Umwelt:Bundesinstitut zu Weichmacher in Urinproben: Kein Anlass für erhöhte Besorgnis

Umwelt: Martin Kraft, Leiter des Fachbereichs Umweltmedizin, Toxikologie und Epidemiologie am Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) Nordrhein-Westfalen nimmt tiefgefrorene Urinproben aus einem Gefrierschrank in einem Labor.

Martin Kraft, Leiter des Fachbereichs Umweltmedizin, Toxikologie und Epidemiologie am Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) Nordrhein-Westfalen nimmt tiefgefrorene Urinproben aus einem Gefrierschrank in einem Labor.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

In Urinproben wurde ein Schadstoff entdeckt, der womöglich von Verunreinigungen in Sonnenschutzmitteln stammt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht jedoch vorerst keinen Grund zur Beunruhigung.

Die kürzlich in Urinproben entdeckten Mengen eines Schadstoffs sind nach einer ersten Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) "kein Anlass für eine erhöhte Besorgnis". Das geht aus einer BfR-Stellungnahme zu den Funden von MnHexP (Mono-n-hexyl-Phthalat) hervor. Darin schreibt die Behörde für viele Menschen vermutlich wenig beruhigend: "Die nachgewiesenen Konzentrationen bewegen sich in einem Bereich, der auch bei anderen Phthalaten im Rahmen von Reihenuntersuchungen nachgewiesen wurde."

Vor gut zwei Wochen hatte das Umweltbundesamt (Uba) darüber informiert, im Urin zahlreicher Menschen in Deutschland MnHexP entdeckt zu haben. Das Uba hatte ihn im Urin Erwachsener nachgewiesen, eine Behörde in Nordrhein-Westfalen in dem von Kindergartenkindern. MnHexP ist nach Uba-Angaben ein Abbauprodukt des Weichmachers DnHexP (Di-n-hexyl-Phthalat). Laut BfR kommen auch andere Ausgangsstoffe für das gefundene MnHexP im Urin in Betracht. DnHexP darf laut Uba in der EU seit 2023 ohne Zulassung grundsätzlich nicht mehr verwendet werden.

MnHexP sei nach Ergebnissen von Tierversuchen ein fortpflanzungsschädigender Stoff, sagte Uba-Toxikologin Marike Kolossa kürzlich. Er wirke vor allem auf die Fortpflanzungsorgane männlicher Föten im Mutterleib. Er könne aber auch für Erwachsene schädlich sein und das Risiko für Diabetes, Bluthochdruck und Fettleibigkeit erhöhen, was aus weiteren Tierversuchen hervorgehe. In einzelnen Menschen seien Konzentrationen entdeckt worden, "die so hoch sind, dass eine Gesundheitsgefährdung nicht auszuschließen ist".

Die Ursache für die erhöhten MnHexP-Werte in den Urinproben von Erwachsenen und Kindern seien bislang nicht geklärt, schreibt nun das BfR. Allerdings würden verschiedene Quellen wie Sonnenschutzmittel und andere Verbraucherprodukte diskutiert. Im Verdacht steht ein bestimmter UV-Filter, der DnHexP als Verunreinigung enthalten könnte. Es gebe aber keine belastbaren Informationen, ob am Markt erhältliche Sonnenschutzmittel, andere Kosmetika oder auch sonstige Verbraucherprodukte einen derart verunreinigten UV-Filter tatsächlich enthielten, schreibt das BfR.

Das baden-württembergische Verbraucherschutzministerium teilte am Sonntag mit, dass Fachleute aus aktuellem Anlass 57 Proben der vergangenen Jahre zu Sonnenschutzprodukten auf DnHexP untersucht hätten. Demnach konnte der Weichmacher in 21 Proben in einer Konzentration von 0,3 bis 16 Milligramm pro Kilogramm nachgewiesen werden. Zunächst hatte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung über die Untersuchung berichtet.

Das BfR kommt in seiner bereits am Samstag verbreiteten Stellungnahme zu dem Schluss, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass es durch Sonnenschutzmittel, die einen potenziell mit DnHexP verunreinigten UV-Filter enthielten, zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen komme. DnHexP sei als Inhaltsstoff in kosmetischen Mitteln verboten, er könnte aber als Verunreinigung von Ausgangsstoffen in solche Produkte eingetragen werden.

Das BfR betonte, die vorliegende Bewertung der gesundheitlichen Risiken sei vorläufig. Es sei davon auszugehen, dass mögliche Risiken in der aktuellen Risikobewertung eher zu hoch als zu niedrig eingeschätzt worden seien. Einen Grenz- oder Richtwert gebe es für MnHexP oder den möglichen Ausgangsstoff DnHexP derzeit noch nicht. Für die vorläufige Bewertung habe das BfR deshalb "Informationen zu den gesundheitlichen Wirkungen von chemisch ähnlich aufgebauten Phthalaten herangezogen, für die entsprechende Werte existieren". Als zusätzlichen Sicherheitsabstand habe das BfR unterstellt, dass die beiden genannten Stoffe bis zu fünfmal stärker wirken könnten als das Phthalat Di-n-butylphthalat (DnBuP) mit den aktuell niedrigsten Grenz-/Richtwerten. "Die BfR-Berechnungen zeigen lediglich bei einer sehr geringen Anzahl von Fällen eine rechnerische Überschreitung der aktuell niedrigsten Grenz/-Richtwerte", heißt es in der Stellungnahme der Behörde.

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