. Zugleich kann das Immunsystem die Pilze im Inneren des Implantats nicht erreichen und deshalb auch nicht unschädlich machen. "Womöglich sind solche Gifte die Ursache für das Auftreten des ALCL oder für die erhöhte Gefahr von Aborten bei Implantatträgerinnen, die diskutiert wird", sagt Reinmüller.

Inzwischen hat der Arzt etwa 300 Implantate von den unterschiedlichsten Herstellern gesammelt. Manche waren nur wenige Monate im Körper, wenn zum Beispiel die Patientin noch größere Implantate wünschte. In 29 der Medizinprodukte, also fast jedem zehnten, zeigten sich die bizarren Ausflockungen. Auf dem Kongress der DGPRÄC in Berlin zeigte Reinmüller eindrucksvolle Bilder davon. Er befürchtet, dass es irgendwo eine Sterilitäts-Lücke im System gibt - womöglich beim Silikonhersteller selbst. Fast alle internationalen Implantathersteller kaufen ihr Silikon bei nur zwei Firmen in Kalifornien ein.

"Dass innen im Gel etwas wächst, das ist etwas völlig Neues", warnt ein Mediziner

Die Hersteller und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte habe er längst angeschrieben, berichtet Reinmüller - ohne eine zufriedenstellende Reaktion erhalten zu haben. "Bakterielles Wachstum auf der Silikonhülle wird schon seit längerem diskutiert", sagt der Arzt. "Aber dass auch innen im Gel etwas wächst, ist etwas völlig Neues. Das muss dringend untersucht werden." Dass sich weder Hersteller noch Aufsichtsbehörden bisher für seine Funde interessiert haben, findet Reinmüller skandalös. "Das ist aber leider ein Trend in der so genannten Schönheitschirurgie", sagt er. "Die Frauen werden zur Beute beziehungsweise zu Opfern."

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