Gesundheitsminister Spahn HIV-Prophylaxe soll Kranken­kassenleistung werden

Das HIV-Präexpositionsprophylaxe-Medikament Truvada.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Gesundheitsminister Jens Spahn will das Medikament "Prep" künftig von den Krankenkassen bezahlen lassen.
  • "Prep" schützt vor HIV. Es ist allerdings umstritten, da "Prep"-Nutzer womöglich weniger ein Kondom benutzen.
  • Gesundheitsminister Spahn jedenfalls will sein Vorhaben noch diesen Monat auf den Weg bringen.
Von Michaela Schwinn

Wenn er husten musste, wenn es im Hals kratzte, dann kam die Angst. War es dieses Mal schiefgegangen? Hatte er sich vielleicht angesteckt, weil er das Kondom einfach in der Hosentasche ließ? Darüber grübelte Malte Arend, wenn er mal wieder beim HIV-Test saß, mit schweißnassen Händen und schlechtem Gewissen. Das Ergebnis war immer negativ. Und doch fragte er sich jedes Mal: Warum habe ich nicht aufgepasst?

Das war vor zwei Jahren, seitdem ist das schlechte Gewissen weg. Arend, der in Wirklichkeit anders heißt, schluckt es einfach herunter - mit einer kleinen blauen Pille. Prep heißt das Mittel, kurz für Präexpositionsprophylaxe. Seit 2016 ist es in Deutschland zugelassen und soll vor allem homosexuelle Männer wie Arend vor einer HIV-Infektion schützen. Tatsächlich belegen mehrere Studien, dass die Pillen sehr wirksam sind: "Werden sie regelmäßig eingenommen, verringert sich das Ansteckungsrisiko um 86 bis 99 Prozent", sagt Christoph Spinner, Infektiologe im Münchner Klinikum rechts der Isar. "An der Wirksamkeit besteht kein Zweifel. Nun müssen nur noch alle Zugang dazu bekommen."

"Wenn ich da einsteige mit den ganzen Tests und Gesprächen, bin ich irre viel Geld los"

Diesen Zugang für alle will nun Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sicherstellen. In Zukunft sollen die kleinen blauen Pillen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, forderte Spahn im Deutschen Ärzteblatt. Die deutsche Aids-Hilfe feierte das als "Meilenstein", Fachpolitiker von SPD und Grünen zeigten sich erfreut. Der Verband der Krankenkassen ist naturgemäß weniger begeistert: Arznei, die der Ausübung sexueller Aktivitäten diene, solle jeder Versicherte selber zahlen.

So wirkt „Prep“

Das Mittel mit dem sperrigen Namen Präexpositionsprophylaxe (Prep) soll Menschen davor schützen, sich mit HIV anzustecken. Die Wirkstoffe Tenofovir und Emtricitabin, die in den blauen Pillen stecken, können ein Enzym des HI-Virus hemmen und somit verhindern, dass es sich im Körper des Infizierten fortpflanzt. Deshalb stecken sich die meisten Prep-Nutzer auch bei ungeschütztem Sex mit einem HIV-Positiven nicht an. Die Wirkung der Tabletten ist bei Männern höher als bei Frauen und besonders hoch, wenn sie jeden Tag eingenommen werden. Als das Medikament in Deutschland auf den Markt kam, kostete eine Monatspackung noch etwa 800 Euro. Erst als ein Kölner Apotheker die Initiative ergriff und mit der Pharmaindustrie neue Preise aushandelte, wurde es auch für Normalverdiener erschwinglich. Michaela Schwinn

Im Fall von Prep sind das 50 Euro für eine Monatspackung und dazu noch Kosten für Beratung und Untersuchungen. Denn nur wer regelmäßig zum Aids-Test kommt und seine Nieren untersuchen lässt, bekommt ein neues Rezept vom Arzt. "Da kommen schnell mal 1000 Euro im Jahr zusammen", sagt der Infektiologe Spinner.

Auch Malte Arend muss tricksen, um sich die HIV-Prophylaxe leisten zu können. Der 44-Jährige ist privat versichert, er müsste alles selber zahlen: "Wenn ich da einsteige mit den ganzen Tests und Gesprächen, bin ich irre viel Geld los." Also bestellt er Prep aus Indien. Legal ist das nicht, aber Arend spart sich bei den Tabletten etwa die Hälfte und das Geld für die Beratungen.

Viele aus Arends Bekanntenkreis nehmen Prep. Zugeben würden sie das eher nicht. Denn obwohl die Tabletten helfen könnten, die Krankheit endlich einzudämmen, und obwohl man "seine Sexualität damit viel freier und unbeschwerter ausleben kann", wie Arend findet, sind sie sehr umstritten - vor allem in der Schwulenszene. Prep sei bei vielen verrufen - auch bei Mitarbeitern der HIV-Prävention - weil es ungeschützten Sex und damit Geschlechtskrankheiten fördere.

Ganz unberechtigt ist diese Kritik wohl nicht, das gibt auch Malte Arend zu. Warum ein Kondom benutzen, wenn es auch eine Pille gibt? Sprüche wie diesen hat er schon häufig gehört. Und auch er selbst sagt ganz offen, dass er seltener Kondome benutzt, seit er die Pillen nimmt.

Für den HIV-Experten Christoph Spinner spricht das aber nicht gegen die Tabletten: "Studien zeigen schon lange vor der Einführung von Prep einen Anstieg an sexuell übertragbaren Infektionen. Was für einen nachlassenden Kondomgebrauch spricht." Umso wichtiger sei es, eine zusätzliche Schutzmethode gegen HIV zu haben. Mit Prep könnte außerdem viel Geld gespart werden: Die Prävention sei für die Kassen viel billiger als eine Therapie.

Gesundheitsminister Spahn jedenfalls will sein Vorhaben noch diesen Monat auf den Weg bringen. Umstritten ist aber noch, wer die Pillen bezahlt bekommt - nur Risikogruppen wie Homo- oder Bisexuelle oder auch Heterosexuelle, die sich vor Aids schützen wollen. Auch wenn Arend als Privatpatient nicht unmittelbar von Spahns Vorstoß profitieren wird, findet er ihn dennoch positiv: "Es ist eine Chance für uns alle, endlich ein wenig angstfreier zu leben."

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