Reproduktionsmedizin:Wenn es um den Menschen geht, dann reicht nicht der deutsche Inselblick

Auffallend ist, wie sehr sich das Klima innerhalb der Wissenschaft gewandelt hat: Gab es nach der ersten chinesischen Studie vor zwei Jahren noch weltweite Empörung und einen nahezu einhelligen Konsens, wenigstens auf die Implantation genmanipulierter Embryonen verzichten zu wollen, scheint man heute nur noch um den Zeitpunkt zu streiten, an dem der Mensch als genetisch veränderter Organismus (GVO) Wirklichkeit werden soll. Noch mehr fällt auf, dass die Politik gerade zu den jüngsten Versuchen auf breiter Front schwieg.

Angesichts der Bedeutung für das Verständnis des Menschseins verwundert dies nicht nur, es ist zutiefst beunruhigend. Da nutzen auch die üblichen Erklärungen nicht, dass andere Themen vielleicht nicht bleibend wichtiger, dafür aber jetzt dringlicher seien; auch nicht der Hinweis, dass man die - bei uns in Deutschland sogar grundrechtlich verbürgte - Forschungsfreiheit nur sehr vorsichtig einschränken dürfe und wir im Übrigen hier die Dinge klar geregelt hätten: Das Embryonenschutzgesetz verbiete Embryonenforschung und Keimbahninterventionen.

Wenn es um den Menschen in seiner biologischen Ausstattung geht, dann reicht nicht der deutsche Inselblick, dann muss die Weltgesellschaft in ihrer repräsentativen Form, sprich: auf der Ebene der Vereinten Nationen, reagieren. Und sie darf auch einschränkende Regeln festlegen, wenn die folgenden Fragen zu beantworten sind: Wollen wir solche Veränderungen? Kann ein Ziel - hier: die Therapie schwerer Erkrankungen - moralisch gut bleiben, wenn der Weg dorthin moralisch äußerst fragwürdig ist?

Wird die natürliche Zeugung ein Auslaufmodell?

Der Weg - das sind auf unabsehbare Zeit gesundheitsgefährdende Versuche an späteren Menschen, die nicht einwilligen können. Wollen wir solche ins Erbgut eingreifenden Therapieversuche wagen, obwohl die krankheitsverhindernden Effekte durch eine Präimplantationsdiagnostik genauso entdeckt werden könnten? Wo ziehen wir die Grenze für solche Keimbahnveränderungen? Tausende monogenetische Erbanlagen sind bekannt. Welche Genvarianten sollten ausradiert werden?

Wollen wir diese Art von Manipulationen, auch wenn sie eine Vorlage für weiter reichende vermeintliche Perfektionierungen des Menschen bieten? Welche Risiken wollen wir späteren Generationen aufbürden, obwohl wir durch die Erkenntnisse in Systembiologie und Epigenetik aus den vergangenen Jahren wissen, dass manche Folgen genetischer Veränderungen erst bei den Kindeskindern auftreten können? Auch die kann keiner nach ihrer informierten Einwilligung fragen. Wird die natürliche Zeugung nur deshalb kein Auslaufmodell, weil sich Genbereinigungen sowieso nur eine reiche Oberschicht leisten kann? Und können selbst hartgesottene Rationalisten den Umstand übergehen, dass wohl Milliarden Menschen größtes Unbehagen empfinden, wenn so tief in das Vorgegebene eingegriffen wird?

Zu all diesen Fragen gibt es kontroverse Positionen, auf der Ebene globaler Politik werden sie derzeit aber überhaupt nicht diskutiert. Natürlich soll man in Forschung und Therapie investieren, aber angesichts der enormen Komplexität der Evolution müssen wir doch größte Vorsicht walten lassen, wenn wir uns selbst als Evolutionsbeschleuniger aufspielen wollen. Zu dieser Zündelei gibt es genügend sinnvolle Alternativen. Vor allem sollten solche Fragen nicht nur in wissenschaftlichen, ethischen und zivilgesellschaftlichen Kreisen debattiert werden. Die völkerrechtlich zwar schwache, in der Sache aber starke Formel vom "Genom als Erbe der Menschheit" formuliert die Dramatik der Aufgabe. Trotz Wahlkampf, trotz dringlicher erscheinender Probleme müssen die Politiker sich des Themas endlich annehmen - global, bevor es zu spät ist.

Peter Dabrock ist Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.

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